Zweiter Weltkrieg Japanischer Premier besucht erstmals Pearl Harbor

Angriff der Japaner auf Pearl Harbor 1941.

(Foto: REUTERS)
  • Abe ist der erste Premier Japans, der nach Pearl Harbor reist und diese Versöhnungsgeste macht.
  • 1941 überfiel Japan ohne Kriegserklärung die pazifische Flotte der US-Marine im Hafen von Pearl Harbor.
  • Der Premier erwidert mit seiner Reise nun Barack Obamas Besuch in Hiroshima im Mai.
Von Christoph Neidhart, Seoul

Shinzo Abe will noch im Dezember Pearl Harbor besuchen, um der Opfer des japanischen Überfalls im Dezember 1941 zu gedenken - und aller "Militärpersonen, die im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten des Pazifiks gefallen sind", wie er am Montag sagte. Er ist der erste Premier Japans, der diese Versöhnungsgeste macht. 1994 hatte der Kaiser nahe Pearl Harbor einen Kranz niedergelegt, vergangenen August betete Abes Frau Akiean an der Gedenkstätte in Pearl Harbor, "inoffiziell" jedoch. Der Premier erwidert mit seiner Reise nun Barack Obamas Besuch in Hiroshima im Mai, auf Hawaii wird es das letzte Mal sein, dass er ihn als Präsidenten trifft.

Was zum Trauma der USA wurde und ihren Eintritt in den Zweiten Weltkrieg bewirkte, begann im Morgengrauen des 7. Dezember 1941. An diesem Sonntag überfiel Japan ohne Kriegserklärung die pazifische Flotte der US-Marine im Hafen von Pearl Harbor. 353 japanische Jagdflugzeuge und Kampfbomber versenkten sechs US-Schiffe und zerstörten mehr als ein Dutzend, sie töteten 2403 Amerikaner, verwundeten 1178. Präsident Franklin Roosevelt nannte den 7. Dezember, den "Tag, der als Infamie in die Geschichte eingeht". Zugleich griff Japan Hongkong und die malaysische Halbinsel an, die beide noch zum britischen Empire gehörten, und auch die Philippinen, damals eine US-Kolonie. In grandioser Selbstüberschätzung trat die Armee des Kaisers, die bereits in China Krieg führte, einen Großkrieg gegen die USA und Großbritannien los. Roosevelt, der bis dahin gezögert hatte, erklärte am folgenden Tag den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg.

Angriff auf Pearl Harbor

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Vor allem ältere japanische Männer bewundern den Überfall als militärischen Geniestreich

Die Regierung in Tokio rechtfertigte Pearl Harbor damals als "Präventivschlag". Die nationalistische Geschichtsschreibung Japans, der Abe zuneigt, behauptet bis heute, Washington habe Tokio zum Angriff provoziert. Viele Japaner, vor allem ältere Männer, erkennen zwar das Unrecht daran, bewundern den Überfall aber als militärischen Geniestreich.

Abe besucht Pearl Harbor am 26. Dezember, dem Jahrestag seiner Visite am Yasukuni-Schrein 2013, mit dem Japan seine Gefallenen ehrt, auch seine Kriegsverbrecher und die Strategen, die den Überfall auf Pearl Harbor ausgeheckt hatten. Obama pfiff Abe damals scharf zurück. Seither verzichtet der Premier gegen seine persönliche Überzeugungen weitgehend darauf, Tokios Aggressionen zu verharmlosen und zu beschönigen. Unter Obamas Druck hat er sogar halbherzig anerkannt, dass Japans Armee Hunderttausende Südkoreanerinnen in Kriegsbordellen versklavte. Mit seinem Besuch provoziert Abe allerdings die Frage, wann er der Opfer der kaiserlichen Armee in China, Korea und anderswo in Asien gedenke werde, oder ob er seine Reue den Amerikanern vorbehält. In Peking und Seoul wird man genau hinhören, was er in Pearl Harbor sagt.

Abe braucht dringend Erfolge

Sicher ist seine Geste auch ein Dank an Obama. Und nach seinem übereilten Blitzbesuch in New York sein nächster Versuch, Donald Trump Tokios Gefügigkeit gegenüber Washington zu demonstrieren. Abe braucht trotz hoher Popularitätswerte dringend Erfolge. Gerüchten zufolge möchte er im Januar, solange die Opposition noch schwach ist, neu wählen lassen, um seine Herrschaft auf vier Jahre zu sichern.

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Aber die Wirtschaft stagniert, in Japan herrscht wieder Deflation, ernsthafte Strukturreformen hat Abe gescheut. Trump ist ihm mit der Ankündigung in den Rücken gefallen, das Freihandelsabkommen zur Transpazifischen Partnerschaft (TPP) platzen zu lassen. Verpufft ist Abes irrationale Hoffnung, er könne Russlands Präsident Wladimir Putin bei dessen Besuch Mitte Dezember das Versprechen abringen, Japan im Konflikt um die Südkurilen entgegenzukommen. Und angesichts der Proteste gegen Präsidentin Park Geun-hye in Südkorea wackelt auch der für kurz vor Weihnachten anberaumte Dreiergipfel mit China und Südkorea. Also besucht Abe Pearl Harbor. Das bringt zwar seine nationalistischen Freunde gegen ihn auf, aber die Mehrheit der Japaner wird diese Geste begrüßen.