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Wie die SZ im Jahr 2025 künstliche Intelligenz einsetzt

KI entwickelt sich rasant weiter. Die „Süddeutsche Zeitung“ nutzt die neue Technologie überall dort, wo sie den Qualitätsjournalismus unterstützt und Arbeit erleichtert oder verbessert.

13. Februar 2025 | Lesezeit: 4 Min.

Im Juni 2023 haben wir uns als Redaktion der Süddeutschen Zeitung zum Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI) bei unserer Arbeit geäußert. Damals stand die Nutzung generativer KI noch am Anfang, also Computerprogramme, die ohne menschliche Hilfe Texte, Bilder, Videos und Computercodes generieren können. Sie waren aber vor allem noch unausgereift und produzierten deswegen viele Fehler. Seither hat sich KI weiterentwickelt, auch unsere Arbeit mit ihr hat sich verändert, nur eines ist geblieben. Das sind die Grundsätze der Süddeutschen Zeitung. Bevor wir also über die Veränderungen unserer Arbeit mit KI berichten, hier noch einmal das Fundament unseres Journalismus:

Die Süddeutsche Zeitung war immer eine Autorinnen- und Autorenzeitung. Das wird sie auch bleiben. In der Redaktion der Süddeutschen Zeitung galt von Anfang an der Leitsatz, dass die Grundregeln und das Ethos des Journalismus jeden Schritt unserer Arbeit bestimmen, egal, ob wir mit Bleistift, Computer oder künstlicher Intelligenz arbeiten. Daran halten wir fest.

Ohne Algorithmen keine Panama Papers

Seit der ersten Selbsterklärung der SZ sind viele Programme besser geworden, die Fehlerquoten haben abgenommen. Es gibt in Verlag und Redaktion ein eigenes KI-Team, das viele neue Anwendungen prüft und gegebenenfalls für die Arbeit im Alltag empfiehlt. Dabei gilt der Grundsatz: Die Süddeutsche Zeitung benutzt KI-Anwendungen, wenn es unseren Journalismus für die Leserschaft verbessert und die Arbeit in der Redaktion und in anderen Teams erleichtert.

Dass KI den Journalismus verbessern kann, hat die SZ schon vor Jahren in der Praxis erlebt. Die riesigen Datenmengen, die uns Whistleblower 2015  für die Panama Papers und später für die Paradise Papers zuspielten, hätte keine noch so große Redaktion ohne KI und Algorithmen verarbeiten können. Das war nicht nur eine Hilfe, sondern sogar eine neue Form des Journalismus. Das Zusammenspiel zwischen Whistleblowern, Redaktion und Technologie war die Grundlage für viele investigative Projekte wie die Paradise Papers, die Facebook Files oder das Pegasus Project. Unsere Erfahrung hat da schon früh gezeigt, dass man KI im Journalismus verantwortungsvoll einsetzen kann.

Experten kontrollieren die KI

Generative KI ist für jede Redaktion eine sehr viel heiklere Technologie. Zum einen, weil sie grundlegende Arbeitsschritte automatisiert. Das kann uns helfen, beispielsweise bei der Abschrift von Interviews, der Übersetzung von fremdsprachigen Texten, Textteilen oder Rechercheunterlagen. Allerdings gilt bei der SZ der Grundsatz, dass Qualität, Redaktionsgeheimnis und Quellenschutz absoluten Vorrang vor der Verbesserung von Arbeitsabläufen haben. Deswegen programmiert die SZ manche KI-Anwendungen, die es auf dem freien Markt von Drittanbietern gibt, selbst. Wir verwenden beispielsweise ein Programm namens Arche, das Audiodateien in Text umwandeln kann, das wir gemeinsam mit Microsoft entwickelt haben. So können wir sicherstellen, dass unsere Daten nicht unkontrolliert gespeichert oder gar in die Trainingsdaten von KI-Modellen eingegeben werden.

Ansonsten nutzen wir KI für die Verwaltung, zum Beispiel für den Einkauf von Büromaterial, bei der Archivierung und Auswertung von Daten- und Textmaterial. Wir nutzen KI auch für die Erstellung von Textelementen, die für die Erfassung unserer Arbeit in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken erforderlich sind. KI liest auch die Online-Kommentare auf unserer Website und in unseren Social-Media-Kanälen, um Spam, Hetze, Falschnachrichten und Propaganda herauszufiltern.

Es gibt inzwischen auch einige KI-Angebote für unsere Leserschaft. Dazu gehören Chatbots zur Europa- und zur Bundestagswahl, die Leserinnen und Lesern einen neuen Zugang zu unseren Texten ermöglichen. Oder kurze Zusammenfassungen von Texten, die von einer KI vorgeschlagen, aber immer redaktionell geprüft und freigegeben werden. Auch die Analyse sämtlicher 299 Wahlkreise bei der Bundestagswahl 2025 ist ein Service, der ohne KI nicht möglich wäre. Die Vorlesefunktion unserer Texte basiert ebenfalls auf KI-Modellen. Das sind zusätzliche Angebote, die viele Leserinnen und Leser zu schätzen wissen. Keine Redaktion könnte so viele Einzelfragen beantworten, so viele Kurzfassungen erstellen oder alle Artikel selbst einlesen. Solche Angebote sind immer transparent ausgezeichnet und mit dem Hinweis versehen, dass sich bei KI immer auch Fehler einschleichen können.

Auch am Visual Desk wird generative KI verwendet, also in Infografik, Layout und Bildredaktion. Bei der Bilderstellung wird generative KI nur dann eingesetzt, wenn sie Arbeiten erledigt, die Menschen nur mit enormem Aufwand oder gar nicht schaffen. Wir setzen sie dabei so ein, dass Visualisierungen keine Stereotype, Vorurteile oder kulturell unsensiblen Darstellungen verstärken. Fotorealistische KI-generierte Bilder werden in keinem Fall produziert. In jedem Fall werden KI-generierte Illustrationen, Bilder und Videos genauso wie Textelemente als solche gekennzeichnet.

Für diese Anwendungen gibt es in der Belegschaft der Süddeutschen Zeitung Weiterbildungsmöglichkeiten, die stetig ausgebaut werden. Wer KI-Programme benutzt, soll sie auch beherrschen. Auch gilt der Grundsatz des „expert in the loop“. Das bedeutet, dass in jedem Fall die Arbeit einer KI von menschlichen Expertinnen und Experten für das jeweilige Thema kontrolliert und überwacht wird.

Was künstliche Intelligenz nicht allein kann, ist, Fakten zu überprüfen oder fehlerfrei zu recherchieren. Was sich bei der Süddeutschen Zeitung aus ihrem Selbstverständnis heraus verbietet, ist, dass KI längere Texte verfasst. Nicht nur, weil KI den besonderen Stil, die manchmal ironische Blickweise und die Lust an der Sprache nicht generieren kann, welche die SZ-Autorinnen und -Autoren auszeichnet. Für uns steht der Mensch nicht nur in der Redaktion im Mittelpunkt. Nach wie vor gilt, dass das Vertrauen, das Interesse und die Leselust unserer Leserinnen und Leser unser Kapital sind. Deswegen werden wir die Kontrolle über unsere Zeitung nicht an Maschinen abgeben.

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