Der Postkarten-Bayer
Die Deutsche Post hat im Jahr 2024 nach eigenen Angaben etwa 96 Millionen Postkarten befördert.
Und vermutlich wird sie nicht mit jeder einzelnen dieser vielen Karten ein besonders differenziertes, ausgewogenes und um Wahrhaftigkeit bemühtes Bild transportiert haben.
Von den üblichen frohen Weihnachten oder Ostern sowie von Geburtstagsgrüßen einmal abgesehen, werden die meisten Postkarten wohl immer noch aus dem Urlaub verschickt – also innerhalb Deutschlands am häufigsten aus Bayern.

Was da schon vor mehr als 100 Jahren für ein Bayern-Bild in den Rest des Landes und der Welt geschickt wurde, das zeigt gerade eine kleine Ausstellung im oberbayerischen Kloster Seeon.
Die Anlage mitten im Seeoner Klostersee gibt selbst ein ziemlich gutes Postkartenmotiv ab. Nicht zuletzt deswegen dient sie zu Beginn eines jeden Jahres als Ort und Kulisse für das Treffen der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag.


Um 1900 tragen derlei protzige Postkarten-Bayern aber keine Trikots, sondern fast immer die traditionelle Tracht eines Bauern aus dem Dachauer Land.
Anscheinend ein bisschen dumm, aber stets auftrumpfend, selbstbewusst, herausfordernd und herausgefressen. So ist diese Art von Bayer eben – zumindest laut dem Klischee, das sich per Postkarte tausendfach in der Welt verbreitet hat.
Wer genau die Postkarte einst erfunden hat, ist umstritten. Eingeführt wurde sie 1869 in Österreich-Ungarn und ein Jahr später in weiten Teilen Norddeutschlands, zunächst als schnelle und deutlich billigere Variante des Briefs. Sie war ganz am Anfang noch etwas kleiner als heute und auch auf der Vorderseite leer.
Vorgedruckte Stadtansichten und andere Motive kamen erst nach ein paar Jahren hinzu, und damit dann schnell Hohn und Spott, wie sie auch in den heutigen elektronischen „Posts“ in den sozialen Medien mehr oder minder fröhliche Urständ feiern.
Diese haben die Postkarte noch immer nicht ganz ersetzt, obwohl deren Aufkommen bei der Deutschen Post innerhalb von fünf Jahren um ein sattes Drittel gesunken ist. In ihrer Hochphase, die etwa bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dauerte, hat die Postkarte aber offenbar eine ähnliche Wirkung entfaltet wie heute Instagram, Facebook, X und andere. Dabei hat sie ein teils bis heute vorherrschendes Bayern-Bild nicht nur in die halbe Welt getragen, sondern sie hat es regelrecht mitproduziert – auch die tierische Version davon.
Entstanden ist die Postkarte nämlich praktisch gleichzeitig mit dem alpinen Tourismus und mit einem internationalen Bayern-Hype. Genährt wurde diese Begeisterung vom bayerischen Bier und dem meisterlichen Marketing der Münchner Großbrauereien sowie von den Tournee-Triumphen des Schlierseer Bauerntheaters, das Xaver Terofal und Konrad Dreher 1892 gegründet haben.
Passend dazu erscheint der Bayer – trotz der damals durchaus mageren Zeiten – postalisch oft genug als lebenslustiger, saufender, enorme Mengen Fleisch und Wurst vertilgender, tabakschnupfender, schuhplattelnder und freizügig fensterlnder Genussmensch.

Sein Gegenpart ist dabei keineswegs die Bayerin, die entweder als Sennerin auf der angeblich so sünd'losen Alm Erotik verheißt oder als gestrenge Gattin den betrunkenen Ehemann auf dem Wirtshaus holen muss.
Das wahre Gegenbild des Bayern ist auch auf den alten Postkarten schon der Preuße vulgo „Preiß“ mit seinem Monokel und den dürren Wadeln, der immer bloß ein Wasser trinkt und von all den heimischen Gepflogenheiten einfach nix versteht.

Auch ihn zeigt die Schau im lichten, vergleichsweise frisch zum Ausstellungsraum umgestalteten Seeoner Mesnerhaus. Sie trägt den Titel „Obacht, Bayern! – Ein Land und sein Klischee in historischen Humorpostkarten“ und beruht auf einem Buch mit dem gleichen Titel, das im Oktober im Münchner Allitera-Verlag erschienen ist.
Allitera-Lektorin Dietlind Pedarnig hat darin auf 480 Seiten mehr als 1700 Abbildungen von passenden Postkarten versammelt. In Seeon ist nur ein kleiner, aber gut ausgewählter Teil davon zu sehen, auch hier hauptsächlich in Form von Abbildungen und nur wenig als Original-Postkarten.
Die werden immer noch gut gekauft, heißt es dort im Klosterladen. Die aktuellen Bestseller sind auch dort jene Tiere, die damals zu den absoluten Stars der Postkarten-Ikonografie zählten: die besonders bayerischen Dackel, in dem Fall in Dirndl und Lederhose oder gleich im mönchischen Habit des Münchner Kindls.