

Alles begann mit zwei Tomatenpflanzen. Vor gut zehn Jahren bekam sie Jürgen Lehmeier von seiner Mutter geschenkt. Draußen auf dem Land, in Dillingen an der Donau, hatte sie schon seit seiner Kindheit einen Bauerngarten. Damals habe er es gehasst, dort mitzuhelfen.
Und heute? Zieht er selbst auf seinem Dachgarten im Westen Nürnbergs zehn verschiedenen Tomatensorten, Kürbisse, Rote Bete, Zucchini oder Kohlrabi.
In großen Beeten wächst hier Kohl, verschieden Kräuter und auch eine Chili-Pflanze gibt es in diesem Jahr.


Anfangs skeptisch, beobachtete er mit wachsender Freude, wie die beiden Tomatenpflanzen gediehen und Früchte trugen. Mittlerweile hat er sich mit seiner Familie eine grüne Ruheoase über den Dächern der Stadt geschaffen.
Lehmeier steht vor einem der länglichen Beete und pflückt ein paar Blätter Rucola. „Der hat eine ganz andere Schärfe als der aus dem Supermarkt“, erklärt er. Selbst angebaut schmeckt das Gemüse „ganz, ganz anders“ als das, was es zu kaufen gibt, sagt er ein bisschen stolz.

2011 kaufte Lehmeier gemeinsam mit seiner Frau Judith das Haus. Schnell stellte sich die Frage, was aus dem Dach werden sollte. Das Gründerzeithaus erlitt 1943 einen Kriegsschaden, sodass später ein Notdach darauf errichtet wurde. Nach 70 Jahren bestand Renovierungsbedarf.
Die Familie entschied sich 2019 das Gebäude auf seine ursprüngliche Höhe aufzustocken und ein flaches Dach mit einem Überbau, der Form des Dachstuhls nachempfunden, zu errichten.

Der Dachgarten sollte auch eine Antwort auf die Frage nach nachhaltigem und grünem Wohnen in der Stadt sein. Ein Versuch, die Vorzüge des Stadt- und Landlebens zusammenzuführen. Lehmeier und seine Frau sind beide in der Kleinstadt umgeben von viel Grün aufgewachsen, genießen aber auch die gute Anbindung und das kulturelle Angebot in der Stadt.
Die Überlegung, das Dach mit Solarpanels zu bestücken, haben sie schnell wieder verworfen. Die Fläche sei zu klein, um das gesamte Haus mit Strom zu versorgen und das Dach hätte nicht mehr anderweitig genutzt werden können.

„Hitze in der Stadt ist bekanntermaßen ein Riesenthema“, sagt Lehmeier. Gerade im Kern von Nürnberg, der historisch eng bebaut ist, sei wenig Platz für Grünflächen. Mit dem Modellentwurf für das Stadthaus mit Dachgarten wollte er auch einen Beitrag in der Architektur gegen den Klimawandel leisten und einen Anstoß geben, Städte in der Zukunft anders zu denken.
Da in Nürnberg auf den Straßen oft wenig Platz sei, könne die Begrünung der Gebäude selbst eine Möglichkeit sein, so Lehmeier. Gebäude nur mit Elektrizität zu kühlen, sei für ihn keine Option. „Pflanzen sind ein Wahnsinns-Kühlgerät, wenn wir sie richtig einsetzen.“
Pflanzen können helfen, Gebäude signifikant abzukühlen, so der Architekt. Die benachbarten Dächer erreichen nach Messungen seines Büros 50 bis 60 Grad, während die Dachterrasse die 30 Grad-Marke kaum überschreitet. Auch bei extremer Hitze, wie zuletzt Ende Juni, können sich die Pflanzen gegenseitig kühlen.


Das reicht zum Gießen das Jahr über aus. Lediglich in den Sommermonaten wird vom Wasseranschluss auf dem Dach Gebrauch gemacht.
Die Tartanplatten als Bodenbelag waren eine bewusste Entscheidung, das Regenwasser kann dazwischen versickern und Wasser kann länger gespeichert werden. Drei Tage dauert es in der Regel bis nach einem heftigen Regenguss das Wasser aus den Platten wieder verdunstet ist. In Zukunft sind noch mehr Regenauffangstellen geplant. Dann, so hofft Lehmeier, sind sie gar nicht mehr auf den Gartenanschluss auf dem Dach angewiesen.
Die 120 Quadratmeter Dachgarten zu pflegen und abzuernten ist nur in Teamarbeit möglich. Die Fläche sei zu groß, um sie mit nur einer Familie zu bewirtschaften. Deshalb steht er nicht nur Lehmeiers Familie offen, sondern der gesamten Hausgemeinschaft. So lässt sich die Arbeit gut aufteilen: Ist jemand mal länger im Urlaub oder krank, übernehmen die anderen das Gießen.
Außerdem sei der Garten immer auch ein soziales Projekt gewesen. Ein Treffpunkt, der die städtische Anonymität auflösen soll. „Gemeinsam gärtnern schweißt zusammen“, weiß Lehmeier mittlerweile. In der Umsetzung hat das sogar besser geklappt als erträumt. Drei Familien sind aktuell am Garten beteiligt, darunter Arbeitskollegen und Freunde. Im ersten Stock des Hauses sind neue Mieter eingezogen, die ab dem nächsten Frühjahr auch am hauseigenen Anbau teilhaben können.

Dann vereinbaren alle Gärtner in der Whatsapp-Gruppe, wann sie sich treffen und was gepflanzt werden soll. Jeder hat Mitspracherecht, Konflikte gebe es dabei keine. „Das funktioniert deshalb so gut, weil alle wollen“, sagt Lehmeier. Alle Beteiligten würden gerne Zeit und Mühe in den Garten investieren, weil sie auch viel zurückbekämen.
„Man wächst da auch rein“, sagt Lehmeier. Von den Tomatenpflanzen haben sich die Dachgärtner mittlerweile zu Exoten wie der Physalis vorgewagt.
Lehmeier geht die Beete entlang und beäugt die Pflanzen genau. Überall gibt es etwas zu entdecken, zu probieren. Eine Tomate schmeckt erdig, die andere eher süß. Er bleibt stehen und zeigt zwischen die Tomatenpflanzen: „Wir haben viele verschiedene Sorten an Basilikum hier. Das war jetzt Thai-Basilikum, der hat seinen ganz eigenen Geschmack.“
Tomate und Basilikum wachsen hier stets nebeneinander, erklärt er. Dann gedeihen sie besonders gut.

Das Wissen und die Erfahrung seiner Mutter habe ihm gerade am Anfang geholfen. „Das ist auch viel altes Wissen, das ihr schon von ihrer Mutter weitergegeben wurde.“
Mit den Pflanzen habe sich auch die Biodiversität auf dem Dach vergrößert. Am Nachbarhaus nisten seit einer Weile Mauersegler, eine besonders geschützte Art, die abends über den Gemüsebeeten Insekten jagen und in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Balken schießen. Seit dem ersten Jahr gibt es Hummeln, die die Bestäubung der Pflanzen übernehmen. Ständige Besucher sind auch Krähen und Elstern, laut Lehmeier sehr höfliche Zeitgenossen, die stets nur einen Kohlkopf anpicken und für sich beanspruchen.
Seit sie ihr Gemüse selbst anbauen, richten sich die Essgewohnheiten von Lehmeiers Familie stark nach den Jahreszeiten.
Mal gibt es Zucchini im Überfluss – dann muss man ein halbes Jahr darauf verzichten. Da ist auch Kreativität beim Kochen gefragt. Dass nicht immer alles verfügbar ist, sieht Lehmeier nicht als Nachteil – ganz im Gegenteil.
Zu warten bis das Gemüse reif ist und sich darum zu kümmern, zu gießen und zurückzuschneiden, helfe dabei, die Lebensmittel mehr wertzuschätzen.

Seine Söhne sind alle gerne im Garten, bringen Freunde mit nach oben, helfen beim Ernten oder probieren sich durch die Beeren.
Die sind „der Lohn des Gärtners“, wie Lehmeier sagt, denn keine einzelne Beere habe bisher das Dach verlassen.