Fachkräftemangel

„Ich habe das Gefühl, die Menschen hier bauen Mauern um sich“

Lange hat Reihan davon geträumt, in Deutschland zu arbeiten. Inzwischen ist die IT-Beraterin enttäuscht. Deutschland ist auf ausländische Fachkräfte angewiesen, aber viele fühlen sich nicht willkommen. Was Expats in Deutschland vermissen.

Von Yunus Gündüz
8. September 2022 - 7 Min. Lesezeit

Eigentlich müsste Reihan glücklich sein. Im Mai 2021 zog sie nach München, um als IT-Beraterin zu arbeiten. „Es war mein Traum, in Deutschland zu leben“, erzählt die 30-jährige Ägypterin, die eigentlich anders heißt, in einem Zoom-Telefonat. Von ihrem Arbeitgeber möchte sie nicht erkannt werden. Reihan hat in Kairo jahrelang eine deutsche Schule besucht und war gut vorbereitet auf ihren Auslandsaufenthalt. Doch nach fast anderthalb Jahren in Deutschland fühlt sie sich nicht so, als sei für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Sie vermisst ihre Familie, aber vor allem fehlen ihr Freund:innen und andere soziale Kontakte: „Ich fühle mich fremd. Als würde ich nicht hierhin gehören.“

Reihan ist nicht die einzige Fachkraft aus dem Ausland, die Probleme hat, in Deutschland Anschluss zu finden. Das legt unter anderem eine Umfrage aus diesem Jahr von Internations nahe, einem deutschen Unternehmen, das ausländische Arbeitskräfte, sogenannte Expats, weltweit miteinander vernetzt. In der nicht-repräsentativen Umfrage, an der etwa 12 000 Personen aus 181 Ländern teilgenommen haben, kommt Deutschland nicht gut weg. Im Ranking der Expat-Zielorte landet Deutschland auf Platz 42 von insgesamt 52 Plätzen, weit hinter Ländern wie Kenia, Oman oder China. Zwar liegt Deutschland vorne in den Bereichen Arbeit, Karrierechancen und allgemeine Lebensqualität, wozu auch der Aspekt der Sicherheit zählt. Allerdings schneidet Deutschland besonders schlecht bei Sprache, Freundlichkeit, Freundschaften und Willkommenskultur ab. Dabei bemühen sich Politik und Arbeitgeber:innen seit Jahren, ausländische Fachkräfte zu werben. Aber ist Deutschland wirklich so ein schlechter Gastgeber? Welche Erfahrungen machen junge Expats, die sich entschließen, nach Deutschland zu kommen?

Wenn Reihan an Heimat denkt, denkt sie an Ägypten oder an Tschechien, wo sie zuvor gearbeitet hatte. An Deutschland denkt sie nicht.

Wenn Reihan an Heimat denkt, denkt sie an Ägypten oder an Tschechien, wo sie zuvor gearbeitet hatte. An Deutschland denkt sie nicht.

In Tschechien lernte sie ihren Freund kennen und baute sich einen Freundeskreis auf, obwohl sie nicht einmal die tschechische Sprache beherrscht. In Deutschland müsste ihr der Kontakt zu anderen dagegen eigentlich leichtfallen: „Ich kenne die deutsche Kultur. Ich spreche die Sprache.“ Doch echte Freund:innen habe sie hier bislang nicht gefunden.

„Die kühlen Deutschen“ – für Reihan ist das nicht bloß ein Klischee. Ihre Kolleg:innen seien hauptsächlich Deutsche, zum Teil auch mit Migrationsgeschichte, aber einen Zugang habe sie bislang nicht zu ihnen gefunden. „Ich habe das Gefühl, die Menschen hier bauen Mauern um sich.“ Natürlich habe sie auch versucht, in ihrer Freizeit Freund:innen zu finden, zum Beispiel auf Netzwerktreffen für Internationals oder beim Sport. Doch meistens habe sie nach der Arbeit einfach keine Kraft und keine Motivation mehr. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwerfallen würde, Anschluss zu finden.“

Was sie beschreibt, deckt sich mit den Ergebnissen der Umfrage von Internations: Deutschland liegt im Eingewöhnungs-Ranking auf Platz 48 von 52. In den Subkategorien „Freunde finden“ liegt Deutschland auf Platz 46 und bei Willkommenskultur sogar auf Platz 50 – nur Kuwait und Norwegen schneiden schlechter ab.

„Deutschland braucht die zusätzlichen Arbeitskräfte, um in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben“, sagt Yvonne Giesing vom ifo-Institut

Dabei könnte Deutschland mehr Fachkräfte aus dem Ausland gut gebrauchen: Die Bundesagentur für Arbeit zählt in diesem Jahr 148 Berufsgruppen, die zu den sogenannten Engpassberufen gehören. Lehrer:innen, Ärzt:innen, Programmierer:innen, aber auch Pflegekräfte, Lokführer:innen und Bauarbeiter:innen werden dringend gesucht. Bis zu 400 000 Fachkräfte müssten pro Jahr mehr ein- als auswandern, um die Lücke auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, ein jährliches Plus größer als die Bevölkerung von Bochum. „Diese Zahl wird sich so schnell nicht ändern“, sagt Yvonne Giesing vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo). „Deutschland braucht die zusätzlichen Arbeitskräfte, um in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben“, so die Ökonomin. Die Alterung der deutschen Bevölkerung ließ die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften steigen.

Das hat auch die Politik erkannt. Plänen der Bundesregierung zufolge soll noch im Herbst das Einwanderungsgesetz modernisiert werden, um den Zuzug ausländischer Fachkräfte zu erleichtern. Wie viele das aktuell sind, ließe sich allerdings kaum beziffern, da die Datenlage unübersichtlich sei, so Giesing. 2021 kamen etwa 38 000 Arbeitsmigrant:innen aus Nicht-EU-Staaten. In die Statistik fielen allerdings nur diejenigen, die mit Arbeitsvisum einreisen. Menschen, die erst später eine Arbeit aufnehmen, seien ausgeschlossen. Zudem würden Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland nicht erfasst.

Ana Jimenez sitzt an einem Freitagmorgen in einem japanischen Café in der Münchner Maxvorstadt. Die 34-Jährige stammt von den Philippinen. Seit 2016 arbeitet sie in Deutschland als Produktdesignerin. Anders als Reihan wirkt Ana glücklich, wenn sie über ihren Job spricht.

Ana Jimenez sitzt an einem Freitagmorgen in einem japanischen Café in der Münchner Maxvorstadt. Die 34-Jährige stammt von den Philippinen. Seit 2016 arbeitet sie in Deutschland als Produktdesignerin. Anders als Reihan wirkt Ana glücklich, wenn sie über ihren Job spricht.

In München ist sie allerdings nur, weil sie bei einem internationalen Unternehmen arbeitet, bei dem sie Englisch sprechen kann. Denn mit Deutsch hatte sie von Anfang an Probleme, schon während ihres Studiums in Österreich. „Es ist eine sehr schwere Sprache“, sagt Ana auf Englisch. Tatsächlich ist laut Ökonomin Giesing mangelnde Sprachkenntnis eine der größten Hürden für ausländische Arbeitskräfte, in Deutschland einen Job zu finden. „Es fängt an mit einer Bewerbung und einem perfekten Lebenslauf auf Deutsch. Sind zu viele Rechtschreibfehler drin, haben Bewerber oft keine Chance.“ Da seien deutsche Unternehmen strenger als Unternehmen in englischsprachigen Ländern – die stärksten Konkurrenten im Wettstreit um qualifiziertes Personal.

Auch Seshan Venkita aus Indien tut sich schwer mit der deutschen Sprache. Der 29-Jährige hat bereits in Belgien und den Niederlanden gelebt und ist im April nach Wuppertal gezogen. Als Ingenieur ist er in der Automobilbranche gefragt. Was ihm an Deutschland besonders auffällt?

Auch Seshan Venkita aus Indien tut sich schwer mit der deutschen Sprache. Der 29-Jährige hat bereits in Belgien und den Niederlanden gelebt und ist im April nach Wuppertal gezogen. Als Ingenieur ist er in der Automobilbranche gefragt. Was ihm an Deutschland besonders auffällt?

„Die Attitüde – in den Niederlanden grüßt man sich, man hat ein Lächeln auf dem Gesicht.“ Bisher empfinde er Deutsche als weniger freundlich, weniger offen, weniger einladend. Dafür lernte er gleich zu Beginn etwas sehr Deutsches kennen: Beschwerden von Nachbar:innen. Als er seine Wohnung einrichtete, habe eine ältere Dame über die Lautstärke geklagt. „Ich habe selbstverständlich auch nette Nachbarn, aber so etwas ist mir weder in Belgien noch in den Niederlanden passiert.“

Dass für viele Expats das Zwischenmenschliche eine Herausforderung darstellt, hat das Unternehmen Workstadt aus Wuppertal verstanden. Workstadt betreut ausländische Arbeitskräfte von Unternehmen aus der Region, vernetzt sie mit anderen Menschen, organisiert Treffen und bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Auch Seshan wird von Workstadt betreut: „Es ist wunderbar, die meisten meiner Freunde habe ich über Workstadt kennengelernt.“ Um „Member“ wie Seshan kümmert sich unter anderem Community-Managerin Philine Halstenbach. Oft seien es die profanen, kleinen Dinge, die ihre Member umtreiben, so Halstenbach. Schon der Einkauf von Kochgeschirr könne zur Herausforderung werden – ein Workstadt-Member sei einmal an den Beschriftungen der Waren in einem Einkaufscenter verzweifelt: „Der wollte danach zurück“, erzählt die Community-Managerin. Genau in solchen Momenten versuche das Unternehmen ihre Member zu unterstützen. „Wir wollen dafür sorgen, dass sich die Menschen willkommen und nicht alleine fühlen.“ Andernfalls spiele man schneller mit dem Gedanken, wieder auszuwandern.

Und dann ist da noch die deutsche Bürokratie. „Jeder Brief stresst mich wahnsinnig“, sagt Ana

Doch wenn selbst vermeintlich kleine Dinge schon ein Auslöser dafür sein können, was ist dann erst bei existenziellen Problemen? Die Wohnungssuche in Deutschland ist je nach Region bereits für Einheimische schwer, für Expats kann sie zu einer unlösbaren Aufgabe werden: „Wenn ich auf Wohnungssuche bin, denke ich wieder ans Auswandern. Es ist wahnsinnig frustrierend“, erzählt Ana. Sie und ihr Freund leben gemeinsam in einer 40-Quadratmeter-Wohnung in München, eine größere haben sie bislang nicht gefunden. Laut einer Studie des Pestel-Instituts fehlen in Deutschland etwa 450 000 Wohnungen. Das bekommen Expats oft besonders zu spüren, denn mit ausländisch klingenden Namen ist es noch schwieriger, eine Wohnung in Deutschland zu bekommen, wie ein Experiment von Spiegel und BR gezeigt hat. Und dann ist da noch die deutsche Bürokratie.

„Jeder Brief stresst mich wahnsinnig“, sagt Ana. Sie habe sogar lange eine Agentur dafür bezahlt, sich um die Post von Behörden zu kümmern. Die 200 Euro seien es wert, keine Angst mehr vor Amtspost zu haben, sagt die Philippinerin. Zu unübersichtlich seien die Formulare, zu unverständlich das Beamtendeutsch. Auch bei Workstadt haben die Mitarbeiter:innen Erfahrung mit den Anforderungen der Behörden gemacht. „Wir haben enorme Hürden für internationale Fachkräfte, weil man zum Beispiel im Einwohnermeldeamt oft nur mit Deutsch weiterkommt“, sagt Esther Königes, die Geschäftsführerin von Workstadt. „Städte müssen verstehen, dass Internationalität ein Standortvorteil ist und es endlich ermöglichen, Verwaltungsangelegenheiten auch auf Englisch abwickeln zu können.“

Die mangelnde Digitalisierung in deutschen Verwaltungen spielt in dieses Problem hinein. Laut Nationalem Normenkontrollrat, einem unabhängigem Beratungsgremium der Bundesregierung, waren Anfang vergangenen Jahres nur 14 von 115 Leistungen der Bundesverwaltung flächendeckend online abrufbar. „Bei der Post ist so viel Müll dabei, ich habe ständig Angst, irgendwelche Briefe zu übersehen und zu verlieren“, sagt Seshan. „Online wäre all das kein Problem“.

Trotz aller Schwierigkeiten sind sich Reihan, Ana und Seshan in einer Sache weitestgehend einig: Deutschland hebe sich vor allem in den Bereichen Sozialsystem und Karrierechancen positiv von anderen Ländern ab. Aber reicht ihnen das? Seshan ist sich noch nicht sicher, ob er längerfristig bleiben möchte: „In Deutschland anzukommen, ist nicht einfach. Man braucht viel Hilfe und muss hart arbeiten, damit das Leben hier leichter wird.“ Aber im Moment sei er bereit, sich diese Arbeit zu machen. Ana geht es ähnlich. Ob sie Deutschland irgendwann wieder verlässt und in ihre Heimat zurückkehrt, weiß sie noch nicht. Zumindest ihr Lebensstandard wäre dort höher: „Auf den Philippinen könnte ich eher ein Haus kaufen.“ Reihan sieht ihre Zukunft dagegen weiterhin in Deutschland, auch wenn ihre Erwartungen an das Leben hier bisher nicht erfüllt wurden. Durch einen Jobwechsel hofft sie nun, in Kontakt mit neuen Kolleg:innen zu kommen und Menschen kennenzulernen, die keine Mauern um sich bauen.

Team
Text Yunus Gündüz
Illustration Samira Roll
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