Süddeutsche Zeitung

Zypern:Erdoğan: Wir täten dasselbe wieder

Der türkische Präsident äußert sich am Jahrestag der Invasion auf Zypern.

Im griechischen Süden heulten die Sirenen zur Erinnerung an die Opfer des 20. Juli 1974, im türkischen Norden der geteilten Insel Zypern gab es eine Militärparade. Vor 45 Jahren haben türkische Truppen ein Drittel der Mittelmeerinsel besetzt. Die Türkei, damals regiert von dem linken Premier Bülent Ecevit, begründete dies mit dem Schutz ihrer Volksgruppe. Vorausgegangen war ein griechischer Putsch, mit dem Ziel, die Insel mit Griechenland zu vereinen. In Athen regierte damals eine Militärjunta. Zypern ist noch heute eine der am stärksten militarisierten Regionen der Welt, mit allein mehr als 35 000 türkischen Soldaten im Norden.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich zum Jahrestag auch gemeldet: Niemand solle bezweifeln, dass die Türkei dasselbe tun würde wie vor 45 Jahren, wenn es für die "Sicherheit der türkischen Zyprer" notwendig sei, so die Erklärung des Präsidialamts. Nun dürfte man sich in Nordzypern keinesfalls eine zweite Intervention wünschen, eher wird dort über die Abhängigkeit von der Türkei geklagt. Aber angesichts der aktuellen Spannungen wegen der Gasvorkommen um Zypern klang Erdoğans Einwurf wie eine Drohung.

Alle Versuche der UN zur Wiedervereinigung der Insel sind gescheitert

Zahlreiche Bemühungen der Vereinten Nationen zur Wiedervereinigung der Insel sind gescheitert, besonders spektakulär im April 2004: Damals wurde ein UN-Friedensplan von den griechischen Zyprern per Volksabstimmung mit großer Mehrheit abgelehnt, während die türkische Seite dafür stimmte. Auch Erdoğan plädierte für die Vereinigung, als erster türkischer Regierungschef, in der Hoffnung auf EU-Verhandlungen für sein Land. Das Referendum scheiterte, weil sich die in einer Koalition mit den Nationalisten in Nikosia regierenden griechisch-zyprischen Kommunisten in letzter Minute für das Nein entschieden - nachdem sie zuvor für ein Ja geworben hatten. Der Grund: Die kommunistische Partei Akel hörte damals (heute tut sie es nicht mehr) stets auf Moskau. Russland war gegen die Vereinigung, "weil sie die türkischen Truppen von der Insel geholt und eine Wunde in der Flanke der Nato geheilt hätte", sagt der griechisch-zyprische Geschichtsexperte Makarios Drousiotis. Er hat viele Belege für russische Interventionen in Zypern gesammelt.

Russland ging es dabei immer um das Nato-Land Türkei, das Wladimir Putin an sich binden und von der EU fernhalten wollte. Und da schließt sich der Kreis zum aktuellen Gasstreit: Eine Fortsetzung des Status quo in Zypern "isoliert die Türkei von Europa und hält ihre Abhängigkeit von russischen Gasreserven aufrecht", sagt Drousiotis. Die energiearme Türkei ist einer der besten Kunden von Gazprom.

Nachdem Ankara zuletzt mehrere Bohrschiffe in Richtung Zypern geschickt hatte, hat die EU Sanktionen wegen "illegaler Aktivitäten" verhängt, unter anderem wurden Gespräche über ein Luftverkehrsabkommen gestoppt. Ankara begründet die eigene Gassuche mit der Weigerung der Zypern-Griechen, Gasfunde von Anfang an mit den Inseltürken zu teilen. Mustafa Akıncı, Präsident der nur von der Türkei anerkannten Republik Nordzypern, schlug jüngst vor, beide Seiten sollten einen Kooperationsmechanismus entwickeln. Das wurde von der Regierung des EU-Mitglieds Zypern zurückgewiesen.

Und wie reagierte Russland? Moskau kritisierte die türkischen Aktivitäten, trotz der sonst so guten Beziehungen zwischen Erdoğan und Putin. Russland ist nicht an einer Beilegung des Streits interessiert, weil dies seinen strategischen Interessen widersprechen würde. Denn die Gasvorkommen sollen erheblich sein. Zypern kooperiert mit Ägypten, Griechenland und Israel. Fernziel ist der Gastransport nach Europa, in Konkurrenz zu russischen Pipelines, und vorbei an der Türkei.

Die hat jüngst das russische Raketenabwehrsystem S-400 gekauft und muss deshalb mit US-Sanktionen rechnen. Griechenland sieht die militärische Balance in der Region in Gefahr. Der neue griechische Premier Kyriakos Mitsotakis hat jetzt auch an die Opfer auf Zypern erinnert, sie seien "unvergessen". Aber er forderte Erdoğan auch zum Dialog auf, denn Aufrüstung und "unnötige Spannungen" schadeten allen.

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SZ vom 22.07.2019
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