Die Welt befindet sich im Krisenmodus – und die Kultur macht es nach: In Filmen, Serien und der Literatur häufen sich Apokalypse und Verderben. Dabei bräuchte die Menschheit dringend ein paar positive Zukunftsvisionen, findet die Utopieforscherin Fátima Viera.

Schwerpunkt Zuversicht

„Wo soll die Lust auf Veränderung sonst herkommen?“

Die Welt befindet sich im Krisenmodus – und die Kultur macht es nach: In Filmen, Serien und der Literatur häufen sich Apokalypse und Verderben. Dabei bräuchte die Menschheit dringend ein paar positive Zukunftsvisionen, findet die Utopieforscherin Fátima Viera.

Schwerpunkt Zuversicht

„Wo soll die Lust auf Veränderung sonst herkommen?“
Interview von Katharina Erschov, Illustration & Animation von Joana Hahn
30. April 2025 | Lesezeit: 5 Min.

Gaza, Ukraine, Sudan. China droht Taiwan. Die USA und Russland drohen der Welt. Die Gletscher schmelzen. Das Klima wankt. Die Arten sterben. In Deutschland steigen die Mieten, die Lebenshaltungskosten auch, gleichzeitig sinkt die Wirtschaftskraft. Brücken bröseln und Populisten werden mächtiger.

Tagtäglich brechen viele schlechte Neuigkeiten auf einmal über uns herein, doch offenbar nicht genug. Denn was macht der Mensch? Auch in seiner Freizeit schaut er sich am liebsten noch mehr gruselige Szenarien an.

Längst hat sich die Weltuntergangsstimmung auf das Angebot beliebter Streaming-Anbieter niedergeschlagen, Dystopien erleben gerade ihre eigene Inflation – von „The Last of Us“ bis „Alice in Borderland“. Statt erbaulicher Geschichten: Zombie-Apokalypse und menschliches Verderben. Warum bloß? Ein Anruf bei Utopieforscherin Fátima Viera von der Universität Porto.

SZ: Frau Vieira, wenn man sich die gegenwärtigen Kulturprodukte ansieht, könnte man meinen, dass utopische Geschichten ausgestorben sind. Ist das so?

Fátima Vieira: Es erscheint so, weil sich in den vergangenen 100 Jahren die Dystopie als kulturelle Norm und vielleicht sogar als Zeitgeist durchgesetzt hat. Doch die Utopie ist nicht tot, sie hat nur ihre Form verändert. Es ist die politische Großutopie als Entwurf einer universellen und idealen Gesellschaft, die womöglich dahin ist.

Was genau meinen Sie damit?

Früher haben utopische Geschichten noch konkrete Handlungsrezepte gegeben. Man denke zum Beispiel an die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus oder die pervertierte homogene Gesellschaft des Nationalsozialismus. Das ist, was wir heute als politische Grußutopie verstehen. Davon hat man sich Gott sei Dank gelöst.

Aber man muss ja nicht gleich den Nationalsozialismus wiederbeleben, um sich eine Utopie auszudenken. Trotzdem sind die Bestsellerlisten und Streaming-Portale voller Erzählungen mit apokalyptischen Ausgängen. Fehlt den Menschen die Fantasie für positive Zukunftsbilder?

Ganz und gar nicht. Unser Gehirn ist ein prospektives, also vorausschauendes Organ. Soweit wir wissen, sind wir die einzigen Lebewesen, die Möglichkeiten ersinnen können, die es in der Realität noch nicht gibt. Aber wir haben uns diese und andere kreative und intuitive Fähigkeiten nicht so gut antrainiert wie das lineare Denken, das sich besonders dafür eignet, Dystopien zu erfinden. Das ist sogar evolutionär bedingt. Um politische oder militärische Systeme zu erschaffen und in einer Gemeinschaft leben zu können, musste der Mensch sich sehr stark auf sein logisches Denken verlassen. Von Natur aus liegt es uns daher näher, in Kausalketten und damit linear zu denken, als eben prospektiv. Doch es ist nicht unmöglich, wie zahlreiche literarische Utopien bereits gezeigt haben!

Also sollten wir uns alle einfach mehr anstrengen auf der Suche nach der Utopie?

Den Versuch wäre es auf jeden Fall wert! Denn was passiert beim utopischen Denken? Es beginnt ja zunächst mit einem Ziel und der Frage: „Wie könnten wir leben, wenn …?“ Allein diese Frage setzt einen Überschuss des Wollens frei. Das Denken verwandelt sich von einem reaktiven Prozess in einen wunschgetriebenen. Das allein macht Menschen schon glücklich. Wo soll die Lust auf Veränderung sonst herkommen? Wenn wir nicht mehr fragen, wie die Gesellschaft sein könnte, können wir nicht mehr beurteilen, wie sie sein sollte.

Es heißt, Not mache erfinderisch. Das müsste auch für Krisenzeiten gelten. Wo bleiben dann gerade die völlig neuen, positiven Zukunftsentwürfe?

Man kann sich von dem Anspruch trennen, etwas komplett Neues zu erdenken oder die perfekte Gesellschaft zu definieren. Es reicht, Alternativen zum Gegenwärtigen zu entwickeln, als Widerstandsnester sozusagen. Die Utopie des 21. Jahrhunderts ist viel realistischer, sie rückt sozusagen ins Zentrum, was bislang unbeachtet am Rand stand.

„Das gesamte Bildungssystem schränkt den kreativen Geist ein“

„Das gesamte Bildungssystem schränkt den kreativen Geist ein“

Mehr als 60 Prozent der befragten deutschen Teenager haben jüngst angegeben, dass es ihnen schwerfällt, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wie kommt das?

Es fehlt eine Institutionalisierung der Utopie. Das utopische Denken müsste eigentlich schon in der Schule geübt werden. Denn aktuell ist die Wissensvermittlung angstgetrieben. Leistung wird skaliert und verglichen, das erzeugt den Eindruck, als ob es immer ein Richtig und ein Falsch geben muss. Studierende fürchten sich vor schlechten Noten und lernen auf kurzfristige Sicht viel auswendig. Das gesamte Bildungssystem schränkt den kreativen Geist ein. Wir bilden Menschen aus, damit sie ökonomisches Kapital bringen, und tun wenig dafür, dass sie mit utopischem Kapital ausgestattet werden.

„Menschen arbeiten laufend an Lösungen für unsere drängendsten Probleme“

„Menschen arbeiten laufend an Lösungen für unsere drängendsten Probleme“

Wenn man gleich heute anfangen wollte, utopischer zu denken - was müsste man dann tun? 

Man müsste im alltäglichen Handeln beginnen. Und dann sein Verhalten einer Vorstellung von einer Gesellschaft anpassen, in der man selbst gern leben würde. Das kann unsere Konsumentscheidungen betreffen oder auch die Art, wie wir mit anderen umgehen. Und wir sollten mehr auf die positiven Fähigkeiten unserer Mitbürger vertrauen. Menschen arbeiten laufend an Lösungen für unsere drängendsten Probleme. Wenn wir uns das vor Augen führen, fällt es auch leichter, sich darauf aufbauend positive Zukünfte auszumalen. Wir müssen anfangen, über die Dinge zu sprechen, die bereits gut laufen.

Und zwar?

Denken Sie an das Frauenwahlrecht, die Arbeitnehmerrechte, Genossenschaften und Menschenrechte, die wir uns über die Jahrhunderte erarbeitet haben. Auch der Gründung der Europäischen Union liegt ein utopischer Charakter zugrunde, weil so unmittelbar nach einem vernichtenden Krieg verfeindete Staaten wieder miteinander kooperieren konnten. Es sind auch jetzt schon zahlreiche inspirierende Projekte in Gang gebracht worden, die bereits heute Antworten auf ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen bieten.

Wer ist demnach der größte Widersacher der Utopie?

Es ist nicht die Dystopie, wie man vielleicht intuitiv annehmen könnte. Die ist im Grunde nur die andere Seite derselben Medaille, weil sie das Gleiche will wie die Utopie – dass die Zukunft besser wird. Der Gegner ist die Anti-Utopie, als Apathie und Geisteshaltung, nach der Veränderung nicht möglich ist. Das stimmt aber nicht.

Sie haben selbst vor einigen Jahren das Projekt „Utopia 500“ ins Leben gerufen. Worum genau ging es da?

Darum, das Klima zu schützen, weniger Lebensmittel zu verschwenden und das Gemeinwesen zu fördern. Also verschiedene kleine Projekte, die zusammen Utopien schaffen können. Und wir haben utopisches Denken als Unterrichtsfach in den Schulen der portugiesischen Stadt Valongo etabliert.

Ist das auf viel Andrang gestoßen?

Es sind Freiwillige mit unterschiedlichsten Biografien aus aller Welt angereist, um bei dem Projekt mitzuwirken. Das hat mich wirklich berührt, dass Menschen neben all den Krisen das Gefühl behalten haben, etwas verändern und gestalten zu können. Die Sehnsucht nach sinnstiftender und zukunftsgetriebener Arbeit ist also groß.

Projektteam
Text Katharina Erschov
Illustration, Animation & Digitales Storytelling Joana Hahn
Redaktion Sara Peschke, Joscha F. Westerkamp
Schlussredaktion Maxi Frieling

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