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Zweiter Weltkrieg:"Wir haben es gewusst, und wir sind mitmarschiert"

Heinrich Gerlachs autobiografischer Bericht über den Russlandfeldzug, seine Gefangenschaft und die Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland ist ein wichtiges Zeitdokument.

Heinrich Gerlach ist hier bekannt seit seinem Roman "Durchbruch bei Stalingrad" (2016, soeben bei dtv als Taschenbuch erschienen). Dieser Text entstand in sowjetischer Kriegsgefangenschaft - und wird in eine Reihe mit dem legendären Roman Theodor Pliviers "Stalingrad" gestellt (SZ vom 21. März 2016). Widmet sich sein erster Roman im Wesentlichen den Umständen der militärischen Katastrophe, so schildert Gerlach in "Odyssee in Rot" die auch heute noch weithin unbekannte Entstehung des "Nationalkomitees Freies Deutschland" (NKFD) am 12. Juli 1943 sowie zwei Monate später die Gründung des "Bundes Deutscher Offiziere" (BDO) im sowjetischen Sonderlager Lunjowo in einem Moskauer Vorort.

Beide Gruppierungen forderten die Entmachtung Hitlers - und im weiteren Verlauf des Krieges die totale Kapitulation. Rund um Moskau gab es eine Reihe von Offizierslagern, in denen die Sowjets von vornherein höhere deutsche Ränge separierten. Nicht nur, um die Verhöre ergiebiger zu gestalten, sondern auch um eine Vorstellung zu gewinnen, wen man möglicherweise zur Propaganda gegen das NS-System bewegen könnte. Die Bedeutung von Gerlachs autobiografischem Bericht liegt in seiner Authentizität, mit der ein Kapitel ausgeblendeter Zeitgeschichte neu beleuchtet werden kann. Und zwar die Existenz von Soldaten vor und nach der Kapitulation im Mai 1945 in russischer Gefangenschaft, ihre Rückkehr ins geteilte Deutschland mitsamt der schwierigen Integration in die junge Bundesrepublik.

Als Belege fügt der Autor verschiedenste Dokumente wie die Gründungsaufrufe, Reden, Ausschnitte aus Zeitungsartikeln (vor allem aus der Lagerzeitung Freies Deutschland) bei, an wenigen Stellen ergänzt er seine Aufzeichnungen fiktional mit seinen und fremden Erinnerungen. Ihm geht es, wie er im Vorwort schreibt, um die "innere Wahrheit", was damals in den Kriegsgefangenenlagern gefühlt, gedacht, geschrieben, gesprochen und getan wurde.

Nüchtern werden die Verbrechen der Wehrmacht beschrieben

Diese chronologische Aufarbeitung hat der Gießener Literaturwissenschaftler Carsten Gansel mit der Auswertung von bislang unbekannten und erst 2016 zugänglichen Tagebüchern Gerlachs aus den Jahren 1951 bis zu dessen Tod 1991 ergänzt. Insofern tauchen in dem Buch drei verschiedene Verfahrensweisen auf: der quasi objektive Bericht, die Variante des Tagebuchs als Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis sowie eine mehr als 200 Seiten lange wissenschaftliche Texterläuterung des Herausgebers. Der zeitgeschichtliche Wert der Bücher Gerlachs "Durchbruch bei Stalingrad", "Odyssee in Rot - Bericht einer Irrfahrt" sowie der Tagebuchnotizen bemisst sich daran, diese als Einheit zu lesen. Die in ihrer authentischen Form eine auch heute noch unmittelbare und bedrückende Widerspiegelung der historischen Episoden Stalingrads mit allen Komponenten wie Tod, militärisches Versagen, Kritik an der Führung, Versuche der Bewältigung. Besonders letztere werden breit geschildert. Unter den Kriegsgefangenen sind verschiedenste Gruppierungen, wie Altnazis oder Demokraten, die um ein Verstehen dieses erlittenen Wahnsinns ringen, etwa bei der Bewertung von Schuld oder dem Stellenwert des militärischen Eides. Beschrieben wird auch die inhaftierte Wehrmachtsführung, die zusammen mit einer Gruppierung deutscher Exilschriftsteller und KPD-Funktionäre wie Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck unter sowjetischer Regie zum organisierten Widerstand gegen das NS-Regime aufriefen. Der Schwerpunkt lag im Versuch, Wehrmachtsangehörige zum "Überlaufen" beziehungsweise zur freiwilligen Gefangennahme zu bewegen, was sich als durchaus erfolgreich erwies. 1944 traten 17 Generäle, die nach der Niederlage von Stalingrad in Gefangenschaft geraten waren, dem NKFD bei, so auch Generalfeldmarschall Paulus. Am 8. Dezember 1944 unterzeichneten 50 Generäle einen Aufruf, sich von Hitler loszusagen und den Krieg zu beenden.

Wilhelm Pieck mit Friedrich Paulus

Pieck und Paulus: In Moskau trafen sich der Kommunist (zweiter von links) und der Generalfeldmarschall (zweiter von rechts).

(Foto: SZ Photo/Sammlung Megele)

Klar konturiert beschreibt Gerlach die Akteure, die täglichen Spannungen, das Misstrauen zwischen den Fraktionen unter dem Dach des NKFD und BDO, die sich bereits am 2. November 1945 auflösten. Ihr Spielraum war begrenzt von Hunger, Opportunismus, tiefster Resignation und dem ausschließlichen Ziel, aus der Kriegsgefangenenschaft entlassen zu werden. Aber auch die politische Naivität von führenden Wehrmachtsgenerälen wie Walther von Seydlitz gegenüber den sowjetischen Absichten wird ebenso plastisch geschildert wie die doktrinäre Kompromisslosigkeit Walter Ulbrichts. Ein im Sinne streng materialistischer Geschichtsauffassung gehaltener Vortrag des ehemaligen KPD-Abgeordneten Edwin Hörnle im Februar 1944 über "Das Preußentum als Vorstufe des Nationalsozialismus" führte unter den Häftlingen zu einer Art Aufstand, in dessen Folge die Sowjets keinerlei Abweichung von ihrer Linie mehr zuließen. Ulbricht hatte freie Hand zu bestimmen, wer aus seiner Sicht tatsächlicher Antifaschist sei, mit der vagen Aussicht, früher entlassen zu werden.

Die aufkommende Schulddiskussion, etwa über die Ermordung politischer Kommissare und Offiziere, zieht sich wie ein roter Faden durch die Dialoge. Insofern liegt hier ein enorm wichtiges Zeitdokument, besonders über die Zeit von Gerlachs Gefangenschaft 1942 bis 1950, vor. Der Duktus des Berichts ist wohltuend frei von jeglicher NS-Ideologie oder den allseits üblichen Entlastungsnarrativen. Nüchtern werden die Verbrechen der Wehrmacht beschrieben, interessanter ist allerdings die Aufarbeitung des täglichen Lagerlebens. Als Fazit wird festgehalten: "Wir haben es gewusst, und wir sind mitmarschiert", bis "die Welt von gestern (in Stalingrad) zerbrach".

Gerlachs Wahrnehmungen werden nach seiner Entlassung nach Westdeutschland kontrastiert mit dem Verräter-Stigma aller NKFD-Mitglieder. Noch 1993 wurde Bodo Scheurigs Neuausgabe seiner 1960 erschienenen Monografie über das NKFD mit "Verräter oder Patrioten" betitelt. 1994 gab es im Vorfeld des 50. Jahrestages des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 erheblichen Widerstand gegen die Aufnahme von Dokumentationen zum NKFD und BDO in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Es war der Regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, der den Auftrag gab, den gesamten Widerstand zu dokumentieren. Angehörige der Widerständler sahen durch diesen Einbezug das Andenken des Putschversuches verunglimpft. General von Seydlitz' Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1955 war begleitet von einer anhaltenden Welle der Empörung, 1977 überschrieb der Spiegel einen Artikel über ihn mit "Verräter oder Widerstandskämpfer".

Heinrich Gerlach: Odyssee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben, mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Galiani Verlag, Berlin 2017. 928 Seiten, 36 Euro. E-Book: 32,99 Euro.

Es ist vor allem dem 200-Seiten starken Anhang des Herausgebers Carsten Gansel zu verdanken, dass derlei ideologiegeschichtliche Reminiszenzen helfen, die Position dieses Teils des NS-Widerstands besser zu verstehen. Gerlachs Stärke liegt im Detail: es sind die Dialogwiedergaben aus dem Lageralltag, das Suchen nach Informationen, das Überlebenwollen, die das Ringen um moralische Integrität bedingen. Politischer Erfolg war dem Nationalkomitee nicht beschieden, dazu war der Handlungsspielraum zu gering, doch aufrütteln tat es. Teile der "bürgerlichen Fraktion" und des Militärs wie eben Gerlach oder Seydlitz hingen der Illusion an, durch den Sturz Hitlers wenigstens die Besetzung und totale Niederlage Deutschlands zu verhindern. Nach Auflösung des NKFD hatten sie kein Forum mehr.

Separat indes ist die Geschichte der an der Sowjetunion orientierten deutschen Exilkommunisten, die nach Kriegsende den Aufbau der SBZ vollzogen, zu betrachten. Die Sichtweise der Kommunistischen Internationale, Hitler auf einen Agenten des imperialistischen Finanzkapitals zu reduzieren, legte zumindest eine Entschuldung der Bevölkerung nahe. Konsequent betrieb die spätere DDR denn auch die Verdrängung jedes Gedankens an Schuld. "Die ehemaligen Täter, so schien es, lebten in einem völlig anderen Land". Eine Erfahrung, der allerdings auch Helmut Gerlach nach seiner Heimkehr im Westen teilhaftig werden sollte.