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Zypern:Strand des Anstoßes

Reunification Beckons, Yet Pain And Grievances Linger In Cyprus

Keiner durfte seit 1974 in den einstigen Touristenort. Nun beansprucht plötzlich das von der Türkei gestützte Nordzypern Varosha.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Auf der geteilten Insel öffnen der Premier Nordzyperns und der türkische Präsident ein Sperrgebiet - eine klare Provokation. Die verlassene Stadt wird von der Republik Zypern beansprucht.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Wäre die internationale Politik eine grell ausgeleuchtete Jahrmarktbühne mit Jongleuren, Messerwerfern, Spiegelfechtern, Zauberern und Hütchenspielern, dann wären die Auftritte des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan fraglos die Hauptattraktion. Fast jede Woche löst der Mann in Ankara eine neue Krise aus, macht einen völlig unvorhersehbaren Schachzug, überrascht seine Freunde - davon hat er derzeit eher wenige -, seine Gegner - davon hat er jede Menge - und das Publikum. Erdoğans jüngster Coup ist die Wiedereröffnung eines verlassenen Badestrands im geteilten Zypern: Die Geisterstadt Varosha ist seit der türkischen Invasion 1974 militärisches Sperrgebiet. Die Zugehörigkeit des Gebiets zwischen der Republik Zypern und der als Staat nur von der Türkei anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" ist umstritten, die Sache selbst damit ein schwungvoller Tritt gegen das Schienbein der Verantwortlichen in der EU.

Erdoğans Schritt ist ein Affront für Brüssel und vor allem für Berlin

Und wohl auch gegen das von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Deutschland hat die EU-Ratspräsidentschaft inne und bemüht sich seit Monaten um Vermittlung zwischen der Gemeinschaft und der Türkei. Ungerührt von der Rechtslage der geteilten Mittelmeerinsel Zypern hatte die Regierung Nordzyperns, enger Alliierter Ankaras, am Dienstag angekündigt, dass ein erstes Teilstück des Strandes von Varosha an diesem Donnerstag wiedereröffnet werde. Als der nordzyprische Regierungschef Ersin Tatar dies bekannt gab, fügte er selbstbewusst hinzu, der Badeort liege "unbestreitbar" auf Nordzyperns Territorium; Varosha sei "ein nationales Anliegen jenseits aller politischen Streitigkeiten und Debatten". Das widerspricht der Position der Republik Zypern und auch allen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats.

Aber das musste Tatar nicht stören. Er fühlte sich stark, denn er hatte den türkischen Staatschef an seiner Seite. Auch Erdoğan behauptete bei dem gemeinsamen Auftritt, Varosha sei eindeutig Teil Nordzyperns und teilte Backpfeifen aus in Richtung Brüssel: "Beim letzten EU-Gipfel haben wir erneut gesehen, dass das Volk Nordzyperns ignoriert wird. Die Türkei wird nicht erlauben, dass sich diese Ungerechtigkeit fortsetzt."

So stellte der türkische Staatschef klar, dass sich sein Land in der Varosha-Frage ein weiteres Mal auf die Seite derer in der Welt stelle, denen ihre Rechte verweigert würden. Nach den aufständischen Syrern, den von Bürgerkrieg geplagten Libyern und den einen selbstzerstörerischen Krieg führenden Aserbaidschanern kommen nun also die Nordzyprioten in den Genuss türkischen Schutzes - zum vermeintlichen strategischen Vorteils Ankaras selbstverständlich.

Denn mit der Öffnung Varoshas stoßen Erdoğan und seine nordzyprische Marionette Tatar nicht nur die Führung der Republik Zypern vor den Kopf, sondern auch die EU. Nachdem beim jüngsten EU-Gipfel vor wenigen Tagen der Eindruck vermittelt worden war, man sei der Türkei in wichtigen Fragen wie dem Streit um das Erdgas im Mittelmeer mit dem politischen Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche nähergekommen, beklagt sich Ankara nun unverhohlen, die Gemeinschaft habe sich beim Gipfel ein weiteres Mal von ihren Mitgliedern Griechenland und Zypern "in Geiselhaft" nehmen lassen. Man habe der Türkei die ihr zustehenden Rechte erneut verweigert.

Offenbar akzeptiert Erdoğan nicht, dass seinem Land auch nach dem Gipfel weiter Sanktionen drohen, wenn Ankara Forschungsschiffe auf der Suche nach Erdgas erneut in Meeresgebiete schicken sollte, die Griechenland und die Republik Zypern beanspruchen - beide gehören zur EU. Durch die Öffnung von Varosha vor den Kopf gestoßen fühlen muss sich nun vor allem Kanzlerin Merkel, mit der Erdoğan jüngst erneut Video-telefoniert hatte. Die Kanzlerin bemüht sich, zwischen der EU und der Türkei zu vermitteln.

Das dürfte nach Varoshas Öffnung weit schwieriger werden. Die Insel Zypern ist seit 1974 geteilt, als nach einem griechischen Putsch eine türkische Invasion erfolgte und sich der Nordteil zur nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern erklärte. Die Stadt Famagusta im Osten gilt als Sinnbild der Teilung, der vor der Teilung populäre Badeort Varosha ist ein Stadtteil Famagustas. Wegen der türkischen Invasion flohen rund 40 000 Bewohner aus dem griechisch-zyprischen Stadtteil Varosha. Die türkischen Truppen erklärten das Viertel als Sperrgebiet, seither ist es eine Geisterstadt, nur türkische Soldaten baden ab und an am Strand.

Bei den seit Jahrzehnten auf der Stelle tretenden Bemühungen um eine Lösung der Zypernfrage wurde die Rückgabe Varoshas an ihre früheren griechisch-zyprischen Bewohner als vertrauensbildende Maßnahme gehandelt, zu der es aber nie kam. Entsprechend klang nun die Reaktion des zyprischen Staatspräsidenten Nikos Anastasiades: "Mit dem, was die Türkei beschlossen hat, werden alle Resolutionen des UN-Sicherheitsrats verletzt. Es ist absolut inakzeptabel." Das griechische Außenministerium sprach laut dpa von einer "groben Verletzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats". Griechenland ist mit der Türkei und Großbritannien Garantiemacht Zyperns. Auch die UN zeigten sich "besorgt".

© SZ vom 08.10.2020
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