Das sind die Alben des Monats

Taylor Swift erkundet die Nacht, "A-ha" liefern großes Erwachsenen-Entertainment, die "Chili Peppers" feinsten Flausch und Björk besingt Pilze.

Von den SZ-Popkritikern
28. Oktober 2022 - 9 Min. Lesezeit

M.I.A.: "Mata"

Allein das Introgeräusch wie das Verbindungszirpen, -fiepen und -gurren eines analogen Modems, aber gespielt auf einer kryptonitbetriebenen Metallsäge. Danach: blecherne Kriegsfanfaren, Schlachtentrommeln, digital verzerrte Bollywood-Samples. Und weiterhin eine Wut, wie es sie im Pop gerade nicht so oft gibt.

Mathangi Arulpragasam alias M.I.A. ist also noch immer die vermutlich grellste und ziemlich sicher ambivalenteste Rebellen-Rap-Lautsprecherin. In den vergangenen etwa 15 Jahre baute sie aus Grime-Raps, Baile-Funk-Sprengseln, Reggaeton und Punjabi-Pop einen (auch inhaltlich) quasi immer famos eklektischen Wahnsinn zusammen. Auch "Mata", ihr neues Album, ist wieder ein musikalisch durchaus grandioser Frontalangriff auf alles: Hörgewohnheiten, politische Gewissheiten und auch sonst alles Wohlfeile.

Leider sieht man aber auch bei M.I.A. mal wieder, wie fein die Linie zwischen Anti-Establishment-Agit-Pop und wissenschaftsfeindlichem Geblöke ist: In den vergangene Jahren blies sie jedenfalls Verschwörungsmythen über die 5G-Technologie in die Welt und gab zu Protokoll, lieber zu sterben, als sich gegen Covid impfen zu lassen. Erst vor zwei Wochen hinterließ sie auf Twitter außerdem diese Weisheit: "If Alex jones pays for lying shouldn’t every celebrity pushing vaccines pay too ?" Uff. Jakob Biazza

The 1975: "Being Funny in a Foreign Language"

Ein Album, das sich liest wie ein Essay. "Was mich am meisten inspirierte", sagt The-1975-Frontmann Matty Healy (hier eine ausführliche Begegnung mit ihm), "waren immer Comedians und Journalisten. Gay Talese, Joan Didion. Aber anders als Essayisten versuche ich, die größten Ideen auf die wenigsten Wörter zu bringen." Das klingt dann so: "I know some ,Vaccinista tote bag chic baristas' sitting in east on their communista keisters writing about their ejaculations." Er kenne da also ein paar "schicke Geimpft-Stofftaschen Baristas", die auf "kommunistischen Hintern" sitzen und über ihre "Ejakulation schreiben".

Die Platte endet nach elf Songs zwischen Dance-Funk, Geigen-Arrangements, Folk, Country, Weihnachtswitzen, verzweifelten Männern, die Amok laufen, weil sie die Liebe nicht finden und kantenlosem Schnurr-Pop benannt nach einer Frau ("Caroline") dann schließlich mit den Worten: "The only time I feel I might get better / Is when we are together". Die einzigen Momente, in denen es mir besser gehen könnte, sind die, in denen wir zusammen sind.

Anders gesagt (und in den Worten Healys): "Manchmal fühle ich mich wie der Geigenspieler auf der Titanic. Vielleicht ist da die düstere Erkenntnis, dass wir mit diesem Schiff untergehen, aber wir machen es uns noch so schön wie möglich." Immerhin.Marlene Knobloch

Taylor Swift: "Midnights"

Taylor Swift erforscht die Nacht. Genauer: die "Midnights", im Plural. Mitternächte. Ein Konzeptalbum. Verschiedene Formen von Wachsein, verschiedene Zustände von Euphorie und Leid, Wohligkeit, Wut und Selbstzerfleischung. Und das in einer Zeit, in der House und andere Dancemusic-Unterarten mehr denn je in den Pop drängen (siehe Beyoncé, siehe Drake).

Taylor Swift nun gelingt dieser Kunstgriff: In ihren Nachterkundungen entdeckt auch sie die analogen Drum-Machines der 80er und 90er und dazu ein paar fantastisch pluckernde Synthesizer. Aber noch mehr als die anderen nutzt sie die vor allem, um den Glitzerlidschatten-Pop, dem sie sich nach Ausflügen in den Folk wieder mehr zuneigt, mit Jetztzeitigkeit anzureichern. Und um ihren selbstzerfieselnden, schwefelsäurigen Zweifeln und Ultra-Grübeleien eine zusätzliche Dunkelkammer zu bauen. Die Musik wattiger als sonst, wie unter der Bettdecke abgespielt, mehr Basswumms, nebelschwadige Hallräume, ein paar britzelige Stimmeffekte. Aber dann doch immer wieder dieses Taylor-Swift-Leuchten. Fein. Jakob Biazza

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Red Hot Chili Peppers:
"Return of the Dream Canteen"

Das zweite neue Red-Hot-Chili-Peppers-Album des Jahres 2022. Ganz gute Quote quantitativ. Und irgendwie schon auch qualitativ. Wie der Vorgänger aus dem April hat auch "Return of the Dream Canteen" wieder 17 Songs. Anders als beim Vorgänger leben ein paar von denen aber von, nun, es "Experimente" zu nennen, hinge womöglich eine Idee zu hoch, aber sagen wir mal so: Ein paar hübsche Spielereien sind schon dabei.

Es gibt Drum-Machines, Weed-schwadige Dub-Halleffekte und mehliggekiffte Bläsersätze ("Handful"). Bassist Flea (vermutlich) darf endlich mal wieder seiner großen Leidenschaft (zappelige Trompeten) nachgehen. Man hört Synthie-Arpeggien unter dunkelschönen Rock-Schrägheiten ("Bag of Grins") und Balladen, die von der Idee her auch von A-ha stammen könnten, von Depeche Mode oder irgendeiner anderen dieser Keyboard-Bands mit prima Frisuren, keinen Gitarren und einem etwas uninspirierten Tag ("La La La La La La La La").

Das neue Album ist also auch nicht entscheidend aufregender als es "Unlimited Love" war, aber Himmel: Was gibt es denn auch Schöneres, als Menschen dabei zu erleben, wie sie aufrichtig glücklich sind? Oder wenigstens zufrieden. Jakob Biazza

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Björk: "Fossora"

Jetzt also Pilze. Ernsthaft. Pilze als Konzept, Pilze als Thema, Pilze als Textinhalt. Björk ist zurück, mit Musik, die sie selbst als "Biological Techno" bezeichnet. Für eins der Stücke haben ihre Musiker sogar eigens Steel Drums halb im Erdboden vergraben und dann dort gespielt, damit gewissermaßen der Klang der Erde in die Musik hineinwirkt.

Ansonsten lässt sich die Sängerin von zwei indonesischen Techno-Produzenten und einem Bassklarinetten-Sextett unterstützen. Die Klarinettisten bat sie, sich beim Spielen vorzustellen, sie hätten genau eineinhalb Gläser Rotwein getrunken, in einer nordskandinavischen Jazz-Bar im Jahr 2050.

Aber es gerät dann zum Glück nicht alles komplett abgehoben: "Freefall" ist eine zarte Meditation mit Streichquintett. "Fagurt Er í Fjördum", Björks Version eines isländischen Volkslieds, schwelt verträumt dahin. Und im vergleichsweise harmonischen "Ovule", dem vielleicht schönsten Lied des Albums, ist die Sängerin am ehesten wieder an dem Punkt, wo ihre Musik klingt wie an der Küste in den Wind gesungen, majestätisch und impulsiv und wetterfest. Max Fellmann

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Shygirl: „Nymph“

Ebenjene Björk hört beim Autofahren übrigens Shygirl, so las man das letztens zumindest, und wenn man in Shygirls erstes Album „Nymph“ hört, ergibt das absolut Sinn. Anders als manche Hyperpopkollegen arbeitet sie nicht so sehr mit Reizüberflutung. Ihre Songs sind nicht zappelig, sondern fokussiert. Statt Konfetti im Kopf auszulösen, schichtet sie Karstlandschaften der Künstlichkeit auf. Hallwolken, Pitch-Spielereien und oft betont unbeteiligte Intonation lassen sie wie ein Medium für Geisterstimmen aus dem digitalen Jenseits singen.

Aber auch Komik gehört zu ihrem Repertoire: Eine Trap-Nummer lang reitet sie mit leicht betäubter Unschuldsstimme auf dem Wort Coochie herum. Kein Wunder, dass Björk das gefällt. Und nicht nur der. Juliane Liebert

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

A-ha: "True North"

Auf ihrem ersten Platin-Zahnspangen-Megaalbum hatten A-ha einen empfindsam-dramatischen Orchesterohrwurm namens "Hunting High And Low", gegen den jede Gegenwehr zwecklos war. "True North", ihr neues Album, klingt nun, als wären diesem Song zwölf neue Köpfe gewachsen. Die neuen Stücke sind Hyperballaden und Showtunes, sie wollen klassisch sein und entwickeln dabei eine Eingängigkeit, die sich eher sachte einschleicht, statt einen schwitzig zu umarmen.

Die Songs seien "ein persönlicher Brief von A-ha vom Polarkreis", lässt sich Keyboarder Magne Furuholmen im PR-Text zitieren. "Was wir im Sommerregen noch nicht verloren haben, wird im Herbst zurückkommen und uns verfolgen", singt Frontmann Morten Harket in "Summer Rain", einem dunklen Klagelied aus Porzellan, in dem man die böse Uhr ticken hört. "True North" ist also melancholische Hommage an die Heimat ebenso wie Warnung und kühler Weckruf. Und zumindest mit der Musik ist der Band ganz großes Erwachsenen-Entertainment gelungen. Joachim Hentschel

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Loyle Carner: "Hugo"

"I told the Black man, he didn't understand / I reached the white man, he wouldn't take my hand." Der britische Rapper Loyle Carner, Jahrgang 1994, verhandelt auf seinem dritten Album "Hugo" die großen Identitätsfragen seiner Generation: Männlichkeit, (fehlende) Vaterfiguren, Hautfarbe. Klingt nach Proseminar Wokeness? Ist angesichts der immensen Lässigkeit der dunkel-krisseligen Soul-Jazz-Beats und des Rap-Flows eine der hüftlockersten Gesellschaftsstudien dieses Jahres. Ein kleines Meisterwerk. Vielleicht sogar ein großes. Jakob Biazza

Die Nerven: "Die Nerven"

Enorm desillusionierte Textzeile, kombiniert mit höchster Reizbarkeit: "Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie." Der Song zur Zeile heißt "Europa" und die Die Nerven spielen ihn mit Gewittergitarren und Schlagzeugprügel, Beben und Schürfwunden. Apokalyptischer Punkrock, der so klingt, wie sich die Gegenwart anfühlt: Europa, Sterben, irgendwie.

Was Die Nerven nun auf diesem Album machen, das ihr fünftes ist und trotzdem den simplen Titel "Die Nerven" trägt - es ist eine der sehr wenigen tauglichen Optionen, die dem Pop derzeit bleiben, sofern er nicht nur eskapistische Ballwechsel spielen mag: jene Wirklichkeit eng zu umkreisen und zu stilisieren, die noch immer jenseits des Krieges liegt und dort täglich mit seinen Bildern und Begleiterscheinungen konfrontiert wird. Hier passt die Knallphrase zur Abwechslung einmal wirklich: Man muss das als Hörerin oder Hörer aushalten können, denn schön ist es nicht. Joachim Hentschel

Einen ausführlichen Text über Pop und Krieg gibt es hier (SZ Plus).

The Beatles: "Revolver"

Als die Beatles sich an ihr Album "Revolver" machten, lautete die Losung an die Studio-Crew: Das neue Werk solle wie nichts zuvor klingen. Die Band erforschte die Gerätschaften ihres Studios nun mit der Wissbegier hochbegabter Kinder, die neue Spielsachen geschenkt bekommen haben. Sie nahmen Gitarrensoli und Gesangsspuren auf und ließen sie rückwärtslaufen ("She Said"), schufen Klangcollagen aus Samples, die sie in nächtelanger Arbeit aus Tonbandschnipseln zusammenklebten ("Tomorrow Never Knows") oder experimentierten mit der Aufnahmegeschwindigkeit der Tonbandgeräte ("Rain"). Das Studio, das war die Lehre aus "Revolver" für Generationen kommender Musiker, kann mehr sein als ein Ort der Dokumentation, nämlich Teil des kreativen Prozesses.

Nun gibt es das Album als Neuauflage in drei Varianten: im neuen Stereomix, als Special Edition inklusive Singleauskoppelung ("Paperback Writer"), Demos und Session-Mitschnitten sowie als Deluxe-Boxset für den audiophilen Nerd. Und wie klingt das? Vor allem sauberer, geräumiger, irgendwie leibhaftiger. Eine kleine Sensation ist die bislang unveröffentlichte Demoversion von "Yellow Submarine" auf dem Boxset. "In the town where I was born, no one cared, no one cared", singt Lennon. Schier unglaublich, wie aus so einem weltverlorenen Seefahrerlied in Moll der zünftige Dur-Gassenhauer für Ringo werden konnte. Genau das ist nun natürlich das Wunder der Beatles. Thomas Bärnthaler

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Das sind die Alben des Monats

Taylor Swift erkundet die Nacht, "A-ha" liefern großes Erwachsenen-Entertainment, die "Chili Peppers" feinsten Flausch und Björk besingt Pilze.

M.I.A.: "Mata"

Allein das Introgeräusch wie das Verbindungszirpen, -fiepen und -gurren eines analogen Modems, aber gespielt auf einer kryptonitbetriebenen Metallsäge. Danach: blecherne Kriegsfanfaren, Schlachtentrommeln, digital verzerrte Bollywood-Samples. Und weiterhin eine Wut, wie es sie im Pop gerade nicht so oft gibt.

Mathangi Arulpragasam alias M.I.A. ist also noch immer die vermutlich grellste und ziemlich sicher ambivalenteste Rebellen-Rap-Lautsprecherin. In den vergangenen etwa 15 Jahre baute sie aus Grime-Raps, Baile-Funk-Sprengseln, Reggaeton und Punjabi-Pop einen (auch inhaltlich) quasi immer famos eklektischen Wahnsinn zusammen. Auch "Mata", ihr neues Album, ist wieder ein musikalisch durchaus grandioser Frontalangriff auf alles: Hörgewohnheiten, politische Gewissheiten und auch sonst alles Wohlfeile.

Leider sieht man aber auch bei M.I.A. mal wieder, wie fein die Linie zwischen Anti-Establishment-Agit-Pop und wissenschaftsfeindlichem Geblöke ist: In den vergangene Jahren blies sie jedenfalls Verschwörungsmythen über die 5G-Technologie in die Welt und gab zu Protokoll, lieber zu sterben, als sich gegen Covid impfen zu lassen. Erst vor zwei Wochen hinterließ sie auf Twitter außerdem diese Weisheit: "If Alex jones pays for lying shouldn’t every celebrity pushing vaccines pay too ?" Uff. Jakob Biazza

The 1975: "Being Funny in a Foreign Language"

Ein Album, das sich liest wie ein Essay. "Was mich am meisten inspirierte", sagt The-1975-Frontmann Matty Healy (hier eine ausführliche Begegnung mit ihm), "waren immer Comedians und Journalisten. Gay Talese, Joan Didion. Aber anders als Essayisten versuche ich, die größten Ideen auf die wenigsten Wörter zu bringen." Das klingt dann so: "I know some ,Vaccinista tote bag chic baristas' sitting in east on their communista keisters writing about their ejaculations." Er kenne da also ein paar "schicke Geimpft-Stofftaschen Baristas", die auf "kommunistischen Hintern" sitzen und über ihre "Ejakulation schreiben".

Die Platte endet nach elf Songs zwischen Dance-Funk, Geigen-Arrangements, Folk, Country, Weihnachtswitzen, verzweifelten Männern, die Amok laufen, weil sie die Liebe nicht finden und kantenlosem Schnurr-Pop benannt nach einer Frau ("Caroline") dann schließlich mit den Worten: "The only time I feel I might get better / Is when we are together". Die einzigen Momente, in denen es mir besser gehen könnte, sind die, in denen wir zusammen sind.

Anders gesagt (und in den Worten Healys): "Manchmal fühle ich mich wie der Geigenspieler auf der Titanic. Vielleicht ist da die düstere Erkenntnis, dass wir mit diesem Schiff untergehen, aber wir machen es uns noch so schön wie möglich." Immerhin.Marlene Knobloch

Taylor Swift: "Midnights"

Taylor Swift erforscht die Nacht. Genauer: die "Midnights", im Plural. Mitternächte. Ein Konzeptalbum. Verschiedene Formen von Wachsein, verschiedene Zustände von Euphorie und Leid, Wohligkeit, Wut und Selbstzerfleischung. Und das in einer Zeit, in der House und andere Dancemusic-Unterarten mehr denn je in den Pop drängen (siehe Beyoncé, siehe Drake).

Taylor Swift nun gelingt dieser Kunstgriff: In ihren Nachterkundungen entdeckt auch sie die analogen Drum-Machines der 80er und 90er und dazu ein paar fantastisch pluckernde Synthesizer. Aber noch mehr als die anderen nutzt sie die vor allem, um den Glitzerlidschatten-Pop, dem sie sich nach Ausflügen in den Folk wieder mehr zuneigt, mit Jetztzeitigkeit anzureichern. Und um ihren selbstzerfieselnden, schwefelsäurigen Zweifeln und Ultra-Grübeleien eine zusätzliche Dunkelkammer zu bauen. Die Musik wattiger als sonst, wie unter der Bettdecke abgespielt, mehr Basswumms, nebelschwadige Hallräume, ein paar britzelige Stimmeffekte. Aber dann doch immer wieder dieses Taylor-Swift-Leuchten. Fein. Jakob Biazza

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Red Hot Chili Peppers:
"Return of the Dream Canteen"

Das zweite neue Red-Hot-Chili-Peppers-Album des Jahres 2022. Ganz gute Quote quantitativ. Und irgendwie schon auch qualitativ. Wie der Vorgänger aus dem April hat auch "Return of the Dream Canteen" wieder 17 Songs. Anders als beim Vorgänger leben ein paar von denen aber von, nun, es "Experimente" zu nennen, hinge womöglich eine Idee zu hoch, aber sagen wir mal so: Ein paar hübsche Spielereien sind schon dabei.

Es gibt Drum-Machines, Weed-schwadige Dub-Halleffekte und mehliggekiffte Bläsersätze ("Handful"). Bassist Flea (vermutlich) darf endlich mal wieder seiner großen Leidenschaft (zappelige Trompeten) nachgehen. Man hört Synthie-Arpeggien unter dunkelschönen Rock-Schrägheiten ("Bag of Grins") und Balladen, die von der Idee her auch von A-ha stammen könnten, von Depeche Mode oder irgendeiner anderen dieser Keyboard-Bands mit prima Frisuren, keinen Gitarren und einem etwas uninspirierten Tag ("La La La La La La La La").

Das neue Album ist also auch nicht entscheidend aufregender als es "Unlimited Love" war, aber Himmel: Was gibt es denn auch Schöneres, als Menschen dabei zu erleben, wie sie aufrichtig glücklich sind? Oder wenigstens zufrieden. Jakob Biazza

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Björk: "Fossora"

Jetzt also Pilze. Ernsthaft. Pilze als Konzept, Pilze als Thema, Pilze als Textinhalt. Björk ist zurück, mit Musik, die sie selbst als "Biological Techno" bezeichnet. Für eins der Stücke haben ihre Musiker sogar eigens Steel Drums halb im Erdboden vergraben und dann dort gespielt, damit gewissermaßen der Klang der Erde in die Musik hineinwirkt.

Ansonsten lässt sich die Sängerin von zwei indonesischen Techno-Produzenten und einem Bassklarinetten-Sextett unterstützen. Die Klarinettisten bat sie, sich beim Spielen vorzustellen, sie hätten genau eineinhalb Gläser Rotwein getrunken, in einer nordskandinavischen Jazz-Bar im Jahr 2050.

Aber es gerät dann zum Glück nicht alles komplett abgehoben: "Freefall" ist eine zarte Meditation mit Streichquintett. "Fagurt Er í Fjördum", Björks Version eines isländischen Volkslieds, schwelt verträumt dahin. Und im vergleichsweise harmonischen "Ovule", dem vielleicht schönsten Lied des Albums, ist die Sängerin am ehesten wieder an dem Punkt, wo ihre Musik klingt wie an der Küste in den Wind gesungen, majestätisch und impulsiv und wetterfest. Max Fellmann

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Shygirl: „Nymph“

Ebenjene Björk hört beim Autofahren übrigens Shygirl, so las man das letztens zumindest, und wenn man in Shygirls erstes Album „Nymph“ hört, ergibt das absolut Sinn. Anders als manche Hyperpopkollegen arbeitet sie nicht so sehr mit Reizüberflutung. Ihre Songs sind nicht zappelig, sondern fokussiert. Statt Konfetti im Kopf auszulösen, schichtet sie Karstlandschaften der Künstlichkeit auf. Hallwolken, Pitch-Spielereien und oft betont unbeteiligte Intonation lassen sie wie ein Medium für Geisterstimmen aus dem digitalen Jenseits singen.

Aber auch Komik gehört zu ihrem Repertoire: Eine Trap-Nummer lang reitet sie mit leicht betäubter Unschuldsstimme auf dem Wort Coochie herum. Kein Wunder, dass Björk das gefällt. Und nicht nur der. Juliane Liebert

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

A-ha: "True North"

Auf ihrem ersten Platin-Zahnspangen-Megaalbum hatten A-ha einen empfindsam-dramatischen Orchesterohrwurm namens "Hunting High And Low", gegen den jede Gegenwehr zwecklos war. "True North", ihr neues Album, klingt nun, als wären diesem Song zwölf neue Köpfe gewachsen. Die neuen Stücke sind Hyperballaden und Showtunes, sie wollen klassisch sein und entwickeln dabei eine Eingängigkeit, die sich eher sachte einschleicht, statt einen schwitzig zu umarmen.

Die Songs seien "ein persönlicher Brief von A-ha vom Polarkreis", lässt sich Keyboarder Magne Furuholmen im PR-Text zitieren. "Was wir im Sommerregen noch nicht verloren haben, wird im Herbst zurückkommen und uns verfolgen", singt Frontmann Morten Harket in "Summer Rain", einem dunklen Klagelied aus Porzellan, in dem man die böse Uhr ticken hört. "True North" ist also melancholische Hommage an die Heimat ebenso wie Warnung und kühler Weckruf. Und zumindest mit der Musik ist der Band ganz großes Erwachsenen-Entertainment gelungen. Joachim Hentschel

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Loyle Carner: "Hugo"

"I told the Black man, he didn't understand / I reached the white man, he wouldn't take my hand." Der britische Rapper Loyle Carner, Jahrgang 1994, verhandelt auf seinem dritten Album "Hugo" die großen Identitätsfragen seiner Generation: Männlichkeit, (fehlende) Vaterfiguren, Hautfarbe. Klingt nach Proseminar Wokeness? Ist angesichts der immensen Lässigkeit der dunkel-krisseligen Soul-Jazz-Beats und des Rap-Flows eine der hüftlockersten Gesellschaftsstudien dieses Jahres. Ein kleines Meisterwerk. Vielleicht sogar ein großes. Jakob Biazza

Die Nerven: "Die Nerven"

Enorm desillusionierte Textzeile, kombiniert mit höchster Reizbarkeit: "Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie." Der Song zur Zeile heißt "Europa" und die Die Nerven spielen ihn mit Gewittergitarren und Schlagzeugprügel, Beben und Schürfwunden. Apokalyptischer Punkrock, der so klingt, wie sich die Gegenwart anfühlt: Europa, Sterben, irgendwie.

Was Die Nerven nun auf diesem Album machen, das ihr fünftes ist und trotzdem den simplen Titel "Die Nerven" trägt - es ist eine der sehr wenigen tauglichen Optionen, die dem Pop derzeit bleiben, sofern er nicht nur eskapistische Ballwechsel spielen mag: jene Wirklichkeit eng zu umkreisen und zu stilisieren, die noch immer jenseits des Krieges liegt und dort täglich mit seinen Bildern und Begleiterscheinungen konfrontiert wird. Hier passt die Knallphrase zur Abwechslung einmal wirklich: Man muss das als Hörerin oder Hörer aushalten können, denn schön ist es nicht. Joachim Hentschel

Einen ausführlichen Text über Pop und Krieg gibt es hier (SZ Plus).

The Beatles: "Revolver"

Als die Beatles sich an ihr Album "Revolver" machten, lautete die Losung an die Studio-Crew: Das neue Werk solle wie nichts zuvor klingen. Die Band erforschte die Gerätschaften ihres Studios nun mit der Wissbegier hochbegabter Kinder, die neue Spielsachen geschenkt bekommen haben. Sie nahmen Gitarrensoli und Gesangsspuren auf und ließen sie rückwärtslaufen ("She Said"), schufen Klangcollagen aus Samples, die sie in nächtelanger Arbeit aus Tonbandschnipseln zusammenklebten ("Tomorrow Never Knows") oder experimentierten mit der Aufnahmegeschwindigkeit der Tonbandgeräte ("Rain"). Das Studio, das war die Lehre aus "Revolver" für Generationen kommender Musiker, kann mehr sein als ein Ort der Dokumentation, nämlich Teil des kreativen Prozesses.

Nun gibt es das Album als Neuauflage in drei Varianten: im neuen Stereomix, als Special Edition inklusive Singleauskoppelung ("Paperback Writer"), Demos und Session-Mitschnitten sowie als Deluxe-Boxset für den audiophilen Nerd. Und wie klingt das? Vor allem sauberer, geräumiger, irgendwie leibhaftiger. Eine kleine Sensation ist die bislang unveröffentlichte Demoversion von "Yellow Submarine" auf dem Boxset. "In the town where I was born, no one cared, no one cared", singt Lennon. Schier unglaublich, wie aus so einem weltverlorenen Seefahrerlied in Moll der zünftige Dur-Gassenhauer für Ringo werden konnte. Genau das ist nun natürlich das Wunder der Beatles. Thomas Bärnthaler

Eine ausführliche Rezension gibt es hier (SZ Plus).

Team
Digitales Storytelling Jakob Biazza