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Zweiter Weltkrieg:Die Schlacht, bei der es nur Verlierer gab

Am 14. Oktober 1943 flog die amerikanische Air-Force den verheerenden Luftangriff auf die fränkische Stadt Schweinfurt. Wo sich heute die Soldaten beider Armeen freundschaftlich begegnen, erlebten die US-Bomber den verlustreichsten Angriff des Zweiten Weltkriegs.

(SZ vom 14.10.2003) - Schweinfurt, im Oktober - Das kleine Denkmal ist leicht zu übersehen. Selten kommt jemand her auf die verkehrsumrauschte Grünfläche zwischen dem alten Hochbunker und der Spitalseestraße, um sich die zerborstene Stahlplatte anzusehen. An diesem Dienstag aber werden sie sich, wie jedes Jahr im Herbst, wieder dort treffen: Ein paar frühere Flakhelfer, ein Vertreter der Stadt und einer der US Army, die nicht weit von hier einen großen Stützpunkt unterhält, einige Schüler mit Musikinstrumenten. Das Garten- und Friedhofsamt hat drei Kränze aufgestellt, es gibt kurze Reden.

Dann werden ein Motiv aus "Verdammt in alle Ewigkeit" und "Ich hatt' einen Kameraden" gespielt, und die kleine Gruppe geht auseinander. Auch fern im Westen der USA, in Seattle, werden alte Männer aus beiden Nationen zusammenkommen und an eine kleine Stadt in Deutschland, an Schweinfurt denken. Und an den Tag vor 60 Jahren, an dem sie, fast noch Kinder, die Hölle gegeneinander entfesselten.

Als Wilbur Klint am 14. Oktober 1943 gegen vier Uhr früh erwachte, hingen tiefe Wolken über den Feldern Ostenglands. Klint wurde von seiner Besatzung scherzhaft "the old man" genannt. Er war schon 24 und Kopilot einer Fliegenden Festung, eines schweren viermotorigen B-17-Bombers, der mit 300 anderen Maschinen an diesem Tag dazu bestimmt war, die Kugellagerfabriken der Stadt Schweinfurt Vergangenheit werden zu lassen. Sollte dies gelingen, hörte er den Nachrichtenoffizier bei der Einsatzbesprechung zwei Stunden später sagen, wären die Alliierten dem Sieg einen gewaltigen Schritt näher gekommen.

Es waren die Anfänge des strategischen Bombenkrieges, der Deutschlands Städte vernichten würde und von dem sich die Amerikaner damals noch erhofften, den Gegner mit Schlägen gegen Schlüsselziele entscheidend zu schwächen. Schweinfurt war das Zentrum der Wälzlager-Fabrikation, der wichtigsten Industrie für die Luftrüstung - und daher eine der stärksten Bastionen der Luftabwehr.

"Schwarzer Donnerstag"

Paul Eichhorn hätte den Tag eigentlich in der Oberschule in Schweinfurt verbringen sollen. Stattdessen lag er in der vorgeschobenen Feuerstellung bei Eulenburg und wartete auf die Bomber, wie jeden Tag. Er war Luftwaffenhelfer, ein Soldat mit 16 Jahren. Es würde sein erster ernsthafter Einsatz sein, aber das wusste er noch nicht.

Und die Bomber kamen. Die 8. US-Luftflotte hatte die Stadt bereits im August angegriffen. Jetzt kehrte sie zurück, um das Werk der Verheerung zu vollenden. Über Belgien musste der alliierte Jagdschutz abdrehen, an der Grenze seiner Reichweite. "Was dann geschah", sagt der Amerikaner Klint, "war unglaublich, einfach unglaublich. Sie hatten auf uns gewartet."

Klint sah Jagdflugzeuge, die aus allen Rohren feuernd auf ihn zurasten, angeschossene Bomber, die zurückfielen und auf die sich die Deutschen stürzten wie ein Rudel Wölfe. Unter sich sah er drei B-17, die zerplatzten, getroffen von Raketen, die deutsche Flugzeuge abgeschossen hatten. Klint hatte nicht einmal gewusst, dass es solche Waffen gibt.

Eichhorn sah die gewaltigen Formationen der Bomber, die sich näherten und auf Abwurfhöhe heruntergingen. Es war ein schöner Herbsttag mit klarer Sicht. Sie schossen Sperrfeuer, bis sich der Himmel schwarz färbte, es gab mehrere Treffer. Eine der riesigen Maschinen geriet ins Trudeln und stürzte, Eichhorn sah ein paar Fallschirme.

An keinem Tag des Zweiten Weltkrieges verloren die Amerikaner so viele Bomber wie am 14. Oktober 1943, der in die US-Luftkriegsgeschichte als "schwarzer Donnerstag" eingehen sollte. 60 Fliegende Festungen wurden abgeschossen, 20 weitere kamen als Wracks zurück, 600 Besatzungsmitglieder waren am Ende tot oder gefangen.

Und doch lag in diesem Triumph der Verteidiger schon der Keim ihrer unabwendbaren Niederlage, denn nicht einmal jetzt gelang es ihnen, die Bomber zu stoppen. Bis Würzburg waren die Rauchsäulen über dem brennenden Schweinfurt zu sehen. 276 Menschen starben, die Kugellagerwerke wurden schwer getroffen, die Stadt verwüstet. Als der Angriff vorbei war, suchte Eichhorn seine Familie. Sie lebte. Aber Brandgeruch lag über den Trümmern dessen, was einmal seine Heimat gewesen war: "Es war grausam."

Nur eine Frau überlebte mit zertrümmertem Schädel

Wilhelm Böhm leitet den historischen Verein der Stadt, ein alter Herr mit wachem Geist und präziser Erinnerung. Oft passiert es ihm, dass er durch Schweinfurt läuft und nicht die eher gesichtslose Stadt von heute sieht, sondern die seiner Vergangenheit, die alte Reichsstadt mit ihren krummen Gassen und Baudenkmälern. Die er sterben sah, als er an diesem Tag als 15-jähriger Feuerwehrhelfer Brände löschen und Verschüttete bergen half, als "die Überlebenden weinend durch die Ruinen irrten".

Böhm hat es alles gesehen. Die Kellerdecken der Fabriken brachen, als habe ein Riese darauf getreten. Menschen krallten sich in Panik aneinander, ein Knäuel aus Leibern, das von der Wucht der Detonationen an die Wände geschleudert wurde. In einem kleinen Keller erschlugen Trümmer die Arbeiter, die dort Schutz gesucht hatten, nur eine junge Frau überlebte mit zertrümmertem Schädel und zerquetschten Augen. Sie heiratete später einen blinden Ex-Soldaten, das Paar zog dann drei Kinder groß.

Es dauerte 55 Jahre, bis sich die Männer, die damals aufeinander geschossen hatten, von Angesicht zu Angesicht sahen. Im Schweinfurter Rathaus standen sie sich dann gegenüber, im Oktober 1998, und wussten nicht, was sie eigentlich erwartet hatten. Jedenfalls nicht grauhaarige alte Herren. "Wir fühlten uns sehr eigenartig", sagt Böhm. Es war ja für beide Seiten ein technischer, eigentümlich abstrakter Krieg gewesen: die Bomber am Himmel, die Lichtblitze der Flak, die getroffene Stadt. Nun mussten sie, Bürger zweier Länder, die sich bereits Jahrzehnte zuvor ausgesöhnt hatten, Versöhnung üben, während der Anlass für ihre Enkel schon so fern war wie eine Schlacht aus dem Mittelalter.

Dass es gelang, ist vor allem Georg Schäfer zu verdanken, dem Sohn eines der Kugellager-Fabrikanten. Die Werke wurden nach dem Krieg modern wieder aufgebaut und prägen bis heute das Gesicht der Industriestadt. Schäfer, selbst Ex-Flakhelfer, blieb im Kugellagergeschäft und stieß in den USA auf Veteranen der SSMA, der "Second Schweinfurt Memorial Association". Aus ersten Kontakten entstand eine ganz ungewöhnliche Erinnerungsgemeinschaft zwischen deutschen und US-Veteranen dieses Einsatzes.

Zum Jahrestreffen in Seattle sind wieder einige Schweinfurter gereist. "Wir sehen", sagt Böhm, "nach so langen Jahren den Menschen im anderen und sind Freunde geworden." Es ist dies eine seltsame Freundschaft zwischen alten Männern, die gemeinsam ihrer vielen Toten gedenken, ohne dass sich ihre Sichtweisen des Krieges dadurch wirklich angenähert hätten.

Wer war Opfer, wer war Täter?

Wilbur Klint hat davon gehört, dass man in Deutschland neu über den strategischen Bombenkrieg zu debattieren beginnt und ihn, wie der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch "Der Brand", für militärisch unergiebig und moralisch verwerflich hält. Klint hat oft nachgedacht über das moralische Dilemma des gerechten Krieges. Er wusste, dass seine Spreng- und Phosphorbomben nicht nur die Fabriken trafen. Aber immerhin, anders als die Briten mit den nächtlichen Flächenbombardements zielten sie wenigstens zuerst auf die Fabriken.

Es steht für ihn außer Frage: "Die Bombenangriffe waren gerechtfertigt, sie haben den Krieg verkürzt." Sein Krieg, sagt er, war gerecht, und die strategische Luftoffensive die stärkste Waffe, welche die Alliierten damals hatten: "Wir konnten nicht darauf verzichten." Über die Menschen, über die er Tod und Zerstörung brachte, sagt er: "Ich habe keinen Hass auf sie gespürt, eher so etwas wie Bewunderung, wie sie das aushalten konnten."

Die Männer, die auf Klints B-17 schossen, haben es schwerer. Sie kämpften nicht für eine gerechte Sache und sehen sich dennoch bis heute als Opfer, als Verteidiger der Heimat. Sie waren jung, fast noch Kinder. Beim ersten Zusammentreffen der Veteranen in Schweinfurt hat Georg Schäfer Bertolt Brechts Satz an die Nachgeborenen zitiert: "Gedenket unserer mit Nachsicht", und gebeten, "damaliges mit heutigem Bewusstsein nicht gleichzusetzen".

Wilhelm Böhm fragt sich noch heute Dinge wie: Warum haben sie unterschiedslos deutsche Städte vernichtet, ob diese für den Krieg wichtig waren oder nicht, warum haben sie nicht die Gleise nach Auschwitz bombardiert? Aber das sind nicht die Dinge, über die man spricht, wenn man gemeinsam im Ausflugsbus durch die Rhön fährt und den Gästen von drüben die Heimat zeigt. Vielleicht, sagt Pfarrer Hans Dieter Schorn, der so etwas wie ein Sekretär der Ex-Luftwaffenhelfer ist, kann man mehr auch nicht erwarten, sei die "Versöhnung über den Gräbern doch schon ein kleines Wunder".

Schorn war noch ein Kind, als die Bomben fielen; sie überraschten ihn, als er Kaninchenfutter holte, und er schaffte es noch eben in den elterlichen Keller. Er verlor im Bombenkrieg seinen geliebten Großvater und seine engste Freundin. Er denkt oft über die Schuldfrage nach: "Aber wir waren es doch, die unseren Gegnern die Unmenschlichkeit in ganz neuen Dimensionen vorgeführt haben."

Vielleicht ist die Erfahrung, die Bombenwerfer und Bombardierte am meisten gemeinsam haben, das Zerbrechen eines der Zeit und der Jugend geschuldeten Lebensgefühls, unbesiegbar zu sein. Wenn die Batterien der "Achtacht" den Bombern mit gewaltigen Feuerstößen im Zehn-Sekunden-Takt ihre Granaten entgegenschleuderten, "fühlten wir uns wie ein Boxer, der zurückschlägt", sagt Eichhorn. Und doch war der Widerstand vergeblich, und zerstört war nicht nur die Heimat, sondern auch ein Lebensbild. Und sie fühlten sich nicht, wie es nach der Schlacht aus dem Volksempfänger tönte, "als die wahren Helden dieses Krieges, die das unsichtbare Eichenlaub um die Stirn tragen".

Fliegende Schlachtschiffe

Die Besatzungen der 8. US-Luftarmee, der "mighty 8th", waren eine Elite; sie zuerst trugen den Krieg am helllichten Tag ins Land eines furchtbaren Feindes, der eben noch geglaubt hatte, er könne die Welt unter seinen Stiefel treten. "Wir waren jung", sagt Bud Klint, "wir fühlten uns unbesiegbar."

Sie flogen in der Combat Box, einer Abwehrformation von Dutzenden riesiger, schwer bewaffneter fliegender Schlachtschiffe, die in herausforderndem Silber in der Sonne glänzten. Und doch sah er all die Freunde und Kameraden verbrennen und abstürzen und begann anders über das Leben zu denken. Der Preis von 600 Air-Force-Männern, befanden dagegen die Luftkriegsplaner, war angesichts des Erreichten vielleicht gar nicht so hoch. Die Fliegenden Festungen würden wieder starten, der Widerstand sich erschöpfen, bis den Angreifern der Himmel offen stünde und sie die deutschen Städte in Schutt und Asche legen würden.

Klint überlebte den Turnus von 25 Einsätzen und ging zurück nach Chicago, zu seinem Job in eine Süßigkeiten-Firma. Er kam heim aus dem Land des Bösen und promotete wieder Candys. Heute lebt er in Texas, in der Nähe von drei Kindern, acht Enkeln und einem Urenkel, ein Mann, der mit sich im Reinen ist.

Schweinfurt blieb lange Zeit gezeichnet von der Zerstörung, die 1944 vollendet wurde. Über 1000 Menschen kamen im Bombenkrieg um. Während des Wiederaufbaus sprach man nicht viel davon; die Amerikaner waren nun Beschützer und Verbündete. Aber Uwe Müller, der Leiter des Stadtarchivs, hat bei Zeitzeugeninterviews festgestellt, "wie tief die Erinnerung daran noch sitzt. Viele alte Menschen haben bei den Gesprächen zu weinen begonnen. Die Vergangenheit war doch noch sehr präsent."

Zeichen der Versöhnung aber ist das Denkmal, das die deutschen und amerikanischen Veteranen 1998 gemeinsam errichteten - das einzige seiner Art in Deutschland. Es erinnert an die vielen Toten dieses Tages: Die amerikanischen und deutschen Flieger, die Frauen, die Kinder und die Zwangsarbeiter. Nächstes Jahr werden die alten Männer der SSMA wohl ein letztes Mal zum Gedenktag nach Schweinfurt kommen. Auch Bud Klint wird dabei sein und neben Paul Eichhorn und Winfried Böhm vor der geborstenen Stahlplatte stehen. Sie werden zurückdenken an den schwarzen Donnerstag. Und jeder wird seine eigene Wahrheit im Herzen tragen.