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Zweiter Pass für Sephardim-Nachkommen:"Plötzlich sind wir alle Spanier"

Skulptur und spanische Flagge nahe der Synagoge und des Sephardischen Museums in Toledo.

(Foto: AFP)

Wiedergutmachung für "historisches Unrecht": Vor mehr als einem halbem Jahrtausend wurden die jüdischen Sephardim aus Spanien vertrieben, jetzt stellt Madrid ihren Nachkommen die Staatsbürgerschaft in Aussicht. Allein in Israel dürfte das eine halbe Million Menschen betreffen.

Keine Informationstafel an der Hauswand und kein Schild an der Klingel weisen darauf hin, dass sich in dem Stadtpalais auf der Calle Mayor im Herzen Madrids das "Centro Sefarad-Israel" befindet. Das Palais ist mit seinem von Gebäuden umgebenen Park mitten im Touristenviertel eine wahre Oase der Ruhe. Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Almudena-Kathedrale und zum Königsschloss.

Vor vier Jahren hat König Juan Carlos gemeinsam mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres das Zentrum im Palacio de Cañete eröffnet. Es war ein Akt der Wiedergutmachung: Der Marquis von Cañete war ein besonders eifriger Gefolgsmann des Königspaares Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon. Ihnen hatte der berüchtigte Papst Alexander VI. im Jahre 1492 wegen der Vertreibung der Juden aus ihrem Reich den Ehrentitel "katholische Könige" verliehen.

Den nächsten überraschenden Schritt der Wiedergutmachung kündigte nun der konservative Justizminister Alberto Ruiz-Gallardón an: Ein Gesetz sei in Vorbereitung, dass den Sephardim, den Nachkommen der vor mehr als einem halben Jahrtausend vertriebenen Juden, die spanische Staatsbürgerschaft in Aussicht stellt. Das hebräische Wort Sepharde bedeutet nichts anderes als "Einwohner der iberischen Halbinsel". Voraussetzung für den spanischen Pass soll sein: Die Antragsteller sollten Bindungen zur spanischen Kultur nachweisen.

Schwierige Beweisführung

Ein ähnliches Gesetz hat die portugiesische Regierung vorbereitet. Aus Portugal waren die Juden 1497 vertrieben worden, darunter viele Flüchtlinge aus eben diesem Reich der "katholischen Könige". Menschen also, die auf diese Weise zum zweiten Mal heimatlos wurden. Das Justizministerium in Madrid gab nun bekannt, dass schon fast 3000 Anträge auf einen spanischen Pass gestellt worden seien.

Man müsse weder dauerhaft in Spanien wohnen, noch seine bisherige Staatsbürgerschaft aufgeben. Es gehe um die Wiedergutmachung "historischen Unrechts", sagte Ruiz-Gallardón. Wie der Nachweis der Abstammung und der kulturellen Bindungen an die Herkunftsländer ihrer Ahnen genau zu führen sei, wie er überprüft werde, ist allerdings bislang nicht bekannt, nur so viel: Die Föderation der jüdischen Gemeinden in Spanien soll Interessenten beraten und ihren Beitrag dazu leisten, dass "Opportunisten" herausgefiltert werden.

Historiker haben bereits Listen mit den typischen Namen der Sephardim aufgestellt. Die angeblich aus ihren Häusern in Spanien stammenden Schlüssel, die in manchen sephardischen Familien von Generation zu Generation weitergereicht wurden, gelten eher nicht als Beweis. Als sichere Bank gelten hingegen Ladino-Kenntnisse, von Sprachwissenschaftlern auch Judenspanisch genannt.

Mehr als 300 000 Juden mussten Schätzungen zufolge Ende des 15. Jahrhunderts die iberische Halbinsel verlassen. Nach Jahrhunderten des meist friedlichen Nebeneinanders der drei großen monotheistischen Religionen wollten die Herrscher in Madrid dann nur noch Christen als Untertanen dulden. Wer sich nicht bekehren wollte, musste seine Heimat aufgeben. Doch auch die Getauften und ihre Nachkommen waren keineswegs vor Verfolgung sicher, die Inquisition sah sie nicht als vollwertige Christenmenschen an.

Ein Teil der Vertriebenen, zu denen viele Wissenschaftler und Ärzte gehörten, siedelte sich in europäischen Hafenstädten an. Wohl die Mehrheit aber zog in das osmanische Reich, wo sie mit offenen Armen aufgenommen wurden. Ihnen wurden eigene Schulen und Gerichte garantiert. Nicht zuletzt deshalb hielt sich ihre Sprache bis ins 20. Jahrhundert an mehreren Orten im östlichen Mittelmeerraum, vor allem in Griechenland und der Türkei. So wurde das Spanisch des ausgehenden Mittelalters bewahrt, angereichert durch Vokabeln aus dem Hebräischen, Griechischen und Arabischen. In Spanien aber war für Juden bis Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell kein Platz.

"Sie sind keine Herde mehr"

Während des Ersten Weltkriegs kamen Gruppen sephardischer Flüchtlinge vom Balkan und aus der Türkei, in Madrid wurde die erste Synagoge wiedereröffnet. 1924 wurde das Vertreibungsedikt von 1492 offiziell aufgehoben. Doch nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg 1939 kam es zu Repressionen gegen Juden. Faschisten verwüsteten mehrere Synagogen. Erst zehn Jahre später konnten sie wieder ihre Pforten öffnen. Heute stehen in Spanien 30 Synagogen, in Madrid und Barcelona auch jüdische Gymnasien.

Landesweit soll es ungefähr 50 000 Gemeindemitglieder geben. Es könnten bald mehr werden. Denn die Zahl der Nachkommen der sephardischen Juden wird auf weltweit 3,5 Millionen geschätzt. Sie leben in den USA, in Lateinamerika, in Frankreich oder der Türkei - allein in Israel könnten Schätzungen zufolge zumindest theoretisch eine halbe Million Menschen Anspruch auf einen spanischen Pass anmelden können. Entsprechend groß ist hier auch das Echo auf die Ankündigungen aus Madrid.

"Plötzlich sind wir alle Spanier", titelte Israels auflagenstärkste Zeitung Jedi'ot Acharonot. Auf einer Doppelseite zum Thema wurde gleich die Liste jener Familiennamen präsentiert, die auf eine spanische Abkunft hindeuten. Seitdem reifen zwischen Mittelmeer und Totem Meer bei den Abutbols, Medinas oder Suaretz womöglich ganz neue Zukunftspläne, und bei den spanischen Konsulaten in Tel Aviv und Jerusalem wird die Kapazitäten der Telefonleitungen ausgetestet.

Es ist nicht zu erwarten, dass nun ein Exodus vom Gelobten Land zurück zur Iberischen Halbinsel einsetzt. Dazu sind die Israelis viel zu stolz auf ihren Staat, den sie sich erschaffen und in mehr als genug Kriegen seit der Gründung 1948 verteidigt haben.

Ruch des Verräters

Doch sie sind auch pragmatisch genug, die Vorteile einer doppelten Staatsbürgerschaft zu erkennen, zumal in Verbindung mit einem Pass aus der Europäischen Union. Dieser vereinfacht das Reisen, schafft Job-Optionen und Zugänge, die sonst verschlossen bleiben. Und nicht zuletzt ist der Zweitpass auch eine Versicherung für den Fall, dass die Lage in Nahost bedrohlich werden sollte. All das bedenken etwa auch jene 100 000 Israelis, die mittlerweile einen deutschen Pass besitzen.

In einem Staat, der sich als recht exklusive Heimstatt aller Juden definiert, ist dies allerdings auch nicht unumstritten. Bis heute wirbt die eigens dafür gegründete Jewish Agency um die in der Diaspora lebenden Juden, die mit allerlei Versprechungen und Vergünstigungen zur Einwanderung nach Israel bewogen werden sollen.

Die Demografie ist schließlich eine höchst politische Angelegenheit in einer Region, in der sechs Millionen Juden umgeben von 350 Millionen Muslimen leben. Wer einwandert, stärkt das zionistische Projekt - wer sich hingegen mit einem zweiten Pass die Option einer Auswanderung verschafft, kann in den Ruch des Verräters kommen.

Giftige Töne

Zu spüren bekamen das jüngst schon die schätzungsweise 20 000 Israelis, die mittlerweile in Berlin leben - und von Finanzminister Yair Lapid gerügt wurden, dass sie "bereit sind, das einzige Land, was die Juden haben, in den Müll zu werfen, weil es in Berlin bequemer ist".

Giftige Töne mischen sich auch schon in die aufkommenden Debatten um den möglichen spanischen Zweitpass. Ein Kolumnist auf Israels populärster Webseite ynet warnte, dass der vermeintliche spanische Aussöhnungs- Vorstoß in Wirklichkeit "mit Antisemitismus infiziert" sei und eine "schändliche Anti-Israel-Einstellung" offenbare.

Gearbeitet werde hier mit dem Klischee vom reichen Juden, der die Weltwirtschaft kontrolliere - und genau den wollten die Spanier angesichts ihrer eigenen Wirtschaftskrise nun angeblich zurücklocken. Dabei sei wohl vergessen worden, dass die Juden heute ihren eigenen Staat haben, heißt es weiter. "Sie sind keine Herde mehr, die nach dem Wunsch des ehrwürdigen Königs hinausgeworfen oder zurückbeordert werden kann."

© SZ vom 07.03.2014/gal/rus
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