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Zweiter Weltkrieg:Das Mädchen geht zu Dr. Helmy - zu einem "arischen Arzt" darf sie nicht

Warum blieb Mohammed Helmy während der Nazi-Zeit überhaupt in Berlin - freiwillig? "Er wollte helfen, Kranke und Verletzte zu behandeln", sagen die Verwandten. Der Ägypter, den die Nazis in ihrer Rassen-Pseudowissenschaft "hamitisch" nannten (Nachkomme Hams, eines Sohns Noahs), balancierte dabei von 1933 an ständig auf einem schmalen Grat zwischen Anpassung und Subversion - und vollbrachte ein wahres Husarenstück, um Anna das Leben zu retten.

Helmys Spur führt zurück in die Stadt Khartum, damals Ägypten, wo er 1901 als Kind eines Majors geboren wird, in eine mächtige Familie. Helmy geht in Kairo zur Schule. 1922 kommt er nach Berlin, um Medizin zu studieren. Hier tritt er ein in den muslimischen Mikrokosmos, der in der Zwischenkriegszeit schillert und glänzt: Eines der ersten Lichtspielhäuser Berlins wird von einem Ägypter betrieben, man tanzt im Lokal des Islam-Instituts in der Fasanenstraße, diskutiert im Orient-Klub in der Kalckreuthstraße. Oder von 1928 an in der Wilmersdorfer Moschee mit ihrem silbernen Zwiebelturm und ihren Minaretten.

1929 legt Helmy sein medizinisches Staatsexamen ab, 1931 beginnt er eine Promotion als Assistent am Robert-Koch-Krankenhaus in Moabit. 1933 endet sein beruflicher Aufstieg abrupt. Er darf noch zu Ende promovieren, aber er verliert seine Stelle im Krankenhaus. "Ein Arzt hat gesagt, man könne nicht mit ansehen, dass Dr. Helmy, ein Hamit, deutsche Frauen behandelt", gibt Helmy nach dem Krieg zu Protokoll, so kann man es in seiner Entschädigungsakte nachlesen. 1933 verlassen fast alle Araber das Land. Helmy ist einer von nur 300, die bleiben.

15 000 Araber

lebten schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, besonders in Berlin. Die Wilmersdorfer Moschee dort wurde 1925 eröffnet, zeitweise zählten Menschen aus 40 Ländern zur Gemeinde, vor allem Akademiker.

Berlins erster Imam, Abdul Jabber Kheiri, promovierte gleichzeitig in Nationalökonomie bei Werner Sombart. Der syrische Mediziner Wassil Rasslan organisierte Vorträge zu islamischen Themen in der Aula der Fürstin-Bismarck-Schule in Charlottenburg.

Der Ägypter Mohamed Soliman betrieb Cabarets, Cafés und ein Stummfilmkino. Im heutigen Literaturhaus in der Fasanenstraße nahe dem Ku'damm befand sich von 1927 an das muslimische Kulturzentrum.

Warum tut sich einer das an, wenn er mit den Nazis gar nicht sympathisiert? Die Verwandten in Kairo zucken mit den Achseln. Er habe seine Patienten nicht im Stich lassen wollen, denken sie. Er hatte seine Emmy, die er nicht verlassen wollte.

Die Familie ist wohlhabend; umso größer ist der Kontrast zu dem Leben, auf das sich Mohammed Helmy in Berlin einlässt: Patienten darf er von 1933 an nur noch privat empfangen. Unter ihnen ist nun das jüdische Mädchen Anna Boros. Zu einem "arischen" Arzt kann sie nicht mehr gehen. Helmy bekommt mit, wie sie als 13-Jährige 1938 ihre Schule verlassen und auf eine jüdische Schule wechseln muss.

Die Nazis umwerben die arabische Welt

Nach dem Krieg erinnert Anna sich so: "Es würde ein zu langer Lebenslauf werden, um all die Demütigungen und Verfolgungen, denen wir jüdische Kinder in der Schule und außerhalb ausgesetzt waren, einzeln aufzuführen."

Im November 1938 gehen Synagogen in Flammen auf, Juden werden auf der Straße totgeprügelt. Helmy beginnt, sich um das Mädchen Anna zu kümmern, besonders, nachdem 1940 auch die jüdische Schule geschlossen wird. Er stellt sie als Praxisgehilfin ein, bringt ihr bei, wie man durch ein Mikroskop schaut und Bluttests macht.

Er berät sich auch mit ihrer Mutter und Großmutter. Die beiden jüdischen Berlinerinnen halten sich mit einem Gemüsehandel über Wasser, die Männer in ihrem Leben sind unbeständig gewesen; die Tochter heißt Anna Boros, die Mutter Julie Wehr, die Großmutter Cecilie Rudnik.

Verbot für Juden und Polen in einer Bäckerei

Berlin während der NS-Zeit: Kuchen werde an Juden und Polen nicht abgegeben, verkündet ein Plakat in einer Bäckerei.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Helmy muss sich inzwischen selbst in Acht nehmen: Die Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes verfügt kurz nach Kriegsbeginn 1939, man solle 20 bis 30 Berliner Ägypter "internieren", um sie gegen deutsche Soldaten auszutauschen, die in Nordafrika in Gefangenschaft geraten sind.

Auf der Liste stehen Araber, denen man anscheinend einen besonders hohen Tauschwert zuspricht: mit akademischen Titeln und Funktionen in islamischen Vereinen. Mohammed Helmy wird am 3. Oktober in Haft gesteckt, erst nach fünf Wochen unter erbärmlichen Bedingungen kommt er frei.

Andererseits kommt ihm zugute, dass die Islam-Politik der Nazis weiter von Kalkül getrieben ist. Als Hitlers führender Ideologe Alfred Rosenberg die "heftige geistige Angriffsstimmung in den islamischen Zentren" lobt, "geführt vom fanatischen Geiste Mohammeds", da hat er gemeinsame Feinde im Sinn - Juden und Briten. Die Nazis umwerben die arabische Welt. Sie hoffen auf ein Bündnis.

Im Winter 1941 beginnen die Deportationen der Berliner Juden. Aber Araber werden in Ruhe gelassen.

Amin al-Husseini, der antisemitische Großmufti von Jerusalem, wird 1941 als Ehrengast Hitlers in Berlin hofiert und in einer "arisierten" Villa einquartiert, die Nazis setzen ihn auch als neuen Chef der islamischen Gemeinde Berlins ein. Die Mitglieder seiner Gemeinde stehen unter einem gewissen Schutz - und so kommt auch Mohammed Helmy aus der Gestapo-Haft frei, in welche ihn neue Denunziationen ein zweites Mal gebracht haben.

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Anna Boros (Foto von 1945), das verfolgte Mädchen.

(Foto: Privat)

Im März 1942 erhält die Familie des jüdischen Mädchens Anna die Aufforderung, sich bei der Gestapo zu melden, zur Deportation. Dies ist der Moment, da Helmy sich entschließt, ihr beim Untertauchen zu helfen und sich dem Nazi-Terror entgegenzustellen. Er versteckt die inzwischen 17-jährige Anna in einer Laube im Vorort Buch, die seiner Freundin Emmy gehört. Wenn es dort zu gefährlich wird, bringt er sie zu Bekannten und stellt sie als seine muslimische Nichte vor. Auch Annas Mutter hilft er: Er bringt sie bei einer seiner Patientinnen unter, Frieda Szturmann.

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