Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.
Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.
Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.

Strick-Influencerinnen

„Äh, ich bin doch keine Oma“

Handarbeit ist nichts für junge Leute? Von wegen! „Les filles du cœur“ – das sind Julia und Lilly Schwarzkopf. Die beiden Schwestern begeistern auf Instagram ihre Follower fürs Stricken. Warum die Gen Z wieder Zeit mit Nadel und Wolle verbringt.

Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.
Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.
Lilly (rechts) und Julia Schwarzkopf machen auf Instagram das Stricken populär.

Strick-Influencerinnen

„Äh, ich bin doch keine Oma“

Handarbeit ist nichts für junge Leute? Von wegen! „Les filles du cœur“ – das sind Julia und Lilly Schwarzkopf. Die beiden Schwestern begeistern auf Instagram ihre Follower fürs Stricken. Warum die Gen Z wieder Zeit mit Nadel und Wolle verbringt.

Von Lea Ehrenberg und Johannes Simon (Fotos)
23. Dezember 2025 | Lesezeit: 5 Min.

Rund 100 000 Abonnenten haben die Schwestern Julia und Lilly Schwarzkopf aus Aschaffenburg auf ihrem Instagram-Account „Les filles du cœur“. Sie posten aber nicht etwa Reisevideos, Comedy oder Tanzvideos, sondern zeigen ihr Selbstgestricktes – und zwar einem jungen Publikum. 

Die meisten ihrer Follower sind zwischen 25 und 34 Jahre alt, die meisten davon weiblich. Selbst ziehen Lilly und Julia Schwarzkopf den Altersdurchschnitt sogar nach unten: Lilly Schwarzkopf ist 24, Julia Schwarzkopf 22 Jahre alt. „Bunt, intuitiv und random“, beschreiben sie ihren Content selbst.

Warum junge Menschen jetzt wieder stricken? Viele wollten nicht ständig vor dem Handy hocken, sondern wieder produktiver werden, sagen die Influencerinnen. „Und es ist cool, um sich selbst auszudrücken“, sagt Julia Schwarzkopf. Wer strickt, meide „Fast Fashion“ und gestalte seine Kleidung individuell. „Man kann es genau so stricken, wie man es haben will“, sagt Lilly Schwarzkopf.

Neben ihrem Instagram-Account verkaufen die Schwestern selbst geschriebene Anleitungen, Wolle oder Caps mit der Aufschrift „Rechts wird nur gestrickt“. Normalerweise nur im eigenen Online-Shop. Die Pullover aus der eigenen Wolle, die entstehen, wenn man ihren Anleitungen folgt, haben sie Mitte Dezember aber auch für zwei Tage in einem Aschaffenburger Concept-Store ausgestellt. Damit man mal fühlen und anprobieren kann.

Im Store klingt Indie-Pop aus einer Musikbox. Julia Schwarzkopf zupft eine Mütze auf einem Holzständer zurecht. Frauen unterhalten sich darüber, dass Stricken jetzt noch mal „voll im Hype ist“. Wenn man den Gesprächen lauscht, dreht sich alles um Handarbeit, um Patentmaschen und Strickmuster. Julia und Lilly Schwarzkopf schießen Fotos.

Julia Schwarzkopf macht ihre Haare zurecht. Ihre Schwester bindet ihr eine Schleife in den geringelten Schal. „Mach mal ein bisschen lockerer“, sagt sie zu Julia Schwarzkopfs Posen. Also stützt die einen Arm in die Hüfte. Schon immer haben sich die beiden für Handarbeit begeistert.

In der Schule nähte Julia Schwarzkopf Scrunchies, also Haargummis mit Stoffüberzug.

In der Schule nähte Julia Schwarzkopf Scrunchies, also Haargummis mit Stoffüberzug.

Fotos davon hat sie auf Instagram gepostet. Dann kam das Häkeln dazu, das die Schwestern von ihrer Oma gelernt haben. Accessoires wie Hüte oder Taschen haben die beiden gehäkelt. Während des Corona-Lockdowns fing Lilly Schwarzkopf dann mit dem Stricken an, autodidaktisch per Youtube, weil sie auch mal ein Kleidungsstück selbst machen wollte. Corona, da hatte man Zeit, um neue Hobbys auszuprobieren.

Und so griffen viele junge Menschen zu Nadel und Wolle. Stricken kann man auch alleine in der Quarantäne. Irgendwann wollte auch Julia Schwarzkopf das Stricken lernen. Sie brauchte dafür dann kein Youtube mehr, ihre Schwester zeigte ihr alles. Dem Hobby blieben die Schwestern – wie viele andere Strick-Fans – auch über die Pandemie hinaus treu. „Die Leute, die jetzt stricken, die behalten das bei. Die sind so angefixt und kennen die Vorteile“, sagt Lilly Schwarzkopf.

Mittlerweile ist es natürlich auch wieder möglich, in Gesellschaft zu stricken. Im „Schwarzen Riesen“, einem Café in Aschaffenburg, organisieren Julia und Lilly Schwarzkopf Stricktreffs. Kommen darf jeder – einfach das eigene Material von zu Hause mitbringen und mitstricken. Sowohl die junge, als auch die ältere Generation, folgt der Einladung.

Die Schwestern wollen mit dem Treff die Generationen miteinander verbinden. Und das scheint zu funktionieren. „Es ist schön, den Austausch zu haben und neue Ideen und Inspiration zu sammeln“, so Lilly Schwarzkopf. Die älteren Frauen erzählen den jüngeren immer wieder, was früher im Trend war. Strickhosen zum Beispiel, die jetzt wieder kommen. 

Auch Julia trägt so eine. In rot-rosa geringelt.

Dazu passenden Schal und ein T-Shirt mit der Aufschrift „need money for yarn“ – also: „brauche Geld für Garn“.

Auch Julia trägt so eine. In rot-rosa geringelt.

Dazu passenden Schal und ein T-Shirt mit der Aufschrift „need money for yarn“ – also: „brauche Geld für Garn“.

Auch im Concept-Store ist die Kundschaft gut durchmischt, was das Alter anbelangt. Auffällig ist aber, dass fast ausschließlich Frauen im Laden sind. Eine von ihnen ist die 57-jährige Myrielle Swierzy. „Les filles du cœur“ folgt sie auch auf Instagram. „Witzig, wenn man euch dann mal sieht, so in echt. Echt cool“, sagt sie zu den beiden. Auch ein Selfie macht sie mit den Schwestern. 

Vor einem roséfarbenen Verkaufstisch, auf dem Scrunchies mit Glitzersternchen, Wollknäuel und Lichterketten drapiert sind, lächeln sie in die Handykamera. 

Alles ist bunt und gewollt durcheinander, was es genau deshalb durchdacht wirken lässt.

Kundin Swierzy hat schon als Kind gestrickt, dann aber 40 Jahre lang fast gar nicht mehr. Vor zwei Jahren hatte sie eine Auszeit in ihrem Job an einer Förderschule mit schwerbehinderten Kindern. In der Kur wurde gestrickt. „Da dachte ich, ah wie cool, ich will auch wieder stricken“, erzählt sie. Für sie bedeutet das Stricken, zur Ruhe zu kommen, dem Arbeitsstress zu entfliehen, nicht am Handy zu sein.

Dass Stricken Stress lindert, das kennen viele Menschen. Beim Maschennehmen findet ein rhythmischer Bewegungsablauf statt. Der fordert die Konzentration, dadurch kann sich der Körper entspannen.

Auch Lilly Schwarzkopf sagt, dass sie während des Strickens besser aufpassen kann. Sie ist im dritten Lehrjahr ihrer Maßschneiderausbildung. Während des Theorieunterrichts strickt sie. Die Lehrer hätten nichts dagegen, sie wüssten von ihrem Instagram-Account. Und auch sonst stricken die beiden in fast jeder freien Minute.

Auch ihr gemeinsamer Freundeskreis hat damit begonnen. „Wir haben alle angesteckt“, sagt Julia Schwarzkopf. Selbst ihr Freund, der anfangs nicht von dem Hobby überzeugt war, ist jetzt dabei. „Er war dann so, äh, ich bin doch keine Oma“, erzählt Julia. Dann habe er aber gesehen, was für „coole Pullis man sich selbst machen kann“. Es sei in den Köpfen eben noch verankert, dass Handarbeit eher etwas für Frauen sei. Langsam würde sich das ändern. In den Stricktreffs der Schwestern seien immer wieder auch Männer dabei.

Wenn Lilly Schwarzkopf ihre Ausbildung abgeschlossen hat, ist ihr Ziel, „Les filles du cœur“ zu ihrem Beruf zu machen. Ihre Schwester arbeitet zurzeit auch Teilzeit in einer Social-Media-Marketing-Agentur. Aber auch sie würde gerne den gemeinsamen Account in Vollzeit betreiben.

Dass die Schwestern durch das gemeinsame Hobby, einen gemeinsamen Freundeskreis und die gemeinsame Arbeit so viel Zeit miteinander verbringen, stört sie nicht. Im Gegenteil: „Wir sind nicht nur Schwestern, sondern auch beste Freundinnen“, sagen sie – Herzensschwestern eben. Lilly Schwarzkopf kümmert sich um das Design und schreibt die Anleitungen, während ihre Schwester eher für den Social-Media-Content zuständig ist.

Warum die beiden eine so große Fanbase haben? Charlotte Cetin, die bei den beiden eine grüne Pailletten-Wolle kauft, aus der sie ein Oberteil stricken möchte, folgt den beiden auf Instagram und Youtube. „Man hat das Gefühl, die beiden sind sehr, sehr greifbar“, sagt die 26-Jährige. Bei „Petite Knit“, einer Strick-Influencerin aus Dänemark mit 1,4 Millionen Followern auf Instagram, sei das zum Beispiel anders. „Die ist schon selbst eine eigene Marke. Bei den Mädels wirkt das näher irgendwie“, findet Cetin.

Immer wieder stellen Kunden den Schwestern Fragen zu den Produkten und zum Stricken generell. Cetin tauscht sich mit „Les filles du cœur“ darüber aus, welche Wolle Kleidermotten abhält. Cetin selbst ist nicht über die sozialen Medien zur Handarbeit gekommen, sondern wie „Les filles du cœur“ durch ihre Oma. Ihr gefällt die steile Lernkurve, die man beim Stricken hat: „Wenn du wie ich so ein kleines Anfängermäuschen bist, dann lernst du immer wieder neue Techniken dazu“, sagt sie. Bei den Influencerinnen holt sie sich aber Inspiration.

Stricken – das könne übrigens jeder lernen, sagen Lilly und Julia Schwarzkopf. Man müsse sich nur klar darüber sein, dass das nicht von heute auf morgen geht. Sich reinfuchsen und üben müsse man schon.

Text: Lea Ehrenberg; Fotos: Johannes Simon; Redaktion: Florian Zick; Digitales Storytelling: Verena Wolff

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