Süddeutsche Zeitung

Zweiter Weltkrieg:Die Schlacht, die die Wende brachte

Anfang Dezember 1941 scheitert die Wehrmacht vor Moskau. Nur wenige Tage später kämpfen auch die USA gegen Hitlerdeutschland. Der Kampf wird nun endgültig zum Zweiten Weltkrieg.

Von Cord Aschenbrenner

Zwischen dem westlichen Stadtrand Moskaus und den deutschen Panzerspitzen lagen nur noch 40 Kilometer. Nach Georgi Konstantinowitsch Schukows Erinnerung war es der 19. November 1941, als Stalin ihn, den Kommandeur der sowjetischen Truppen vor Moskau, anrief und fragte, ob er sicher sei, dass die Hauptstadt gegen die Deutschen gehalten werden könne. Stalin: "Ich frage Sie das schweren Herzens. Sagen Sie die Wahrheit, wie es sich für einen Kommunisten gehört."

General Schukow, ein ungehobelter, furchtloser Mann, der zuvor die Verteidigung von Leningrad organisiert hatte und der es als einer von wenigen wagte, dem Diktator ehrlich zu antworten, erwiderte äußerlich unverzagt: "Wir werden Moskau ohne jeden Zweifel halten." Jahre später gab er zu, dass er keineswegs so zuversichtlich gewesen war, wie er Stalin gegenüber getan hatte. Wie auch?

Seit ihrem Überfall auf die Sowjetunion am Morgen des 22. Juni 1941 hatten die deutschen Armeen jeden Widerstand niedergekämpft. Sie hatten Tausende sowjetische Panzer und Flugzeuge zerstört und mehrere Millionen Rotarmisten gefangen genommen, die sie anschließend in elenden Lagern dem Hungertod überließen - allein in der Kesselschlacht von Kiew Ende September streckten 665 000 sowjetische Soldaten die Waffen.

Hinter ihnen lag eine von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichende Schneise von Tod und Verwüstung, wo "Einsatzgruppen" der SS die jüdische Bevölkerung umbrachten. Eine endgültige Entscheidung in diesem mit größter Brutalität geführten Krieg hatte die Wehrmacht allerdings noch nicht erzwungen; die Rote Armee gab nicht auf.

Der angeblich letzte Angriff des Ostheeres, die "Operation Taifun", vorgetragen von 78 Divisionen, knapp zwei Millionen Männern der Heeresgruppe Mitte, richtete sich gegen Moskau. Diese Offensive sollte, so die deutsche Strategie, die Entscheidung bringen. Bis zum 20. Oktober 1941 gelang es den Deutschen mit ihren drei Panzerarmeen, die sowjetische Frontlinie zu zertrümmern, in den Kesselschlachten von Wjasma und Brjansk südwestlich von Moskau noch einmal 673 000 sowjetische Soldaten zu umzingeln und schließlich vor Moskau aufzutauchen. In der Nacht auf den 15. Oktober durchbrachen deutsche Truppen die Hauptverteidigungslinie der Hauptstadt, die Moschaisk-Linie knapp hundert Kilometer vor dem Moskauer Stadtzentrum.

In Moskau begann das große Reißausnehmen

In der Stadt brach Panik aus, es begann das später sogenannte große Reißausnehmen. Die Regierung war bereits nach Osten gebracht worden, ebenso der einbalsamierte Leichnam Lenins; während die Moskauer die Züge nach Osten stürmten und der gefürchtete Geheimdienst NKWD Plünderer und angebliche und wirkliche Deserteure hinrichtete, beschloss Stalin zu bleiben.

Wenige Tage zuvor hatte Schukow auf Stalins Befehl die Verteidigung Moskaus übernommen; zwischen den Deutschen und der Hauptstadt gebot der General aber nur über 90 000 Mann. Als Erstes hatte er die Moschaisk-Linie verstärken und 15 Kilometer vor dem Stadtzentrum einen zweiten Verteidigungsring errichten lassen - Gräben, Panzerfallen, Feuerstellungen und Barrikaden. Mehrere Hunderttausend Frauen und Kinder waren zum Bau abkommandiert worden. Am 19. Oktober wurde der Belagerungszustand erklärt, der Journalist Ilja Ehrenburg erinnerte sich später, die Stimmung sei "miserabel" gewesen.

Aber Ende Oktober schlug die Stimmung um, sie war jetzt "heroisch", wie Moskauer nach dem Krieg betonten, die Panik war vorüber: Noch waren die Deutschen nicht da. Das sowjetische Oberkommando, die Stawka, schickte sechs Armeen in die Moschaisk-Linie. Auf beiden Seiten der Front steckten nun Deutsche wie Russen im Schlamm des Herbstes fest - die "Rasputiza", die "Zeit ohne Straßen" oder die "Wegelosigkeit", hatte begonnen.

Der Ring um Moskau schloss sich nicht so schnell, wie das Oberkommando des Heeres (OKH) es geplant hatte. Die Verluste der Deutschen waren hoch, der Nachschub an Waffen, Munition und Winterkleidung für die Soldaten, die im Hochsommer aufgebrochen waren, stockte.

Panzer und Fahrzeuge waren überstrapaziert, und die Soldaten waren es auch - nach über vier Monaten "Blitzkrieg", der doch nach sechs bis acht Wochen hätte vorbei sein sollen. Reserven hatte die Wehrmacht kaum mehr. Bereits im August hatte der Chef des Generalstabs Franz Halder erkannt: "Der Koloss Russland ist von uns unterschätzt worden."

Die Deutschen überschätzten sich und unterschätzten den Gegner

Allerdings hatte diese Erkenntnis keine praktische Auswirkungen. Die Hybris und die Überheblichkeit des deutschen Diktators und der ihm fast ausnahmslos ergebenen Generäle gegenüber den "bolschewistischen Untermenschen", die ideologisch begründete Unterschätzung der Roten Armee und ihrer Generalität, aber auch die Ignoranz, was die Größe des Landes und seine Rüstungsproduktion anging, war so umfassend, dass man die Rückschläge entweder ignorierte oder sie umgehend für überwindbar erklärte.

Beispielhaft für diese Sichtweise waren die Worte Hitlers zu Propagandaminister Joseph Goebbels am 27. Oktober, er warte nur auf "Trockenheit oder gar Frost". Kämen die deutschen Panzer wieder vorwärts, "wird der Sowjetwiderstand in relativ kurzer Zeit gebrochen sein". An sowjetische Reserven oder die den deutschen Modellen überlegenen T-34-Panzer verschwendete der Führer keinen Gedanken, ebenso wenig wie an die Überbeanspruchung der deutschen Divisionen.

Noch fahrlässiger aber war, dass Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) den Winter kaum als Gefahr ansahen für ihre dafür überhaupt nicht angemessen ausgerüstete Armee. Gespräche über Winterkleidung für die Soldaten hatte Hitler sich verbeten. Der Winter kam dennoch.

Die traditionelle Moskauer Parade am 7. November, dem Jahrestag der Oktoberrevolution, fand bei bitterer Kälte und Schneetreiben auf dem Roten Platz statt: ein Signal von Trotz und Stolz an die Deutschen. Die um fünf Uhr morgens angetretenen Rotarmisten hörten in der Ferne das unablässige Grummeln der deutschen und der sowjetischen Geschütze.

Der Schneefall verhinderte Fliegerangriffe auf den Vorbeimarsch; gleichzeitig rechnete Schukow an seiner Westfront damit, dass die Deutschen nun bald kämen. Die Truppen, die über den Roten Platz paradierten, vorbei an Stalin und dem legendären Kavalleriekommandeur Marschall Budjonny auf seinem Schimmel, marschierten ohne Halt weiter an die nur noch gut sechzig Kilometer entfernte Front.

Mitte November kommt es zum Großangriff

Aber die Fortsetzung des deutschen Angriffs ließ noch auf sich warten. Zuvor besprach sich am 13. November in Orscha bei Smolensk Generalstabschef Franz Halder mit Offizieren von der Front. Halder war wie Hitler der Auffassung, die Rote Armee sei "anscheinend nicht mehr in der Lage, eine zusammenhängende Front zu bilden".

Die Kollegen aus den Heeresgruppen schlossen sich, trotz einzelner warnender Stimmen, schließlich der Ansicht an, der Angriff auf Moskau müsse daher jetzt gewagt werden. Die deutschen Offiziere, durchdrungen von germanischer Arroganz, legten bei der Einschätzung der eigenen Kampfkraft und der Stärke des Gegners stets die "jeweils günstigste Annahme zugrunde", wie der Militärhistoriker Gerd R. Ueberschär betont, und sie lagen falsch.

So gingen die deutschen Armeen Mitte November schließlich zum Großangriff auf die Hauptstadt des "jüdischen Bolschewismus" vor, wie die Propaganda tönte. Viele Soldaten sprachen hingegen von der "Flucht nach vorn" - ins erhoffte Winterquartier Moskau. Zwei Panzergruppen griffen die Stadt Klin im Norden von Moskau an und überquerten am 28. November den Moskau-Wolga-Kanal.

Knapp 20 Kilometer waren die ersten Einheiten noch vom Stadtzentrum entfernt. Mit ihren starken Ferngläsern konnten die Offiziere die goldenen Türme des Kreml sehen. Spähtrupps erreichten die Außenbezirke. Der Panzergeneral Heinz Guderian stieß mit seinen Truppen nach Süden vor, um Moskau von dort aus zu umgehen. Halder hatte der 2. Panzerarmee schon einige Tage zuvor verkündet, der Sieg sei nahe: "Es knirscht und knackt beim Russen im Gebälk."

Ende November jedoch - die Temperaturen betrugen bereits unter 30 Grad minus - geriet der deutsche Angriff ins Stocken, obwohl Schukows zusammengewürfelte Truppen in der Regel viel schwächer waren als die Angreifer.

Allerdings gab es Verstärkungen aus dem Fernen Osten: Stalin hatte die Verlegung von sibirischen Truppenteilen nach Westen angeordnet, nachdem der sowjetische Top-Agent Richard Sorge aus Tokio berichtet hatte, Deutschlands Verbündeter Japan plane einen Angriff auf die USA und Großbritannien; den Neutralitätspakt mit der Sowjetunion beabsichtige das Land einzuhalten. Damit wurden die wichtigsten Reserven frei, über welche Stalins angeschlagenes Reich noch verfügte.

Fast gleichzeitig attackiert Japan Pearl Harbor

Die deutschen Soldaten waren erschöpft, viele hatten schwere Erfrierungen, die Verpflegung war knapp. Ihre Fahrzeuge sprangen wegen der Kälte nicht an; unter den Panzern machten die Besatzungen morgens Feuer, um die Motoren zu erwärmen.

Am 1. Dezember gelang den Deutschen im Westen der Stadt noch einmal ein Durchbruch, Schukows Truppen jedoch konnten die Lücke drei Tage später schließen.

Und mehr noch: Die Stawka und Schukow hatten etwas geplant, was die Deutschen weder bemerkten noch für möglich hielten: eine Gegenoffensive mit elf neuen Armeen, die am 5. Dezember über die völlig überraschte Wehrmacht hereinbrachen. Frische, für den Winter ausgerüstete Divisionen aus Sibirien fielen über die dezimierten, halb erfrorenen Deutschen her und durchbrachen in tagelangen Kämpfen deren Umklammerung der sowjetischen Hauptstadt.

"Ob wir türmen müssen? Dann gnade uns Gott", schrieb ein deutscher Soldat in sein Tagebuch. Aber so kam es, die Belagerung endete in einem Debakel. Die Deutschen traten zum ersten Mal den Rückzug an, zur fassungslosen Empörung Hitlers, der schließlich am 19. Dezember 1941 selbst das Oberkommando des Heeres übernahm.

Noch viele Jahre nach dem Krieg machten die deutschen Generäle für ihr Scheitern vor Moskau und damit an der gesamten Ostfront entweder Hitlers Inkompetenz verantwortlich oder den russischen Winter. "Der beste Wille scheitert an den Elementen", schrieb Guderian vor Moskau.

Die Einnahme Moskaus hätte nicht den Sieg gebracht

Doch eine Einnahme der Stadt hätte der Wehrmacht im Zweifel keineswegs den erhofften Sieg über die Sowjetunion gebracht und ihr so wenig genutzt wie Napoleon 1812. Wahrscheinlich hätten die Sowjets Haus um Haus verteidigt wie ein Jahr später in Stalingrad; längst lief der Nachschub der Westmächte an Stalins Armeen auf Hochtouren; die russische Kriegsindustrie war tief nach Osten verlagert worden und der größte Teil der Sowjetunion weiterhin unbesetzt.

Hitlers Reich hätte in jedem Fall, wie der Publizist Sebastian Haffner in seinen "Anmerkungen zu Hitler" schrieb, "eine riesige Ostfront behalten - bei fortdauerndem Krieg mit England und drohendem Krieg mit Amerika".

Denn nicht nur vor Moskau nahm der Krieg zu diesem Zeitpunkt die entscheidende Wende. Am 7. Dezember vernichteten japanische Kampfflugzeuge große Teile der amerikanischen Pazifikflotte in Pearl Harbor auf Hawaii, kurz danach griff Japan die britische Kolonie Malaysia an. Hitler wiederum erklärte, um den Verbündeten im Fernen Osten zu stärken, den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg.

Während die deutschen Soldaten in Eis und Finsternis dieser Dezembertage von einem zähen, unterschätzten Feind langsam zurückgedrängt wurden, machte ihr Führer sich ein weiteres übermächtiges Land zum Feind. Der Kampf war nun endgültig zum Weltkrieg geworden. Und Hitlerdeutschland würde diesen Krieg nicht mehr gewinnen können.

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Quelle:
SZ vom 03.12.2016/harl/odg
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