„Mei, endlich rührt sich mal was, endlich richtig Action!“

Die ehemalige Biathletin Laura Dahlmeier über Abenteuer am Berg, Dopingkontrollen am frühen Morgen und darüber, warum ein Trainer sie tatsächlich mal „Hascherl“ nannte.

Interview von Dominik Prantl
27. September 2024 - 9 Min. Lesezeit

Laura Dahlmeier kommt mit dem Fahrrad zum Interview in ihrem Stammcafé in Garmisch-Partenkirchen. Während sie einen großen Cappuccino mit Hafermilch bestellt, spricht sie mit der jungen Frau an der Kasse gleich einmal über Gott und die hiesige Welt. Wenn Menschen die 31-Jährige grüßen, grüßt sie zurück. Während des Gesprächs wirkt sie trotz ihres engen Zeitplans nie gehetzt, antwortet ausführlich, ohne dabei zu schwadronieren. Auf die Small-Talk-Frage, wie sehr sie sich eigentlich als Klischee-Bayerin fühle, kommt auch gleich einmal so ein unverblümter Dahlmeier-Satz: Sie gehe zwar nicht mit dem Dirndl durch die Fußgängerzone, aber werde jetzt auch nicht anfangen, Hochdeutsch zu reden

SZ: Gleich mal eine echte Servicefrage für unsere Leser: Haben Sie einen Lieblingsberg?

Laura Dahlmeier: Ja.

Ja? Kommt da noch mehr? Der Name vielleicht?

Da wird jetzt nicht mehr kommen. Es ist mein Lieblingsberg, weil: Da ist wenig los. Er ist in der Region, man muss ein bisschen kraxeln, es geht kein richtiger Weg rauf. Es ist ganz wichtig, gerade in so einer Tourismusregion wie der unseren, dass man nicht immer alles preisgibt. Ansonsten bleiben die Orte nicht mehr so, wie sie sind.

Sie bezeichnen die Berge gerne als Heimat. Meinen Sie damit wirklich die Berge an sich?

Ich muss sagen, dass ich in den Bergen immer so ein bisschen das Gefühl habe, daheim zu sein, egal, wo auf der Welt. Das ist eine Umgebung, mit der ich mich gut identifizieren kann. Da kenne ich mich aus, da weiß ich, wie es läuft. Wenn ich dagegen in einer Stadt bin, und es ist auf einmal flach, bin ich schnell überfordert. Erstens, weil ich mich nicht richtig orientieren kann. Zweitens sind da so viele Leute, so viele Eindrücke. Das würde sich für mich nie wie daheim anfühlen.

Laura Dahlmeier mit den Huberbuam am Mont Blanc.
Laura Dahlmeier mit den Huberbuam am Mont Blanc.

Ist also die Ex-Biathletin Dahlmeier gar nicht Bergsteigerin geworden, sondern die überzeugte Bergsteigerin Dahlmeier zufällig mal Biathletin gewesen?

Ich würde sagen: Die Garmisch-Partenkirchenerin Laura war schon immer gerne in den Bergen und hat im Winter Biathlon gemacht. Ich hab’ während meiner Biathlonzeit nur einfach nicht drüber geredet, dass ich schon immer viel beim Bergsteigen war.

Sie sollen als Kind nicht gewusst haben, dass es auch im Tal Spielplätze gibt.

Die Frage ist, wie alt ich da war. Aber ich kann mich gut erinnern, dass meine Mama vorne an ihrem Mountainbike so einen Kindersitz hatte. Damit sind wir nicht irgendwo ins Loisachtal zu einem Spielplatz gefahren, sondern den Hausberg (1335 Meter hoher Ausflugsberg bei Garmisch-Partenkirchen, d. Red.) hinauf. Da droben waren eine Schaukel und eine Rutsche, und das war mein Spielplatz.

Ihre Eltern wollten Sie trotzdem – so wird überliefert – zum Ballett schicken.

Das hat sich meine Mama mal so eingebildet, dass das doch ganz nett wäre.

Und was meinten Sie?

Na sicher ned!

Sie sind zur Feenparty ja auch als Cowboy gegangen. Das Mädchending war offenbar nicht so Ihres.

Ich war jetzt sicherlich nicht das typische Mädchen, das mit Barbies gespielt hat. Beim Skifahren war ich am liebsten mit den Burschen unterwegs. Zur Erstkommunion habe ich mir beispielsweise ein Skateboard gewünscht. Das habe ich dann auch gekriegt. Und ich wollte eine Flammenmütze. Die habe ich nicht gekriegt.

Eine Flammenmütze?

Ja, mit so Flammen drauf. Habe ich mir dann selber gekauft. Ich habe schon immer recht genau gewusst, was ich möchte und was ich nicht mag. Und wenn man mir was aufdrücken wollte, habe ich das, glaube ich, gerade mit Fleiß erst recht nicht gemacht.

Sie haben sich offenbar einmal riesig gefreut, als am Klettersteig ein Gewitter aufgezogen ist.

Mei, ich hab damals als Kind natürlich nicht gewusst, was es für Gefahren am Berg gibt. Jedenfalls waren wir auf einem Weitwanderweg im Karwendel unterwegs; das war ein bisschen viel Forststraßenhatscher und hat mich jetzt nicht ganz so überzeugt. Am letzten Tag ist es dann aber in einen Klettersteig reingegangen; hinten war der Himmel schon ganz gelb, weil ein Gewitter aufkam. Ich weiß noch, wie ich so dagestanden bin, der starke Wind im Gesicht. Und ich muss gesagt haben: Mei, endlich rührt sich mal was, endlich richtig Action!

Trotzdem hat Sie ein Trainer einmal als „Hascherl“ bezeichnet. Eine Unverschämtheit, oder?

Den Trainer, den Max Rieder vom Olympiastützpunkt, habe ich erst heute in der Früh getroffen. Und er hat gefragt: Laura, wann startest du jetzt dein Comeback? Das hätten wir doch ausgemacht, nur ein Rennen. Ich sagte ihm: Nein, Max, sicher nicht.

Aber wie kam er drauf, Sie ein Hascherl zu nennen?

Der Max hat die unheimliche Gabe, einen Athleten zu fördern und zu fordern. Das ist ein ganz schmaler Grat. Wir waren – das war in ganz jungen Jahren, als ich beim Skiclub Garmisch noch Alpinski gefahren bin – Mountainbiken und mussten durch ein richtiges Loch im Boden. Auf der einen Seite richtig steil runter, und zwar mit viel Schwung, damit man auf der anderen Seite wieder rauskommt. Das habe ich mich nicht getraut. Er wollte das aus mir rauskitzeln.

Und dann haben Sie es ihm gleich richtig zeigen wollen und sind Weltmeisterin und Olympiasiegerin geworden.

Nein. Ich habe dann ja bald zum Biathlon, zum Skiclub Partenkirchen, gewechselt und hatte auch dort gute Trainer. Aber die Geschichte steht vielleicht exemplarisch dafür, was es im Leistungssport schon braucht. Es gibt immer wieder Punkte, an denen man eigentlich nicht mehr kann und nicht mehr mag oder sich nicht traut und wo man sich denkt: Jetzt auf, noch einmal an die Grenzen oder drüber gehen. Und irgendwie habe ich das, glaube ich, ganz gut hingebracht.

Sie haben es auch hingebracht, am Höhepunkt Ihrer Karriere aufzuhören. Haben Sie das jemals bereut?

Nein. Und wenn ich die Chance hätte, dann würde ich es heute genauso wieder machen.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Wenn ich was mach, mach ich’s gscheid“, dass Sie noch heute zusammenzucken, wenn es klingelt, weil die Dopingkontrolleure vor der Tür stehen könnten.

Mittlerweile habe ich es gut überwunden. Das Buch habe ich ja auch schon vor so zwei Jahren geschrieben. In meiner alten Wohnung hatte ich eine recht schrille laute Klingel, damit du wirklich aufwachst, wenn in der Früh die Kontrolleure klingeln. Und wenn du halt im Tiefschlaf bist und dann läutet das um zehn nach sechs, DINGDINGDING, dann stehst du im Bett und hast einen Puls von 150. Irgendwann nach meiner Biathlon-Karriere habe ich die Klingel zwar leiser gemacht. Aber das unschöne Gefühl blieb.

Das könnte jetzt auch so verstanden werden, dass Sie ein schlechtes Gewissen hatten.

Man muss es wohl anders erklären: Ich musste zwischen sechs Uhr in der Früh und elf Uhr abends eine Stunde angeben, zu der ich definitiv an einer angegebenen Adresse anzutreffen war. Jeden Tag. Es war für mich immer das Einfachste, zu sagen: Ich bin zwischen sechs und sieben Uhr in der Früh bei mir daheim. Und dann musste ich aufmachen. Obwohl du vielleicht drei Wochen am Stück unterwegs warst, Montag noch fett den Reisetag hattest, und dann Dienstag, DINGDINGDING, aaaaah! Dann kommt eine wildfremde Frau, geht mit dir auf die Toilette, nimmt dir Blut ab, teilweise mehrmals die Woche. Da ist dann einfach so eine latente Angst, dass man durch irgendeinen Leichtsinnsfehler etwas falsch machen könnte, obwohl man ja definitiv sauber ist. Das ist ein Gefühl, das ich null Komma null vermisse.

Hört sich an, als würden die Berge mehr Freiheit bieten als Biathlon.

Ich bin freier, ja. Beim Biathlon hat sich alles um mich gedreht und ich bin den ganzen Tag im Kreis gelaufen. Man kommt zwar in viele Länder. Aber eigentlich siehst du nichts anderes als Hotel, Schießstand, Rennstrecke. Da suchst du das Mikro-Abenteuer dann im Training, ein neues Weglein oder eine Klamm bei einer Ausdauereinheit. Jetzt kann ich mir das ganze Jahr frei einteilen. Das genieße ich schon sehr.

Sie haben in den vergangenen Jahren mehrere Bergläufe gewonnen, als Skitourengeherin bei richtig harten Rennen mitgemacht, ...
... hohe Berge bestiegen, ...

...sind nach Istanbul geradelt, ...

... klettern im achten Grad.
Schon bei Biathlonübertragungen hörte man immer wieder: Die Laura, das ist einfach ein Tier. Ist das jetzt noch ein Kompliment oder schon eine Beleidigung?
Sie haben in den vergangenen Jahren mehrere Bergläufe gewonnen, als Skitourengeherin bei richtig harten Rennen mitgemacht, ...
... hohe Berge bestiegen, ...

...sind nach Istanbul geradelt, ...

... klettern im achten Grad.
Schon bei Biathlonübertragungen hörte man immer wieder: Die Laura, das ist einfach ein Tier. Ist das jetzt noch ein Kompliment oder schon eine Beleidigung?

Ich sehe es als Kompliment. Besser als ein Hascherl. Aber fix.

Wer Ihren Instagram-Account besucht, sieht auch eine ständig gut gelaunte Athletin.

Das ist vielleicht auch das große Problem an den sozialen Medien: Wenn ich heute sage, mich kotzt die ganze Welt an, ich möchte meine Ruhe, dann mache ich davon sicherlich keine Instagram-Reels mit der Botschaft: Mir geht es halt so schlecht. Ich habe da andere Menschen, mit denen ich das teile.

Ihre Bescheidenheit in Ehren, aber schon früher lachten Sie nach einem Rennen gerne in die Kamera. Sie grinsen bei Podiumsdiskussionen. Man hat den Eindruck, dass Ihnen sogar der Job als ZDF-Expertin Spaß macht. Ist es nicht manchmal auch einfach zum Heulen?

Einen Großteil meines Lebens geht es mir schon gut. Und ich suche mir schon auch aktiv die Sachen raus, die ich gerne mache. Ich habe die freie Wahl, ich kann entscheiden, dass ich das machen will. Sonst würde ich das nicht machen.

Sie sind keine Grüblerin.

Na, ich glaube nicht. Ich schaue gerne nach vorne. So wichtig der Blick zurück auch mal ist, um mich zu entwickeln und besser zu werden: An sich geht es bei mir gerne vorwärts.

Seit etwas mehr als einem Jahr sind Sie auch noch Bergführerin. Das ist fast ein bisschen, wie wenn Toni Kroos nun Yoga-Lehrer wäre: ein Selbstläufer.

Ja und nein. Das ist ein wahnsinnig toller Beruf. Ich darf da unterwegs sein, wo ich gerne bin. Aber es ist natürlich auch mit einem extrem hohen Risiko verbunden. Ich würde sogar sagen, es gibt jeden Arbeitstag eine Situation, bei der du entweder im Absturzgelände bist oder wirklich Lebensgefahr besteht. Von dem her sage ich: Selbstläufer, na ja. Ich möchte schon das Gefühl haben, selber bestens vorbereitet zu sein und auch solche Touren zu machen, denen ich mich gewachsen fühle. Außerdem stehe ich schon ein bisschen mehr im Fokus. Wenn ich einen Karabiner nicht nach Vorschrift einhänge, dann fällt das vielleicht eher auf, als wenn das irgendein Bergführer macht.

Das mit dem Selbstläufer war anders gemeint: Mit Ihnen will doch sicher jeder mit!

Andererseits haben viele Leute aber auch eine Hemmschwelle, weil sie sagen: Ich bin nicht so fit wie du. Dann antworte ich: Es geht ja nicht darum, eine neue Bestzeit erreichen zu müssen. Es geht darum, miteinander ein schönes Bergerlebnis zu haben – ob wir jetzt eine halbe Stunde schneller sind oder langsamer.

Womöglich können Sie trotzdem verlangen, was Sie wollen.

Sagen wir es so: Ich bin gerade noch in einer Findungsphase, wie ich den Bergführerberuf für mich in Zukunft gestalten möchte.

Wie viele Selfies müssen Sie im Schnitt auf einer Tour so machen?

Zu viele. Das gehört dazu. Aber es ist jetzt nicht meine Lieblingsbeschäftigung.

Eine Sportlerin darf man das fragen: Wie viel wiegen Sie?

Das kommt auf die Trainingsphase an. Derzeit knapp unter 60 Kilo.

Könnte schwierig werden, wenn man am kurzen Seil im Steilgelände einen 120-Kilo-Mann halten muss, der dann möglicherweise strauchelt.

Und am besten hat er noch einen Riesenrucksack mit dabei! Man muss sich dann schon bewusst sein: Was kann ich halten und was kann ich nicht halten. Das ist ja ein Teil der Ausbildung. Man hat deshalb das Seil immer auf Zug, dass man den Gast, wenn er strauchelt, sofort wieder auf die Füße zieht. Wenn er eine senkrechte Wand runterpurzelt – das kann ich nicht mit der Hand halten. Es gibt übrigens auch ganz oft männliche Bergführer, die im Vergleich zu den Gästen recht klein und schmächtig sind.

Bei Bergführerinnen gelten bei der Ausbildung die gleichen Aufnahme- und Prüfungskriterien wie bei den Männern. Ist das fair?

Wir möchten die gleiche Arbeit machen und die gleichen Leute führen. Wir sind da nicht im Hochleistungssegment wie beim Biathlon. Die Anforderungen sollen einen gewissen Standard erfüllen, und der Gast soll sich gut aufgehoben fühlen, egal ob es eine Bergführerin oder ein Bergführer ist. Und darum ist das für mich voll okay.

Sie sind auch schon lange bei der Bergwacht. Wie reagieren die Leute, wenn Laura Dahlmeier sie aus der Notsituation rausholt?

Ich hatte schon einen älteren Herren mit Kreislaufbeschwerden, der ganz apathisch im Schatten gelegen ist; es war ein superheißer Sommertag. Als ich gekommen bin, ist er, zack, aufgesprungen und meinte: Ach, ja mei, dass du kommst! Also, so schlimm ist es ja gar nicht. Ich habe gesagt, hinlegen, alles gut.

Sie wirken also auch auf andere eher vitalisierend.

Sie haben mir bei der Bergwacht auch schon geraten: Laura, nimmst du bitte Autogrammkarten mit? Dann geht es den Leuten gleich viel besser.

Text: Dominik Prantl; Redaktion: Christian Mayer; Digitales Storytelling: Daniela Gorgs

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