Der Sound der Krise
Die Party war zuletzt doch sehr vorbei. In der Welt eh – Corona, Russlands Angriffskrieg, die Klimakrise, die sich immer schlechter leugnen oder verdrängen ließ. Aber auch da, wo es vermeintlich noch bunter zuging, ist, wie sich zeigen wird, die Leichtigkeit dahin – schon länger: im Pop. Im Rock. Sogar im Rap. Vor allem im Rap und damit also auch dort, wo man angeblich noch feierte. Also am Späti. Sprich: „Ganze Stadt ist mit dabei / Ganzer Pappbecher voll Eis / Kipp das Maka in die Sprite / Alle High – vor dem Späti“.
So geht das im Song von Rapper Gzuz (neben dem für den Künstler typischen Mix aus Kleingangstergehabe, Gewalterzählungen und Frauenverachtung). Der Exzess ist noch da, brüllt, trommelt, stemmt sich mit technoschnellen 140 beats per minute (bpm) gegen die Melancholie. Und verliert. Konterkariert von den Harmonien (f, Es, Des), den gravitätisch finsteren Synthies und den Assoziationen im Text. Ein schal gewordener Feieraufruf in emotional zerlumptem f-Moll.
Ein Song wie das Jahr 2022 also, das doch Freiheit versprach und Unbekümmertheit. Und ebenfalls scheiterte. „Späti“ ist damit der archetypische Song zu Welt und Zeit. Der durchschnittliche emotionale Zeitgeist-Soundtrack Deutschlands. Und zwar statistisch berechnet.
Die SZ hat die Popmusik des Jahres 2022 ausgewertet. Hat die Daten und Metriken genommen, mit deren Hilfe der weltweit größte Streamingdienst Spotify seine Playlists kuratiert und den Hörerinnen und Hörern neue Songs empfiehlt, und sie mit denen der deutschen GfK-Charts kombiniert. Außerdem wurden die Texte der Lieder von der SZ mit Wörterbüchern für positive und negative Begriffe verknüpft. Aus dem so gewonnenen Datensatz lassen sich die Stimmungen von Songs, Alben, Playlists, Genres und ganzen Katalogen ableiten. Und damit ein paar Fragen beantworten: Haben sich die Emotionen in der meistgehörten Musik zuletzt signifikant verändert? Und wenn ja: Wie? Reflektieren, absorbieren, verarbeiten Künstler und Hörer die Welt also – und lässt sich das erfassen?
Spoiler: ja. Vor allem, was die vergangenen Jahrzehnte betrifft. Zweiter Spoiler: Das Jahr 2022 ist, zumindest was den Pop angeht, emotional nicht ganz so sehr auf Grund gelaufen, wie man es mit Blick auf die Weltlage vielleicht erwartet hätte.
Drei Faktoren waren für die Analyse entscheidend: Text-Emotion, Audio-Emotion und Energie.
Mit Audio-Emotion erfasst Spotify (man spricht dort von „Valence“) die musikalische „positiveness“, die ein Song etwa über Harmonien und Soundästhetik transportiert. Ist sie hoch, wird er als fröhlich, heiter oder euphorisch empfunden. Bei niedriger Audio-Emotion erscheint die Musik traurig, bedrückt oder sogar wütend.
Energie steht für die gefühlte Intensität und Aktivität eines Songs. In Extremen gesprochen: Death Metal rangiert hier im Schnitt eher hoch. Ambient nicht.
Die Text-Emotion schaut auf die Lyrics. Werden vor allem Wörter benutzt, die etwa traurig, wütend oder melancholisch konnotiert sind, ist der Wert niedriger. Tauchen gehäuft solche aus dem semantischen Feld von Heiterkeit auf, ist er höher.
Hier können Sie die 100 erfolgreichsten Songs des Jahres selbst analysieren und anhören (und weiter unten die Analyse der vergangenen Jahrzehnte lesen):
„Späti“ nun liegt in jedem Segment für sich besonders nah am emotionalen Jahresschnitt. Der ist, verglichen mit den vergangenen Jahrzehnten, niedrig. Bricht aber, immerhin, nicht so sehr ein, wie man das mit Blick auf die Welt vielleicht vermutet hätte. Dafür lässt sich aus den Daten der SZ ein anderer Trend bestätigen: Die Musik wird über die vergangenen Jahrzehnte immer trauriger.
Eine Studie von Kathleen Napier und Lior Shamir von der Lawrence Technological University in Southfield, Michigan, hatte das 2018 bereits gezeigt – allerdings nur auf der Textebene. In den Jahren zwischen 1951 und 2016 bestimmten demnach Wut, Abscheu, Angst, Traurigkeit und Pflichtbewusstsein (!) die Texte immer mehr – während Freude, Zuversicht und Weltzugewandtheit schwanden.
In der SZ-Analyse zeigen neben den Texten nun auch die Felder Audio-Emotion und Energie eine Art emotionalen Druckabfall über die vergangenen Jahrzehnte.
Schon die 90er-Jahre trüben im Vergleich zu den 80ern stark ein ...
… und der Einbruch setzt sich in den Nullerjahren im Pop fort – womöglich ein Resultat von 9/11 und den Verheerungen, die folgten.
In den 2010er-Jahren reißen einzelne Jahre (vor allem 2014) emotional sehr weit nach unten aus, was auch in Summe noch mal eine Dämpfung bringt.
Die setzt sich, nachdem die 2010er-Jahre hoffnungsfroh endeten, in den vergangenen drei Jahren weiter fort – allerdings lang nicht so extrem, wie man wohl erwartet hätte. Was ja womöglich Anlass zu scheuer Hoffnung geben könnte: Das Land scheint, zumindest was seinen Musikkonsum betrifft, resilienter zu sein, als man es ihm zugetraut hätte.
Andere Möglichkeit: Wegen der Produktionszyklen, die Musik vor allem bei kommerziell sehr erfolgreichen Künstlern hat, wird der große Krisensoundtrack vielleicht erst in den kommenden Jahren veröffentlicht. Allerdings haben sich die Prozesse hier en gros deutlich beschleunigt und verschlankt. Außerdem ist die Bedeutung von Playlists in den vergangenen Jahren noch mal immens gewachsen. Da Songs für sie nur noch zusammengetragen werden müssen, sind hier quasi Ad-hoc-Reaktionen auf die Welt möglich. Die vielen Corona-Stücke, die am Anfang der Pandemie entstanden sind, zeigen außerdem, wie schnell auch Künstler auf das Zeitgeschehen Bezug nehmen können.
Wen Extremausschläge mehr interessieren als emotionaler Durchschnitt, oder wer einfach nicht gern einen Rapper hört, der ins Gefängnis muss, weil er illegale Waffen besessen und einer Frau ins Gesicht geschlagen hat (vulgo: Gzuz), dürfte hier noch fündig werden:
Der in Summe fröhlichste Song aus den Top 100 ist Shivers von Ed Sheeran.
Und der statistische Emotionstiefpunkt kommt von The Kid Laroi und Justin Bieber und heißt Stay.
Der Sound der Krise
Die Party war zuletzt doch sehr vorbei. In der Welt eh – Corona, Russlands Angriffskrieg, die Klimakrise, die sich immer schlechter leugnen oder verdrängen ließ. Aber auch da, wo es vermeintlich noch bunter zuging, ist, wie sich zeigen wird, die Leichtigkeit dahin – schon länger: im Pop. Im Rock. Sogar im Rap. Vor allem im Rap und damit also auch dort, wo man angeblich noch feierte. Also am Späti. Sprich: „Ganze Stadt ist mit dabei / Ganzer Pappbecher voll Eis / Kipp das Maka in die Sprite / Alle High – vor dem Späti“.
So geht das im Song von Rapper Gzuz (neben dem für den Künstler typischen Mix aus Kleingangstergehabe, Gewalterzählungen und Frauenverachtung). Der Exzess ist noch da, brüllt, trommelt, stemmt sich mit technoschnellen 140 beats per minute (bpm) gegen die Melancholie. Und verliert. Konterkariert von den Harmonien (f, Es, Des), den gravitätisch finsteren Synthies und den Assoziationen im Text. Ein schal gewordener Feieraufruf in emotional zerlumptem f-Moll.
Ein Song wie das Jahr 2022 also, das doch Freiheit versprach und Unbekümmertheit. Und ebenfalls scheiterte. „Späti“ ist damit der archetypische Song zu Welt und Zeit. Der durchschnittliche emotionale Zeitgeist-Soundtrack Deutschlands. Und zwar statistisch berechnet.
Die SZ hat die Popmusik des Jahres 2022 ausgewertet. Hat die Daten und Metriken genommen, mit deren Hilfe der weltweit größte Streamingdienst Spotify seine Playlists kuratiert und den Hörerinnen und Hörern neue Songs empfiehlt, und sie mit denen der deutschen GfK-Charts kombiniert. Außerdem wurden die Texte der Lieder von der SZ mit Wörterbüchern für positive und negative Begriffe verknüpft. Aus dem so gewonnenen Datensatz lassen sich die Stimmungen von Songs, Alben, Playlists, Genres und ganzen Katalogen ableiten. Und damit ein paar Fragen beantworten: Haben sich die Emotionen in der meistgehörten Musik zuletzt signifikant verändert? Und wenn ja: Wie? Reflektieren, absorbieren, verarbeiten Künstler und Hörer die Welt also – und lässt sich das erfassen?
Spoiler: ja. Vor allem, was die vergangenen Jahrzehnte betrifft. Zweiter Spoiler: Das Jahr 2022 ist, zumindest was den Pop angeht, emotional nicht ganz so sehr auf Grund gelaufen, wie man es mit Blick auf die Weltlage vielleicht erwartet hätte.
Drei Faktoren waren für die Analyse entscheidend: Text-Emotion, Audio-Emotion und Energie.
Mit Audio-Emotion erfasst Spotify (man spricht dort von „Valence“) die musikalische „positiveness“, die ein Song etwa über Harmonien und Soundästhetik transportiert. Ist sie hoch, wird er als fröhlich, heiter oder euphorisch empfunden. Bei niedriger Audio-Emotion erscheint die Musik traurig, bedrückt oder sogar wütend.
Energie steht für die gefühlte Intensität und Aktivität eines Songs. In Extremen gesprochen: Death Metal rangiert hier im Schnitt eher hoch. Ambient nicht.
Die Text-Emotion schaut auf die Lyrics. Werden vor allem Wörter benutzt, die etwa traurig, wütend oder melancholisch konnotiert sind, ist der Wert niedriger. Tauchen gehäuft solche aus dem semantischen Feld von Heiterkeit auf, ist er höher.
Hier können Sie die 100 erfolgreichsten Songs des Jahres selbst analysieren und anhören (und weiter unten die Analyse der vergangenen Jahrzehnte lesen):
„Späti“ nun liegt in jedem Segment für sich besonders nah am emotionalen Jahresschnitt. Der ist, verglichen mit den vergangenen Jahrzehnten, niedrig. Bricht aber, immerhin, nicht so sehr ein, wie man das mit Blick auf die Welt vielleicht vermutet hätte. Dafür lässt sich aus den Daten der SZ ein anderer Trend bestätigen: Die Musik wird über die vergangenen Jahrzehnte immer trauriger.
Eine Studie von Kathleen Napier und Lior Shamir von der Lawrence Technological University in Southfield, Michigan, hatte das 2018 bereits gezeigt – allerdings nur auf der Textebene. In den Jahren zwischen 1951 und 2016 bestimmten demnach Wut, Abscheu, Angst, Traurigkeit und Pflichtbewusstsein (!) die Texte immer mehr – während Freude, Zuversicht und Weltzugewandtheit schwanden.
In der SZ-Analyse zeigen neben den Texten nun auch die Felder Audio-Emotion und Energie eine Art emotionalen Druckabfall über die vergangenen Jahrzehnte.
Schon die 90er-Jahre trüben im Vergleich zu den 80ern stark ein ...
… und der Einbruch setzt sich in den Nullerjahren im Pop fort – womöglich ein Resultat von 9/11 und den Verheerungen, die folgten.
In den 2010er-Jahren reißen einzelne Jahre (vor allem 2014) emotional sehr weit nach unten aus, was auch in Summe noch mal eine Dämpfung bringt.
Die setzt sich, nachdem die 2010er-Jahre hoffnungsfroh endeten, in den vergangenen drei Jahren weiter fort – allerdings lang nicht so extrem, wie man wohl erwartet hätte. Was ja womöglich Anlass zu scheuer Hoffnung geben könnte: Das Land scheint, zumindest was seinen Musikkonsum betrifft, resilienter zu sein, als man es ihm zugetraut hätte.
Andere Möglichkeit: Wegen der Produktionszyklen, die Musik vor allem bei kommerziell sehr erfolgreichen Künstlern hat, wird der große Krisensoundtrack vielleicht erst in den kommenden Jahren veröffentlicht. Allerdings haben sich die Prozesse hier en gros deutlich beschleunigt und verschlankt. Außerdem ist die Bedeutung von Playlists in den vergangenen Jahren noch mal immens gewachsen. Da Songs für sie nur noch zusammengetragen werden müssen, sind hier quasi Ad-hoc-Reaktionen auf die Welt möglich. Die vielen Corona-Stücke, die am Anfang der Pandemie entstanden sind, zeigen außerdem, wie schnell auch Künstler auf das Zeitgeschehen Bezug nehmen können.
Wen Extremausschläge mehr interessieren als emotionaler Durchschnitt, oder wer einfach nicht gern einen Rapper hört, der ins Gefängnis muss, weil er illegale Waffen besessen und einer Frau ins Gesicht geschlagen hat (vulgo: Gzuz), dürfte hier noch fündig werden:
Der in Summe fröhlichste Song aus den Top 100 ist Shivers von Ed Sheeran.
Und der statistische Emotionstiefpunkt kommt von The Kid Laroi und Justin Bieber und heißt Stay.
Methodik
Die offiziellen deutschen GfK-Charts werden wöchentlich ermittelt und am Ende des Jahres zu einer Top 100 verrechnet. Weil es für 2022 noch keine offiziellen Jahrescharts gibt, hat die SZ eine vorläufige Top-Liste des Jahres aufgrund der wöchentlichen Charts bis Ende November eigens berechnet. Die SZ-Top-100 in diesem Stück zeigt also, welche Songs besonders lange besonders gut in den wöchentlichen Charts vertreten waren.
Die Stimmung der Songs wurde auf zwei Arten berechnet: Die Audio-Emotion und die Energie werden über die Programmierschnittstelle von Spotify abgefragt. Die Text-Emotion beruht auf eigenen Berechnungen: Die Songtexte wurden von der Plattform Genius erhoben und von der SZ programmatisch in Kombination mit Sentiment-Wörterbüchern ausgewertet. In diesen Wörterbüchern stehen deutsche und englische Begriffe, die positiv oder negativ konnotiert sind. Angewendet entsteht für jedes Lied ein Verhältnis der Positivität, was dann in Bezug zur Textlänge gesetzt und normalisiert werden kann. Nicht deutsch- oder englischsprachige Songs sowie Lieder ohne Texte wurden von der Analyse der Text-Emotion ausgeschlossen.
Teile der Hörproben werden von Spotify bereit gestellt.