Werte

Vom Sinn der Freiheit

Wie gelingt ein Leben ohne äußere Zwänge? Ein paar grundlegende Gedanken über einen Wert, der weltweit gerade schwer in Bedrängnis ist.

Text: Stefan Ulrich, Illustration: Stefan Dimitrov
13. April 2022 - 9 Min. Lesezeit

Selten hat mich ein Leserbrief so aus der Fassung gebracht. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang er stand, ob es um die russische Besetzung der Krim ging, um China oder Donald Trump. Jedenfalls hatte ich einen Kommentar geschrieben, in dem ich mich für die Verteidigung der Freiheit starkmachte, auch wenn das unbequem ist. Danach ploppte diese E-Mail auf. Sie enthielt nur einen Satz: „Was schert mich die Freiheit!“

Bis dahin war ich unbewusst davon ausgegangen, allen Menschen sei, wie mir, die Freiheit ein überragender Wert, ja ein Lebensziel. Wenn schon nicht immer die Freiheit aller, wie es Gerechtigkeit und Fairness erfordern, so doch die Freiheit für sich selbst. Das war naiv. Je mehr ich nachdachte, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass vielen Menschen Sicherheit, Wohlstand, der „richtige“ Glaube, eine Ideologie oder die „Größe“ der Nation wichtiger sind als die Freiheit.

Das hat mich schockiert, was vielleicht noch dadurch verstärkt wurde, dass ich mich in meinem kleinen Ich, in meinem Berufsleben als Journalist, zunehmend unfrei fühlte. Nicht politisch, nicht weil mir jemand diktiert hätte, was ich schreiben sollte, wie es die Lüge von der „Lügenpresse“ behauptet. Sondern weil ich vor lauter Konferieren und Organisieren kaum mehr zum Schreiben kam. Und ich hatte das frustrierende Gefühl, dieser kleine, unbedeutende, individuelle Freiheitsschwund falle zeitlich zusammen mit einem großen, allgemeinen Rückzug der Freiheit. All das, womit ich mich journalistisch auch im Interesse der Freiheit beschäftigt und in Kommentaren eingesetzt hatte – Völkerrecht, Vereinte Nationen, Europäische Union, Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Pluralismus, Toleranz – geriet in die Defensive.

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Vom Sinn der Freiheit

Wie gelingt ein Leben ohne äußere Zwänge? Ein paar grundlegende Gedanken über einen Wert, der weltweit gerade schwer in Bedrängnis ist.

Selten hat mich ein Leserbrief so aus der Fassung gebracht. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang er stand, ob es um die russische Besetzung der Krim ging, um China oder Donald Trump. Jedenfalls hatte ich einen Kommentar geschrieben, in dem ich mich für die Verteidigung der Freiheit starkmachte, auch wenn das unbequem ist. Danach ploppte diese E-Mail auf. Sie enthielt nur einen Satz: „Was schert mich die Freiheit!“

Bis dahin war ich unbewusst davon ausgegangen, allen Menschen sei, wie mir, die Freiheit ein überragender Wert, ja ein Lebensziel. Wenn schon nicht immer die Freiheit aller, wie es Gerechtigkeit und Fairness erfordern, so doch die Freiheit für sich selbst. Das war naiv. Je mehr ich nachdachte, desto mehr musste ich mir eingestehen, dass vielen Menschen Sicherheit, Wohlstand, der „richtige“ Glaube, eine Ideologie oder die „Größe“ der Nation wichtiger sind als die Freiheit.

Das hat mich schockiert, was vielleicht noch dadurch verstärkt wurde, dass ich mich in meinem kleinen Ich, in meinem Berufsleben als Journalist, zunehmend unfrei fühlte. Nicht politisch, nicht weil mir jemand diktiert hätte, was ich schreiben sollte, wie es die Lüge von der „Lügenpresse“ behauptet. Sondern weil ich vor lauter Konferieren und Organisieren kaum mehr zum Schreiben kam. Und ich hatte das frustrierende Gefühl, dieser kleine, unbedeutende, individuelle Freiheitsschwund falle zeitlich zusammen mit einem großen, allgemeinen Rückzug der Freiheit. All das, womit ich mich journalistisch auch im Interesse der Freiheit beschäftigt und in Kommentaren eingesetzt hatte – Völkerrecht, Vereinte Nationen, Europäische Union, Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Pluralismus, Toleranz – geriet in die Defensive.