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Zweiter Weltkrieg:Die Deutschen überschätzten sich und unterschätzten den Gegner

Allerdings hatte diese Erkenntnis keine praktische Auswirkungen. Die Hybris und die Überheblichkeit des deutschen Diktators und der ihm fast ausnahmslos ergebenen Generäle gegenüber den "bolschewistischen Untermenschen", die ideologisch begründete Unterschätzung der Roten Armee und ihrer Generalität, aber auch die Ignoranz, was die Größe des Landes und seine Rüstungsproduktion anging, war so umfassend, dass man die Rückschläge entweder ignorierte oder sie umgehend für überwindbar erklärte.

Beispielhaft für diese Sichtweise waren die Worte Hitlers zu Propagandaminister Joseph Goebbels am 27. Oktober, er warte nur auf "Trockenheit oder gar Frost". Kämen die deutschen Panzer wieder vorwärts, "wird der Sowjetwiderstand in relativ kurzer Zeit gebrochen sein". An sowjetische Reserven oder die den deutschen Modellen überlegenen T-34-Panzer verschwendete der Führer keinen Gedanken, ebenso wenig wie an die Überbeanspruchung der deutschen Divisionen.

Noch fahrlässiger aber war, dass Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) den Winter kaum als Gefahr ansahen für ihre dafür überhaupt nicht angemessen ausgerüstete Armee. Gespräche über Winterkleidung für die Soldaten hatte Hitler sich verbeten. Der Winter kam dennoch.

Die traditionelle Moskauer Parade am 7. November, dem Jahrestag der Oktoberrevolution, fand bei bitterer Kälte und Schneetreiben auf dem Roten Platz statt: ein Signal von Trotz und Stolz an die Deutschen. Die um fünf Uhr morgens angetretenen Rotarmisten hörten in der Ferne das unablässige Grummeln der deutschen und der sowjetischen Geschütze.

Der Schneefall verhinderte Fliegerangriffe auf den Vorbeimarsch; gleichzeitig rechnete Schukow an seiner Westfront damit, dass die Deutschen nun bald kämen. Die Truppen, die über den Roten Platz paradierten, vorbei an Stalin und dem legendären Kavalleriekommandeur Marschall Budjonny auf seinem Schimmel, marschierten ohne Halt weiter an die nur noch gut sechzig Kilometer entfernte Front.

Mitte November kommt es zum Großangriff

Aber die Fortsetzung des deutschen Angriffs ließ noch auf sich warten. Zuvor besprach sich am 13. November in Orscha bei Smolensk Generalstabschef Franz Halder mit Offizieren von der Front. Halder war wie Hitler der Auffassung, die Rote Armee sei "anscheinend nicht mehr in der Lage, eine zusammenhängende Front zu bilden".

Die Kollegen aus den Heeresgruppen schlossen sich, trotz einzelner warnender Stimmen, schließlich der Ansicht an, der Angriff auf Moskau müsse daher jetzt gewagt werden. Die deutschen Offiziere, durchdrungen von germanischer Arroganz, legten bei der Einschätzung der eigenen Kampfkraft und der Stärke des Gegners stets die "jeweils günstigste Annahme zugrunde", wie der Militärhistoriker Gerd R. Ueberschär betont, und sie lagen falsch.

So gingen die deutschen Armeen Mitte November schließlich zum Großangriff auf die Hauptstadt des "jüdischen Bolschewismus" vor, wie die Propaganda tönte. Viele Soldaten sprachen hingegen von der "Flucht nach vorn" - ins erhoffte Winterquartier Moskau. Zwei Panzergruppen griffen die Stadt Klin im Norden von Moskau an und überquerten am 28. November den Moskau-Wolga-Kanal.

Knapp 20 Kilometer waren die ersten Einheiten noch vom Stadtzentrum entfernt. Mit ihren starken Ferngläsern konnten die Offiziere die goldenen Türme des Kreml sehen. Spähtrupps erreichten die Außenbezirke. Der Panzergeneral Heinz Guderian stieß mit seinen Truppen nach Süden vor, um Moskau von dort aus zu umgehen. Halder hatte der 2. Panzerarmee schon einige Tage zuvor verkündet, der Sieg sei nahe: "Es knirscht und knackt beim Russen im Gebälk."

Ende November jedoch - die Temperaturen betrugen bereits unter 30 Grad minus - geriet der deutsche Angriff ins Stocken, obwohl Schukows zusammengewürfelte Truppen in der Regel viel schwächer waren als die Angreifer.

Allerdings gab es Verstärkungen aus dem Fernen Osten: Stalin hatte die Verlegung von sibirischen Truppenteilen nach Westen angeordnet, nachdem der sowjetische Top-Agent Richard Sorge aus Tokio berichtet hatte, Deutschlands Verbündeter Japan plane einen Angriff auf die USA und Großbritannien; den Neutralitätspakt mit der Sowjetunion beabsichtige das Land einzuhalten. Damit wurden die wichtigsten Reserven frei, über welche Stalins angeschlagenes Reich noch verfügte.

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