„Ich würde nie wieder dahin zurückziehen, wo ich aufgewachsen bin“
Was die einen am Landleben reizt, schlägt die anderen in die Flucht: Dörfliche Nähe, der Traum vom Eigenheim mit Garten, die Ruhe.
Lukas, Klara und Lene sind auf dem Dorf aufgewachsen. Und haben sich getraut, den Schritt in die Großstadt zu wagen. Was genießen sie am Stadtleben? Wo fühlen sie sich zu Hause? Und was vermissen sie am Landleben?
„Weit, das war für mich früher eine halbe Stunde mit dem Auto“
Lukas, 21, ist 2024 von Rinnenthal bei Friedberg (854 Einwohner:innen) nach Freiburg gezogen.
„Die erste Woche in Freiburg war die komplette Reizüberflutung. Dieses Unvorhergesehene, dieses Neue, dieses Aufregende. Sich einrichten in der neuen Wohnung, super viele neue Leute und Orte, die man erkunden kann. Ich wollte alles mitnehmen: jede Bartour und Stadtralley. Das hat mir schnell die Bestätigung gegeben, dass der Umzug der richtige Schritt war. Ich liebe es, dass ich nie weiß, was sich im Laufe des Tages ergibt. Anders als in meinem Heimatdorf sieht kein Tag gleich aus. Und ich genieße es, überall so einfach hinzukommen. In Freiburg steigst du einfach aufs Fahrrad. Auf dem Dorf brauchst du ein Auto.
Mir ist jetzt erst bewusst geworden, dass ich unglaublich liebevoll und behütet aufgewachsen bin. Meine ganze Familie war immer um mich herum. Alles war so eingespielt und vertraut. Bis zum Gymnasium habe ich mich mit nichts Größerem auseinandersetzen müssen als mit meinem kleinen Radius von Dorfanfang bis Dorfende. Es ging nur darum, wann wir wo Fußball spielen gehen. Irgendwann hatte ich alles, was man auf dem Dorf machen kann, schon mal ausprobiert. Dorfpartys, die Bars in der nächstgrößeren Stadt, das Altstadtfest alle drei Jahre. Man sieht immer die gleichen Leute. Nichts ist mehr interessant, sondern nur noch bequem.
Von meinen Eltern wurde mir subtil nahegelegt, auf die Realschule zu gehen. Ich habe mich aber anders als der Großteil meiner Freunde für das Gymnasium und anschließend für ein Studium entschieden. Als ich verkündet habe, nach Freiburg zu ziehen – 350 Kilometer von ihnen entfernt – mussten sie erstmal schlucken. In meiner Familie kannte man das nicht, dass irgendjemand weit weggeht. Weit, das war für mich früher eine halbe Stunde mit dem Auto.
Allein wegzuziehen, habe ich mich nicht getraut. Deshalb habe ich mich an einen Freund drangehängt. Die Wohnungssuche war der Horror. Wir sind mehrfach mit dem Auto vier bis fünf Stunden nach Freiburg gefahren, um dann mit 40 anderen Leuten in einer Wohnung zu stehen. ‚Kriegt ihr nicht‘, war jedes Mal die Antwort. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zwischenzeitlich zur Untermiete in zwei Zimmern der Wohnung eines älteren Mannes zu leben. Inzwischen wohnen wir zu zweit in einer WG im Studentenwohnheim. Dafür bezahle ich 320 Euro. Das ist für Freiburg ziemlich günstig.
Durch den Umzug habe ich viele neue Menschen und Perspektiven kennengelernt. Was Leute in meinem Alter schon erlebt haben, was mir nie möglich erschienen ist! Weit weggehen zum Beispiel, für ein FSJ ins Ausland. Ich habe gemerkt: Du kannst dir die Menschen aussuchen, die zu dir passen.
Mein aktueller Lebensentwurf ist nicht mehr kompatibel mit dem Leben auf dem Dorf. Ich möchte nicht mein Leben lang bei einem Arbeitgeber bleiben, sondern neue Leute kennenlernen und möglichst ungebunden sein. Eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker zu machen und in einer Eigentumswohnung zwei Straßen entfernt von den Eltern leben, ist auch ein guter Lebensentwurf. Nur nicht meiner. Freiburg ist mein neues Zuhause. Es ist der Ort, an dem ich langsam in mein erwachsenes Leben hineinwachse.“
„Trotz Großstadt habe ich alle Leute, die mir wichtig sind, nah bei mir“
Klara, 26, ist aus Löwenhain im Erzgebirge (180 Einwohner:innen) 2019 nach Dresden gezogen. Seit 2023 wohnt sie in Berlin.
„Ich wusste schon immer, dass ich in die Stadt ziehe. In Dresden setzte vier Jahre nach meinem Umzug allerdings die Ernüchterung ein. Wenn man immer an denselben Ecken rumhängt, trifft man immer dieselben Leute und das hat sich dann auch irgendwann wie ein Dorf angefühlt. Aus diesem Grund wollte ich schon aus Löwenhain weg: Ich bin mit der Mentalität nicht mehr klargekommen. Alles muss immer gleich sein. Nichts und niemand darf sich verändern. Das hat mich genervt.
Deshalb habe ich mich richtig doll gefreut, nach Berlin zu ziehen. Überall sind unglaublich viele Menschen. Hier ist nichts festgefahren oder alt eingesessen. Man kann super krass gestylt rausgehen, und es interessiert keinen. Und man kann in Jogginghose und Schlabber-T-Shirt rausgehen, und es interessiert halt auch keinen. Das genieße ich. Am Anfang war ich trotzdem ein bisschen überfordert. Besonders durch dieses extreme Angebot an allem: Kultur, Kunst, Essen, Sport. Alles ist immer verfügbar. Das ist cool, aber ein bisschen viel für jemanden, der mit 18 seine erste Pizza bestellt hat.
Meine Wohnung in Berlin liegt so, dass ich beides haben kann: Ich bin in 20 Minuten S-Bahn-Fahrt in der Natur und in 20 Minuten in Bezirken, wo was los ist. Natürlich braucht man manchmal sehr lange, um zum Beispiel jemanden zu besuchen, der am anderen Ende der Stadt wohnt. Trotzdem: Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hinzukommen, ist für mich Freiheit. Das habe ich auf dem Land vermisst. Da war man immer auf das Auto angewiesen, sonst wurde es schnell langweilig. Meine beste Freundin und ich haben 50 Minuten mit dem Auto voneinander entfernt gewohnt. In Berlin waren es eine Weile durch Zufall nur zwei Querstraßen. Mittlerweile wohnt sie in Wien.
Inzwischen fühle ich mich zu 100 Prozent in Berlin zu Hause. Das Gefühl, angekommen zu sein, hatte ich nach einem halben Jahr. Ich habe damals in einer sehr familiären WG gewohnt, in einem für Berlin bezahlbaren Zehn-Quadratmeter-Zimmer für 450 Euro. Zusammen haben wir viel gekocht und Sachen unternommen. Das hat mir auf jeden Fall geholfen, mich nicht allein zu fühlen. Trotz Großstadt habe ich alle Leute, die mir wichtig sind, nah bei mir.
Trotzdem glaube ich, irgendwann verschlägt es mich zurück aufs Land. Der Platz fehlt mir. Dieses Weitläufige. Aber ich würde nie wieder dahin zurückziehen, wo ich aufgewachsen bin. Das wäre für mich ein Rückschritt.“
„Halle bietet so viele Möglichkeiten, die ich auf dem Dorf nie hatte“
Lene, 24, ist aus Bretsch in der Altmark (223 Einwohner:innen) erst nach Magdeburg und dann nach Halle gezogen.
„Es wird häufig geschimpft: ‚Dieser böse Osten‘. Und ja: Es macht mir Angst, dass die AfD hier so stark ist. Bei meinem Nebenjob als Nachhilfelehrerin betreue ich zu 95 Prozent Kinder, die einen Migrationshintergrund haben. Dadurch lerne ich auch ihre Familien kennen. Die widerlegen so viele Klischees. Deshalb versuche ich dagegen zu arbeiten und die andere Seite zu zeigen, wenn ich in der Heimat höre, dass sich jemand über die Migrationspolitik beschwert. Ich weiß immer nicht, woher die ihre Infos nehmen. Bei uns auf dem Dorf habe ich noch nie jemanden getroffen, der woanders herkam als aus dem nächsten Kuhdorf.
Nach dem Abi bin ich für mein FSJ nach Magdeburg gezogen. Das Ankommen war zu Corona-Zeiten schwierig. Alles war online und dadurch total anonym. Soziale Kontakte hatte ich nicht, nur meinen damaligen Freund. Für mein Förderschullehramt-Studium bin ich in die andere Großstadt Sachsen-Anhalts gezogen. Ich dachte, dass die Anonymität in Halle genauso groß sein wird, aber da wurde ich eines Besseren belehrt.
Über die Ur-Hallenser wird eigentlich immer gesagt, dass die ein grantiges Volk sind. Mittlerweile habe ich aber viele nette Menschen kennengelernt, die hier aufgewachsen sind. Bei einer Bekannten aus der Heimat war damals noch ein WG-Zimmer frei. Da bin ich eingezogen. Heute ist sie meine beste Freundin. Uns gibt es nur im Doppelpack. Durch unsere anderen WG-Mitbewohner: innen, die schon länger in Halle waren, ist auch die Connection zu anderen Leuten sehr schnell entstanden. Inzwischen wohne ich mit meinem Freund zusammen, gegenüber meiner besten Freundin.
Obwohl Halle eine Großstadt ist, ist das Leben hier die Dorf-Light-Version: Du gehst aus der Haustür und triffst mindestens zwei, drei Leute, die du kennst. Doch Halle bietet dann doch mehr. Es ist immer viel los und du kannst zu jedem Zeitpunkt irgendwas machen, egal wie spät. Ich entdecke die Stadt immer wieder aufs Neue. Das größte Hobby meiner Freund:innen und mir ist es, uns für Kaffee und Kuchen in einem der unzähligen Cafés zu treffen. Halle bietet so viele Möglichkeiten, die ich auf dem Dorf nie hatte: Bars, Tretbootfahren auf der Saale oder bummeln in der Stadt.
Wenn ich sage, ich will nach Hause, dann denke ich an Halle. Doch mir fehlt, schnell im Wald zu sein, um in Ruhe in der Natur spazieren zu gehen. Deshalb wünscht sich ein ganz kleiner Teil von meinem Herzen, wieder zurück aufs Dorf zu meiner Familie zu ziehen. Aber dafür müsste es möglich sein, alle meine Freunde hier einzupacken und mitzunehmen.“