Mensch gegen Meer

Die Wellen von Nazaré an der portugiesischen Küste sind besonders spektakulär – das lockt die weltbesten Surfer an.

Aber vor kurzem ist ein Brasilianer hier in den Wassermassen ums Leben gekommen.

In der Surfszene und der Stadt fragen sich nun viele noch mehr: Wie gefährlich ist das, was wir hier tun?

Mensch gegen Meer

Die Wellen von Nazaré an der portugiesischen Küste sind besonders spektakulär – das lockt die weltbesten Surfer an.

Aber vor kurzem ist ein Brasilianer hier in den Wassermassen ums Leben gekommen.

In der Surfszene und der Stadt fragen sich nun viele noch mehr: Wie gefährlich ist das, was wir hier tun?

3. März 2023 - 10 Min. Lesezeit

Wenn meine Lunge voller Wasser ist, wie viel Zeit habe ich dann bis zum Gehirntod?“ Als Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner diese Frage stellt, steht er in einer Garage im Hafen von Nazaré.

Steudtners Frage richtet sich an Dr. Julia Schell, Notärztin aus Hamburg. Sie ist für ein paar Tage nach Portugal gekommen, jetzt steht sie vor einer etwa zwei mal drei Meter großen Holzplatte, die auf einen Anhänger mit dicken Reifen montiert ist. „Strandkrankenwagen“ wird Steudtner das Gefährt später nennen.

Darauf ist eine Trage platziert und allerlei medizinisches Gerät. Defibrillator, Beatmungsgerät, eine Pumpe, die Flüssigkeit aus der Lunge saugen kann. „Das Wasser muss erst raus, bevor man mit der Beatmung starten kann“, sagt die Ärztin.

Auf Steudtners Frage gibt sie keine konkrete Antwort, die Zeit bis zum Gehirntod nach dem Unfall hänge von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Fitness des Patienten. Schließlich sagt sie aber: „Im Normalfall hat man ohne Sauerstoff zwischen drei und sechs Minuten bis zur irreversiblen Gehirnschädigung und neun bis zum Hirntod.“ Ziemlich wenig Zeit, wenn ein Mensch hilflos zwischen haushohen Wellen im Wasser treibt – eine Situation, in die Sebastian Steudtner leicht geraten kann.

2020 ließ er sich hier in Nazaré an der Westküste von Portugal in die größte Welle ziehen, die je ein Mensch gesurft ist. 26,21 Meter. 21 Zentimeter höher als das Brandenburger Tor.

Und er will seinen Rekord noch steigern. In Nazaré brechen an manchen Tagen noch wesentlich höhere Wellen. Um sie surfen zu können, betreibt Steudtner, 37, enormen Aufwand: Er war bei Porsche im Windkanal, um die Aerodynamik seiner Surfbretter zu verbessern.

2020 ließ er sich hier in Nazaré an der Westküste von Portugal in die größte Welle ziehen, die je ein Mensch gesurft ist. 26,21 Meter. 21 Zentimeter höher als das Brandenburger Tor.

Und er will seinen Rekord noch steigern. In Nazaré brechen an manchen Tagen noch wesentlich höhere Wellen. Um sie surfen zu können, betreibt Steudtner, 37, enormen Aufwand: Er war bei Porsche im Windkanal, um die Aerodynamik seiner Surfbretter zu verbessern.

Er sammelt Daten über die Energie der Riesenwellen und die Kräfte, die auf seinen Körper wirken, wenn er sie reitet. So will er herausfinden, welche Muskeln er besonders trainieren muss. Und jetzt steht der erfolgreichste Big-Wave-Surfer, den Deutschland je hatte, in einer Garage und befasst sich mit der Funktionsweise einer Lungenabsaugpumpe, die ihm vielleicht mal das Leben retten muss.

Steudtner sagt: „Ich gehe immer vom Schlimmsten aus – gebrochene Rippe durchbohrt Lunge, Herzstillstand – und arbeite so lange am Fitnesstraining, am Equipment und Team, bis das Optimum erreicht ist. Wenn ein großer Tag kommt, gibt mir das die Freiheit zu surfen und zu wissen: Im Fall der Fälle bin ich versorgt.

Wer die größten Wellen der Welt erleben will, muss nach Nazaré, vor allem im Winter. Dann kann man Fotos und Videos von spektakulären Ritten auf der Monsterwelle machen. Für die Besten dieses Sports ist das wichtig, um ihre Sponsoren zufriedenzustellen. Die finanzieren das Leben der Big-Wave-Surfer, die um die Welt jetten, immer den großen Stürmen hinterher.

Wer die größten Wellen der Welt erleben will, muss nach Nazaré, vor allem im Winter. Dann kann man Fotos und Videos von spektakulären Ritten auf der Monsterwelle machen. Für die Besten dieses Sports ist das wichtig, um ihre Sponsoren zufriedenzustellen. Die finanzieren das Leben der Big-Wave-Surfer, die um die Welt jetten, immer den großen Stürmen hinterher.

Es gab in Nazaré schon mehrere Beinahe-Todesfälle von Weltklassesurfern. Die Brasilianerin Maya Gabeira war im Oktober 2013 fast fünf Minuten im tosenden Weißwasser verschwunden, bis Carlos Burle, der sie mit dem Jetski in die Welle gezogen hatte, sie retten konnte. Der Portugiese Alex Botelho hatte bei einem Wettbewerb im Februar 2020 einen Unfall mit einem Jetski, er trieb vor laufenden Kameras minutenlang mit dem Kopf nach unten im Wasser, es waren chaotische Szenen. Er konnte gerettet werden, zum Big-Wave-Surfen ist er aber nie zurückgekehrt.

Vor wenigen Wochen aber kam hier zum ersten Mal ein Surfer ums Leben: Marcio Freire, ein Pionier des Big-Wave-Surfens auf Hawaii. Er starb an einem Tag mit für hiesige Verhältnisse kleinen Wellen von etwa fünf Metern, nachdem er auf einer gestürzt war. Es dauerte zu lange, bis Freire an Land gezogen werden konnte, auch weil er keine der Sicherheitswesten trug, die Surfer unter Wasser schnell per Knopfdruck aufblasen können, um an die Oberfläche zu gelangen. Wiederbelebungsmaßnahmen am Strand kamen zu spät.

Für die Szene und für Nazaré war Freires Tod ein Schock. Er rückte Fragen wieder ins Licht, die sich eigentlich schon seit Jahren stellen: Wie kann man verhindern, dass solche Unfälle passieren? Wessen Aufgabe ist das eigentlich? Die der Surfer, die ihr Leben schließlich freiwillig riskieren? Oder müssten die Behörden Sicherheit garantieren? Und wie soll das überhaupt gehen bei einem Sport, bei dem man es mit tonnenschweren, sich bewegenden Wasserbergen zu tun hat? Wer ein paar Wochen nach Freires Tod in Nazaré nach Antworten auf diese Fragen sucht, mit Surfern, Rettungsschwimmern und Politikern spricht, der merkt: Es ist kompliziert. Denn beim Big-Wave-Surfen geht es auch um Geschäft und Politik, um Regeln, Vertrauen und Egos.

Ein Mittwochmorgen Anfang Februar, klare kühle Luft, leichter ablandiger Wind, aus dem Hafen von Nazaré machen sich Jetskis auf den Weg.

Sie umfahren die Klippen, auf denen ganz vorne der ikonische Leuchtturm steht, zur Praia do Norte, dem Nordstrand. 

Hier endet der bis zu fünf Kilometer tiefe Unterwasser-Canyon, der die Wellenenergie so einmalig auf dieses kleine Stück Küste lenkt.

Während der Meeresboden außerhalb des Canyons sanft ansteigt und die anrollende Dünung gleichmäßig verlangsamt, bewegt sie sich im Canyon schnell. 

Dabei biegt sie sich in Richtung des Strandes, wo sie abrupt auf die Wand des Caynons trifft und sich nach oben auftürmt. 

Gleichzeitig treffen hier nun die Wellen aus beiden Richtungen wieder zusammen – und es bilden sich gigantische Brecher.

Ein Mittwochmorgen Anfang Februar, klare kühle Luft, leichter ablandiger Wind, aus dem Hafen von Nazaré machen sich Jetskis auf den Weg.

Sie umfahren die Klippen, auf denen ganz vorne der ikonische Leuchtturm steht, zur Praia do Norte, dem Nordstrand. 

Hier endet der bis zu fünf Kilometer tiefe Unterwasser-Canyon, der die Wellenenergie so einmalig auf dieses kleine Stück Küste lenkt.

Während der Meeresboden außerhalb des Canyons sanft ansteigt und die anrollende Dünung gleichmäßig verlangsamt, bewegt sie sich im Canyon schnell. 

Dabei biegt sie sich in Richtung des Strandes, wo sie abrupt auf die Wand des Caynons trifft und sich nach oben auftürmt. 

Gleichzeitig treffen hier nun die Wellen aus beiden Richtungen wieder zusammen – und es bilden sich gigantische Brecher.

Als die Jetskis und Surfer dort angekommen sind, wird deutlich, wie groß die Wellen sind: vier- bis fünfmal so hoch wie ein Mensch, zwischen acht und zehn Metern. Wenn sie brechen, ertönt ein Donnern, es ist noch auf den Klippen zu hören. Dort finden sich die ersten Zuschauer ein, die Hänge füllen sich wie ein Theater, Fotografen richten ihre Objektive aufs Meer, Touristen ihre Smartphones. Showtime.

Was einem auffällt, wenn man sich das Spektakel ansieht: die Weitläufigkeit. Fünf, sechs Fußballfelder ist der Bereich groß, auf dem schon bald 15 Jetskis herumdüsen. Sie ziehen die Surfer in die Welle, fahren hinterher und sammeln sie wieder ein.

Wenn jemand stürzt, brauchen sie manchmal mehrere Anläufe, um den Surfer zu holen. Zwischen zwei Wellen bleiben etwa 15 Sekunden, um ihn zu sichten, zu ihm zu rasen, ihn auf den Rettungsschlitten hinter dem Jetski krabbeln zu lassen und zu entkommen. Und die Fahrer der PS-starken Wasserfahrzeuge müssen selbst immer wieder den Weißwasserwalzen ausweichen, um nicht zu kentern.

Was einem auffällt, wenn man sich das Spektakel ansieht: die Weitläufigkeit. Fünf, sechs Fußballfelder ist der Bereich groß, auf dem schon bald 15 Jetskis herumdüsen. Sie ziehen die Surfer in die Welle, fahren hinterher und sammeln sie wieder ein.

Wenn jemand stürzt, brauchen sie manchmal mehrere Anläufe, um den Surfer zu holen. Zwischen zwei Wellen bleiben etwa 15 Sekunden, um ihn zu sichten, zu ihm zu rasen, ihn auf den Rettungsschlitten hinter dem Jetski krabbeln zu lassen und zu entkommen. Und die Fahrer der PS-starken Wasserfahrzeuge müssen selbst immer wieder den Weißwasserwalzen ausweichen, um nicht zu kentern.

Schon von den Klippen aus ist es schwer, den Überblick zu behalten. Alles ist ständig in Bewegung, manchmal sind mehrere Surfer gleichzeitig auf Wellen, einer vorne am Leuchtturm, ein anderer ein paar Hundert Meter weiter nördlich. Vom Strand ist es für Rettungsschwimmer oder Ärzte unmöglich zu erkennen, was draußen passiert. Nur brodelndes Weißwasser, Wellenchaos, Gischt.

Deshalb schreibt die Marine den Surfern vor, dass sie mit Teams arbeiten: Jeder muss einen zweiten Jetski mit Fahrer dabeihaben, für den Fall, dass der erste kentert. Das kommt vor allem an Tagen mit noch größeren Wellen immer wieder vor. Auf dem Leuchtturm muss für jedes Team ein sogenannter Spotter stehen. Per Funk sagt er den Jetskifahrern im Wasser, wo die Wellen brechen. Wenn jemand stürzt, gibt er Hinweise, wo der Surfer treibt. Den Rettungsschwimmern kann er auf dem vereinbarten Sicherheitskanal Anweisungen funken, an welchem Strandabschnitt Hilfe gebraucht wird.

Das zumindest ist die Theorie. Heute sind keine Spotter auf dem Leuchtturm, bei Weitem nicht jeder Surfer hat einen zweiten Rettungs-Jetski dabei. Das ist zwar gegen die Vorschriften, nur setzt die niemand durch. Die Zuständigkeit der Stadt Nazaré und ihrer Rettungsschwimmer endet am Strand, auf dem Wasser müsste die Marine auf Einhaltung der Regeln achten. Doch die hat offenbar Besseres zu tun. „Ich bin noch nie kontrolliert worden“, sagt Nic von Rupp, 32.

Er ist einer der angesehensten Big-Wave-Surfer weltweit, vor einer Woche war der Portugiese mit deutschen Wurzeln noch auf Hawaii, jetzt ist er aus der Nähe von Lissabon gekommen, mit einem Filmteam dreht er einen Werbespot. Und er geht surfen – mit zwei Jetskis, aber ohne Spotter auf der Klippe.

Nazaré, diesen Vergleich zieht eigentlich jeder, mit dem man darüber spricht, ist der Mount Everest des Surfens. So groß, so gefährlich, so idealisiert, dass ein Foto oder Selfie von dort zur Trophäe wird. Rupp surft in Nazaré seit mehr als zehn Jahren und hat erlebt, wie der Ort zur Big-Wave-Welthauptstadt wurde und wie die vielen Videoclips spektakulärer Wellen auch Leute anzogen, die es mit Sicherheit und Regeln nicht so genau nehmen. Er sagt: „Es gibt eine Menge Cowboys da draußen, die nicht gut vorbereitet sind.“ Man darf den Wellen hier nicht respektlos und leichtfertig gegenübertreten, man muss sich herantasten, Schritt für Schritt. „Es gibt keine Abkürzungen.“ Andererseits sagt er: „Die Menschen haben Träume. Und wer bin ich, ihnen zu sagen, wie sie sie verfolgen sollen?“ Jeder müsse irgendwo anfangen, Sicherheitsvorkehrungen kosten viel Geld. „Jedes Mal, wenn man ins Wasser geht, sind das 2000 Euro. Surfen darf nicht zu einem Sport für Reiche werden.“

Sebastian Steudtner war nicht reich, als er nach Nazaré zog. Für seine ersten Jetskis sammelte er Geld per Crowdfunding. Aber sobald er gut dotierte Sponsorenverträge bekam, investierte er auch in Sicherheit. „Mit dem Geld hätte ich inzwischen wahrscheinlich ein halbes Haus kaufen können“, sagt er.

Im Gegensatz zu Rupp hat Steudtner bisweilen einen eher technischen Angang ans Big-Wave-Surfen. Rupp paddelt lieber in Wellen – Mensch gegen Meer, das ist ihm am liebsten. In Nazaré geht das ab einer bestimmten Größe allerdings nicht mehr. Steudtner sucht nach dem Rekord, er will das Maximum herausholen, die Energie der größten Wellen auf dem Planeten spüren. Seit neuestem arbeitet er auch mit Wissenschaftlern zusammen, die die Kraft des Ozeans zur Stromerzeugung nutzen wollen, stellt ihnen Daten zur Verfügung. „Das Meer hat mir im Leben alles gegeben, jetzt gebe ich etwas zurück“, sagt er. Auf seiner Mission kommt Steudtner dem Klischee eines Ingenieurs manchmal näher als dem eines Surfers.

Vor neun Jahren traf er sich mit einem Bekannten, Dr. Axel Haber, Arzt bei der Marine der Bundeswehr. In dem Gespräch merkte er, dass er bislang einen Aspekt außer Acht gelassen hatte: die medizinische Versorgung am Strand. Die Surfer an Land zu bringen, ist nur der erste Schritt. Von der Wasserkante bis zum Parkplatz, wo an großen Tagen ein Krankentransporter steht, sind es mindestens 300 Meter. Bis man einen Schwerverletzten durch den tiefen Sand dorthin getragen hat, kann es zu spät sein.

Seitdem arbeiten Steudtner, Haber und seit fünf Jahren auch Julia Schell an einem Sicherheitskonzept. „Wir merkten“, sagt Julia Schell, „es gibt keine Verletzung, die hier nicht passieren kann. Aber die Sicherheitsvorkehrungen waren geringer als bei einem Fußballspiel.“

Steudtner investierte selbst, weil er das Gefühl hatte, dass die Stadt Nazaré in Sachen Sicherheit eine Lücke lässt. 2020 rief er eine Initiative ins Leben, die Surfer und Behörden zusammenbringen sollte, die „Nazaré Surf Rescue Association“. Die Idee: gemeinsame Sicherheitsstandards definieren, mit Surfern und Rettungsschwimmern für Notfälle trainieren, eine Anlaufstelle sein für Surfer, die Nazaré besuchen. Und: gemeinsam investieren, damit während der Wintersaison immer ein Arzt und das notwendige Equipment vor Ort sind. In einem Interview sagte Steudtner damals: „Wenn wir das nicht machen, wird jemand sterben.“

Aber die Association kam nie richtig in Fahrt. Wenn man nach den Gründen sucht, hört man Unterschiedliches, je nachdem, wen man fragt. Steudtner sagt, die Stadt habe nicht ausreichend mitgezogen, die Behörden seien uneins in der Zuständigkeit. Im Rathaus heißt es, die Surfer seien zu sehr in Konkurrenzdenken verfangen, ihre Egos zu groß, ihr Wille, sich mit dem Schlimmsten zu befassen, zu klein.

Ein sonniger Tag vor Ankunft der größeren Wellen, heute sind es nur zwei bis drei Meter. Schon seit einer Stunde sind Surfer im Wasser, als um neun Uhr eine Art Strandbuggy mit Ladefläche den holprigen Weg zur Praia do Norte herunterkommt. Es stoppt an einer Plattform mit Container, zwei Rettungsschwimmer steigen aus und bereiten sich für den Tag vor.

Noch vor ein paar Jahren wäre an einem solchen Tag kein Rettungsschwimmer hier gewesen, einen Buggy gab es auch nicht. Aber die Stadt hat investiert. Es gibt jetzt ein Alarmsystem, Grün, Gelb, Orange, Rot, je nach Wellengröße wird das Team der Rettungsschwimmer aufgestockt oder durch einen Arzt und einen Krankenwagen am Strand ergänzt. Auf der Ladefläche des Buggys haben sie einen Notarztrucksack, eine Trage, Rettungsbojen, eine Sauerstoffflasche zur Beatmung. Es ist die abgespeckte Version dessen, was Steudtners Team gerade in der Garage im Hafen entwirft – und es wirkt dagegen wie ein Provisorium.

„Das haben wir alles schon benutzen müssen diese Saison“, sagt Orlando Carmo, einer der Lifeguards. Er hatte Dienst an dem Tag, an dem Marcio Freire starb, aber der Unfall geschah nach Ende seiner Schicht. Um 16 Uhr verlassen die Rettungsschwimmer ihren Posten, Carmo war nicht mehr am Strand.

Die Stadt könnte sicher noch mehr tun, die Riesenwellen spülen viel Geld in die Kassen. Bürgermeister Walter Chicharro, der von seinem Schreibtisch im Rathaus auf ein meterhohes Bild einer Welle blickt, berichtet mit Stolz und konkreten Zahlen von diesem Wachstum. Nazaré sei jetzt eine „globale Marke“, man sei für Touristen nicht mehr nur eine Sommerdestination, Leute aus 120 Nationen kämen jetzt elf Monate im Jahr. Das Surf-Museum im Leuchtturm, das Chicharro 2014 eröffnet hat und das zwei Euro Eintritt kostet, habe bis zum Beginn der Pandemie mehr als eine Million Besucher empfangen.

Laut Steudtner könnte man für einen Bruchteil der Leuchtturm-Einnahmen ein komplettes Sicherheitssystem stellen. Bürgermeister Chicharro antwortet auf solche Vorwürfe diplomatisch, konkrete Zahlen hört man jetzt nicht mehr: Man werde in Zukunft weiter an Verbesserungen arbeiten.

Dieser Satz ist eine Politikerbinse, aber sie enthält womöglich einen wahren Kern: Es braucht Zeit. Big-Wave-Surfen hat in Portugal keine lange Tradition. Erst seit etwas mehr als zehn Jahren werden die Riesenwellen vor Nazaré gesurft, und die richtig großen Wellen von mehr als 20 Metern gibt es nur an ein paar Tagen pro Saison. Andere risikoreiche Sportspektakel wie die Formel 1 oder Abfahrts-Skirennen wie die Streif in Kitzbühel existieren seit Jahrzehnten, und die Sicherheitsstandards werden immer noch verbessert.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, erst dann zu handeln, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, erst dann zu handeln, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Oder noch nicht mal dann: Auf dem Mount Everest riskieren jährlich Hunderte ihr Leben, dass es Tote gibt, hat man irgendwann akzeptiert. Vielleicht stimmt der Vergleich der Wellen vor Nazaré mit dem Mount Everest auch in dieser Hinsicht.

Team
Text Christian Helten
Infografik Luisa Benita Danzer
Animation Olivia von Pilgrim
Digitales Storytelling Christian Helten
Bildredaktion Natalie Neomi Isser