Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Ein Literaturliebhaber führt durch die Vergangenheit, Justin Bieber besingt seine Gegenwart, eine Doku übers Kinderkriegen erforscht die Zukunft. Neun Kulturtipps für dieses Wochenende.

17. Juli 2025

Zum Sehen

Thriller

Brick

Netflix

Die Ausgangslage für den Netflix-Thriller „Brick“ ist simpel: Über Nacht wird ein Hamburger Wohnhaus von einer Mauer umgeben, niemand kommt mehr rein oder raus. Innen entspinnt sich ein Beziehungsdrama zwischen Tim und Olivia (überaus authentisch gespielt vom echten Liebespaar Matthias Schweighöfer und Ruby O. Fee). Inspiration für den Film sei die Zeit während der Coronapandemie gewesen, erzählt der Regisseur Philip Koch, das Gefühl des Eingesperrtseins während des Lockdowns. Ein spannender Thriller, in dem sich die Herausforderungen einer Gesellschaft auf engstem Raum beobachten lassen.

Dokumentation

Sex and the Scientists

ARD Mediathek

Kaum ein wissenschaftliches Thema ist so umkämpft und emotionalisiert wie das Kinderkriegen. Forschung zur Eizellenentwicklung, künstliche Gebärmütter, ethische und soziologische Fragen, persönliche Geschichten – drei Dokufolgen reichen kaum aus, um all das zu beleuchten. Der Bayerische Rundfunk hat es trotzdem versucht und liefert Einblicke in einen hochkomplexen Wissenschaftsbetrieb, der das Zusammenleben in unserer Gesellschaft maßgeblich verändern könnte, gepaart mit ganz persönlichen Geschichten von Menschen, die auf diese Entwicklung hoffen, um irgendwann einmal Kinder kriegen zu können.

Dramedy

Too Much

Netflix

Die Amerikanerin Jessica hat ein ganz klares Bild von England, dank Jane Austen, Brontë, britischen Krimi-Serien. Als sie nach einer Trennung ein neues Leben in London beginnt, wird dieses Bild ziemlich schnell auf den Kopf gestellt. Was klingt wie ein Reboot von „Emily in Paris“, entpuppt sich allerdings als trotziger Gegenentwurf. Lena Dunham, die 2012 mit „Girls“ das Erzählen über junge Frauen im Fernsehen revolutionierte, zeichnet in ihrer neuen Serie ein schmuddeliges, verlorenes, aber trotzdem rührendes Bild von der Entzauberung eines Traums.

Zum Lesen

Essay

Einfach Literatur. Eine Einladung

Klaus Willbrand und Daria Razumovych

Alte Bücher, das interessiert da draußen doch kaum jemanden, dachte Antiquar Klaus Willbrand. Und dennoch ließ er sich von einer jungen Freundin, Daria Razumovych, überzeugen, es mal auf Tiktok zu probieren. Mit Erfolg: Seine Kurzvideos zu Marcel Proust, Thoman Mann, oder Elfriede Jelinek begeisterten Menschen in ganz Deutschland. Als Klaus Willbrand im Januar starb, war er mittendrin, mit Daria Razumovych ein Buch zu schreiben. „Einfach Literatur“ bleibt dem treu, was Willbrand Zeit seines Lebens am liebsten tat: unaufgeregt und trotzdem ganz besonders über Literatur und ihre Erschaffer sprechen.

Graphic Novel

Ada Blackjack

Isabel Pin

Auf den ersten Blick ist die wahre Geschichte von Ada Blackjack nichts für Kinder. Gemeinsam mit vier weißen Expediteuren bricht die junge Indigene zur arktischen Wangelinsel auf, um sie zu besiedeln. Sie ist die einzige Überlebende der Mission und wird 1923 von der Insel gerettet. Die Graphic Novel erzählt von diesem brutalen Abenteuer, aber auch von der Diskriminierung, die Ada nach ihrer Rückkehr erfährt. Dabei schafft es Isabel Pin, schwere Themen leicht und nah an ihrer Heldin zu erzählen. Dass Ada Blackjack eine echte Heldin ist, daran bleibt nach der Lektüre kein Zweifel.

Roman

Lilianas unvergänglicher Sommer

Cristina Rivera Garza

Liliana wird im Jahr 1990 ermordet. Der Täter, ein zurückgewiesener Liebhaber, wird nie verurteilt, nicht einmal angeklagt. Fast 30 Jahre lang versucht die mexikanische Historikerin Cristina Rivera Garza, die letzten Lebensmonate ihrer verstorbenen Schwester zu rekonstruieren. Herausgekommen ist ein aufwühlender und persönlicher Roman, voller Überlebensschuld, Verzweiflung, gesellschaftlichem Versagen. Und das Porträt eines Landes, in dem der Wunsch nach Gerechtigkeit auf ein System trifft, in dem Frauen meist den Kürzeren ziehen.

Zum Hören

Pop

Moisturizer

Wet Leg

Als die Indiepop-Band Wet Leg 2021 mit „Chaise Lounge“ den ersten großen Hit landeten, war da direkt die Angst des Publikums. Das könnte es schon wieder gewesen sein, ein klassisches One-Hit-Wonder. Aber es kam ganz anders: ein Knaller-Song nach dem anderen, zwei Grammys 2023, und nun eben das neue Album, „Moisturizer“. Dabei ist einiges neu: Der Sound rockiger, aus dem Frauen-Duo ist eine gemischte fünfköpfige Band geworden. Radikal ehrliche Gefühle, feministischer Trotz, smarte Texte: So kann es weitergehen.

Podcast

Irma. Das Kind aus Srebrenica

ZEIT

Es klingt wie aus einem schrecklichen Film: Christine, deutsche Krankenschwester, arbeitet 1995 für Ärzte ohne Grenzen im Bosnienkrieg – und rettet das Baby eines Mannes, der kurz darauf erschossen wird. Dreißig Jahre nach dem größten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg treffen sich Christine und das Baby, inzwischen eine Frau, wieder. In fünf Folgen versucht sich „Irma. Das Kind aus Srebrenica“ an einer Rekonstruktion dieser sehr persönlichen Geschichte aus ganz verschiedenen Perspektiven. Auch wenn das an die Substanz gehen kann, sollte das jeder mal gehört haben.

Pop

SWAG

Justin Bieber

Ohne Vorwarnung war es einfach da, das neue Album von Justin Bieber, nach vier Jahren Pause. In dieser Zeit hat der Popstar einiges erlebt: Er ist Vater geworden, war Gegenstand zahlreicher, meist unrühmlicher Gerüchte, gestand Aggressionsprobleme ein. Diesen Themen widmet sich Bieber auch auf der neuen Platte, vor allem aber geht es, wie immer, um die Liebe und den damit verbundenen Schmerz. Wer darüber mitreden will, was aus dem ehemaligen Teenie-Star geworden ist, sollte reingehört haben. Denn trotz gleichförmigem Sound gibt es die eine oder andere Überraschung.

Text: Marie Gundlach; Editorial Design: Felix Hunger; Illustration: Sead Mujić; Redaktion: Thore Rausch; Digitales Storytelling: Max Fluder

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