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Kriegsende 1945:"Ich wollte überleben und sonst nichts"

Der Dargestellte ist Wolf Schneider (Foto: privat)

Wolf Schneider als junger Mann in Wehrmachtsuniform

(Foto: privat)

Am 7. Mai vor 75 Jahren kapitulierte Deutschland - und Wolf Schneider wurde 20 Jahre alt. Wie hat der bekannte Journalist, damals Unteroffizier der Wehrmacht, das Ende des Krieges erlebt?

Interview von Detlef Esslinger

An diesem 7. Mai vor 75 Jahren unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtsführungsstabs, in Reims die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Am Tag darauf um 23:01 Uhr trat sie in Kraft. Wolf Schneider war damals als Unteroffizier der Wehrmacht in den Niederlanden stationiert.

Später machte er in der Bundesrepublik eine fast 70 Jahre währende Karriere als Journalist und Sprachlehrer. Er war USA-Korrespondent der SZ, Verlagsleiter des Sterns, Chefredakteur der Welt sowie 16 Jahre lang Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Der 7. Mai 1945 war sein 20. Geburtstag - woraus folgt: An diesem 7. Mai wird er 95.

SZ: Wo genau waren Sie am 7. Mai 1945?

Wolf Schneider: Ich war in der Hafenstadt IJmuiden, bei Amsterdam. Wir waren eine sogenannte Luftwaffenfelddivision, zusammengesetzt aus Luftwaffensoldaten, für die es keine Flugzeuge mehr gab, eine Infanterie zweiter Wahl also. Wir lagen dort weit hinter der Front.

Wer hat zum Geburtstag gratuliert?

Es erreichten mich natürlich nur meine Kameraden, denen sagte ich das, nicht ohne Galgenhumor.

Wie war die Feier, die des Geburtstags und die der Kapitulation?

Die Kapitulation feierten wir nicht! Wir hatten genug zu essen, weil die Lebensmittelvorräte der deutschen Festung IJmuiden freigegeben worden waren: Corned Beef, junger Aal in Öl, Gänseleberwurst, Schokolade und Früchtebrot.

Die Medien bitten zur Kasse

Wolf Schneider (Archivbild)

(Foto: sde)

Zunächst aber wollten Sie sich erschießen an dem Tag.

Nicht zunächst, sondern am Abend. Am Nachmittag kam die Nachricht von der Kapitulation, einer hörte die Nachricht, als er zu einem Torpedoboot gegangen war. Das hatte Strom. Wir waren entsetzt. Ich ging am Abend in dem dunklen Park unseres sogenannten Gefechtsstands spazieren und fragte mich, wie das nun weitergehen soll. Es gab erstens das Gerücht, dass wir in Holland bleiben müssten, um die von deutschen Pionieren unter Wasser gesetzten Landesteile zu entwässern. Könnte Jahre dauern.

Zweitens hatte ich Angst. Die Sieger hatten ja allen Grund, uns sehr schlecht zu behandeln. Ich war in Polen Zeuge gewesen, wie wir die Polen behandelt hatten. Wenn unsere Arbeitsdiensteinheit mit der Hakenkreuzfahne durch das Städtchen Exin (heute: Kcynia; Anm. d. Red.) marschierte, mussten die Polen Hut oder Mütze ziehen. Wenn einer das nicht tat, erging der Befehl: Runterschlagen! Und es fand sich jedes Mal ein Arbeitsmann, der trat vor und schlug dem Polen mit dem Spaten die Mütze vom Kopf. Das fand ich widerlich, und es war natürlich vollkommen hoffnungslos, dagegen protestieren zu wollen. Warum also sollten die Sieger uns anders behandeln? Und kommt die Aussicht hinzu, zehn Jahre entwässern zu müssen, darf man ja wohl überlegen, ob man noch leben möchte.

Aber Sie haben sich ja dann doch dazu entschieden.

Schwer zu sagen, warum, eine Strichliste habe ich nicht gemacht. Ich habe mich erst später trösten können mit dem schönen Wort von Kurt Tucholsky: Ich hätte mir doch sehr gefehlt.

Die Wehrmacht wollte die Niederländer im Winter 1944/45 aushungern und schnitt die Städte von der Lebensmittelversorgung ab. Was haben Sie davon mitbekommen?

Nichts. Wir lebten ja von den Holländern völlig isoliert.

Was haben Sie als Soldat vom Holocaust gewusst?

Meine Antwort ist dieselbe wie die, die Helmut Schmidt 2001 dem Spiegel gab: "Ich habe von der Judenvernichtung nichts gewusst."

Wofür haben Sie, in Ihrer damaligen Wahrnehmung, eigentlich gekämpft?

Für gar nichts. Ich wollte überleben und sonst nichts. Ich war ein einziges Mal in ein Feuergefecht verwickelt, bei der Landung der englischen Fallschirmtruppen in Arnheim. Unser Lastwagenfahrer fuhr uns nach wenigen Minuten davon. Ich hatte mir ein Plätzchen in der Schreibstube gesichert.

Sie sind also durch den Krieg gekommen, ohne jemanden umgelegt zu haben?

Das kann ich nicht beschwören, weil ich ja ein paar Schüsse auf englische Fallschirmjäger abgegeben habe. Ich hoffe, keinen getroffen zu haben. Gezielt habe ich nicht, wir haben rumgeballert.

In Ihrer Schreibstube haben Sie in den letzten Kriegstagen auf einer Landkarte deutschen Städten russische Namen gegeben: Berlinowitsche, Breslogorsk, und so weiter. Was sollte das?

Es kam prompt ein Leutnant, der entsetzt war und mich wegen Wehrkraftzersetzung anzuklagen drohte, wenn ich das nicht sofort wegwische. Ich sagte, sobald die deutschen Truppen diese Städte zurückerobert haben, woran ich keine Minute zweifle, wische ich das weg. Daraufhin ging er und ließ mich in Ruhe.

Und warum machten Sie das?

Das war Galgenhumor. Die Russen standen ja in Berlin, Breslau war schon russisch. Stellen Sie sich vor: Man sitzt in einer Schreibstube und hat nichts zu tun. Da nahm ich mir diese Frechheit.

Ziemlich gefährlich.

Mein Gott, man lebte ja die ganze Zeit auf Messers Schneide und hat nicht immer alles abgewogen. Ja gut, Kriegsgericht. Aber es blieb bei der Drohung.

40 Jahre nach Kriegsende hat Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede gehalten, in der er den 8. Mai 1945 "Tag der Befreiung" nannte. Sie sagten aber eben, dass Sie entsetzt waren.

Diese Rede, 40 Jahre danach, fand und finde ich kurios. Ich selber fühlte mich durchaus nicht "befreit", sondern einer unberechenbaren fremden Herrschaft unterworfen - wie vermutlich die meisten Deutschen. Ein Volk, das in seiner Mehrheit so was wünschte, ist noch nicht erfunden.

Mein Kronzeuge ist Marcel Reich-Ranicki, der 2005 im Spiegel gesagt hat, dass die Deutschen den Tag als Zusammenbruch erlebt haben. "Alles andere ist eine unzulässige, wenn nicht verlogene Beschönigung." Nicht befreit wurden alle, die unter sowjetische Herrschaft gerieten. Es war auch gar nicht die Absicht der Sieger. Eisenhower hat es selber gesagt: "Deutschland wird nicht besetzt zum Zweck seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat."

Also, was war's denn dann für Sie, wenn keine Befreiung?

Eine große Erleichterung, dass es die Kanadier waren, in deren Gefangenschaft wir gerieten. Sie verhielten sich sehr zivil, hatten Weisung, uns als ganz normale Kriegsgefangene zu behandeln und nicht als von Hitler verseuchte Soldaten. Wir wurden nicht geprügelt, nicht beschimpft, sondern ordentlich verpflegt. Dann kam freilich der lange Marsch nach Deutschland, 30 bis 40 Kilometer pro Tag. Die Nacht auf Wiesen, aus denen nach zwei, drei Stunden das Wasser austrat. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Haben Sie denn im Rückblick den 8. Mai als Befreiung erlebt?

1985 war es zwar richtig, dass Weizsäcker den drei westlichen Alliierten dafür dankte, dass sie die Bundesrepublik initiierten und jahrzehntelang unterstützten. Aber eigentlich hätte er sagen müssen: Vielen Dank für die Wohltaten, die ihr uns ursprünglich nicht erweisen wolltet. Auch wir haben sie nicht gleich gewürdigt.

Was haben Sie aus der Not und der Kriegsgefangenschaft gelernt?

Ich habe meinen Kindern immer gesagt. Wer so etwas mitgemacht hat, der genießt das spätere Leben umso mehr - jedenfalls viel mehr als jemand, der nicht weiß, wie dreckig es einem gehen kann. Noch heute schmiere ich die Butter nicht aufs Brot, sondern lege sie in dicken Scheiben darauf. Weil ich zehn Jahre lang keine hatte.

Am 7. Mai 1945 wurden Sie 20, an diesem 7. Mai werden Sie 95. Wie feiern Sie diesmal?

Wir wollten eine große Familienfeier machen, wir wären zusammen 30 gewesen. Alles abgesagt. Die in München lebenden Kinder werden wohl vorbeikommen. Ob mit oder ohne deren Kinder, wird von der Corona-Angst abhängen.

© SZ.de/mcs/cat

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