Zweiter Pass für Sephardim-Nachkommen "Sie sind keine Herde mehr"

Während des Ersten Weltkriegs kamen Gruppen sephardischer Flüchtlinge vom Balkan und aus der Türkei, in Madrid wurde die erste Synagoge wiedereröffnet. 1924 wurde das Vertreibungsedikt von 1492 offiziell aufgehoben. Doch nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg 1939 kam es zu Repressionen gegen Juden. Faschisten verwüsteten mehrere Synagogen. Erst zehn Jahre später konnten sie wieder ihre Pforten öffnen. Heute stehen in Spanien 30 Synagogen, in Madrid und Barcelona auch jüdische Gymnasien.

Landesweit soll es ungefähr 50 000 Gemeindemitglieder geben. Es könnten bald mehr werden. Denn die Zahl der Nachkommen der sephardischen Juden wird auf weltweit 3,5 Millionen geschätzt. Sie leben in den USA, in Lateinamerika, in Frankreich oder der Türkei - allein in Israel könnten Schätzungen zufolge zumindest theoretisch eine halbe Million Menschen Anspruch auf einen spanischen Pass anmelden können. Entsprechend groß ist hier auch das Echo auf die Ankündigungen aus Madrid.

"Plötzlich sind wir alle Spanier", titelte Israels auflagenstärkste Zeitung Jedi'ot Acharonot. Auf einer Doppelseite zum Thema wurde gleich die Liste jener Familiennamen präsentiert, die auf eine spanische Abkunft hindeuten. Seitdem reifen zwischen Mittelmeer und Totem Meer bei den Abutbols, Medinas oder Suaretz womöglich ganz neue Zukunftspläne, und bei den spanischen Konsulaten in Tel Aviv und Jerusalem wird die Kapazitäten der Telefonleitungen ausgetestet.

Es ist nicht zu erwarten, dass nun ein Exodus vom Gelobten Land zurück zur Iberischen Halbinsel einsetzt. Dazu sind die Israelis viel zu stolz auf ihren Staat, den sie sich erschaffen und in mehr als genug Kriegen seit der Gründung 1948 verteidigt haben.

Ruch des Verräters

Doch sie sind auch pragmatisch genug, die Vorteile einer doppelten Staatsbürgerschaft zu erkennen, zumal in Verbindung mit einem Pass aus der Europäischen Union. Dieser vereinfacht das Reisen, schafft Job-Optionen und Zugänge, die sonst verschlossen bleiben. Und nicht zuletzt ist der Zweitpass auch eine Versicherung für den Fall, dass die Lage in Nahost bedrohlich werden sollte. All das bedenken etwa auch jene 100 000 Israelis, die mittlerweile einen deutschen Pass besitzen.

In einem Staat, der sich als recht exklusive Heimstatt aller Juden definiert, ist dies allerdings auch nicht unumstritten. Bis heute wirbt die eigens dafür gegründete Jewish Agency um die in der Diaspora lebenden Juden, die mit allerlei Versprechungen und Vergünstigungen zur Einwanderung nach Israel bewogen werden sollen.

Die Demografie ist schließlich eine höchst politische Angelegenheit in einer Region, in der sechs Millionen Juden umgeben von 350 Millionen Muslimen leben. Wer einwandert, stärkt das zionistische Projekt - wer sich hingegen mit einem zweiten Pass die Option einer Auswanderung verschafft, kann in den Ruch des Verräters kommen.

Giftige Töne

Zu spüren bekamen das jüngst schon die schätzungsweise 20 000 Israelis, die mittlerweile in Berlin leben - und von Finanzminister Yair Lapid gerügt wurden, dass sie "bereit sind, das einzige Land, was die Juden haben, in den Müll zu werfen, weil es in Berlin bequemer ist".

Giftige Töne mischen sich auch schon in die aufkommenden Debatten um den möglichen spanischen Zweitpass. Ein Kolumnist auf Israels populärster Webseite ynet warnte, dass der vermeintliche spanische Aussöhnungs- Vorstoß in Wirklichkeit "mit Antisemitismus infiziert" sei und eine "schändliche Anti-Israel-Einstellung" offenbare.

Gearbeitet werde hier mit dem Klischee vom reichen Juden, der die Weltwirtschaft kontrolliere - und genau den wollten die Spanier angesichts ihrer eigenen Wirtschaftskrise nun angeblich zurücklocken. Dabei sei wohl vergessen worden, dass die Juden heute ihren eigenen Staat haben, heißt es weiter. "Sie sind keine Herde mehr, die nach dem Wunsch des ehrwürdigen Königs hinausgeworfen oder zurückbeordert werden kann."