Zuwanderungsdebatte über Rumänen und Bulgaren Wir haben zu danken

Ohne die Arbeitskraft von Rumänen und Bulgaren könnte manch deutscher Unternehmer dichtmachen. Trotzdem konzentrieren sich zu viele in Deutschland auf ein Problem namens Armutszuwanderung. Auch wer sich die aktuellen Zahlen ansieht, kann da nur den Kopf schütteln.

Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Die Zahlen könnten manche wieder alarmieren: Im November vergangenen Jahres waren knapp 44.000 Rumänen und Bulgaren auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Das entspricht einem Anstieg um 51 Prozent gegenüber November 2012.

Ein Anstieg um über 50 Prozent, das klingt dramatisch. Und ist Wasser auf die Mühlen von CSU, AfD und NPD. Aber ein Anstieg um 50 Prozent ist es auch, wenn im Sandkasten statt zwei Kindern drei Kinder spielen. In absoluten Zahlen bedeutet es: Statt knapp 29.000 Hartz-IV-Empfängern aus Bulgarien und Rumänien sind es jetzt eben etwa 15.000 mehr.

Was sind schon 44.000 Hartz-IV-Empfänger aus Rumänien und Bulgarien im Vergleich zu allen 4,37 Millionen Menschen in Deutschland, die im Januar 2014 von Hartz-IV abhängig waren? Gerade mal 0,99 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger kommen aus Rumänien oder Bulgarien. Wo also ist das Problem?

Im September 2013 arbeiteten in Deutschland 160.000 Bulgaren und Rumänen. Davon 126.000 in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Sie sind zum Teil hochqualifiziert. 20 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Das "Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung" hat festgestellt, dass Bulgaren und Rumänen nicht grundsätzlich besser oder schlechter in den deutschen Arbeitsmarkt integriert seien als andere ausländische Arbeitnehmergruppen.

Unterm Strich verdient der Staat sogar an den Zuwanderern. Mit den Steuern und Sozialabgaben, die die hier arbeitenden Rumänen und Bulgaren bezahlen, sind ihre 44.000 Landsleute in Hartz IV locker mitfinanziert.

Warum also beschäftigt so viele Menschen ausgerechnet die Frage der Rumänen und Bulgaren? Weil es in einigen Städten an wenigen Orten Probleme gibt. Ein Hochhaus in Duisburg etwa muss seit einiger Zeit als das Fallbeispiel schlechthin herhalten, wenn es um Probleme mit Armutsmigration aus dem Osten der EU geht.

Der Deutsche Städtetag hat auch schon Alarm geschlagen. In einem Positionspapier beschreibt er durchaus zutreffend die Lage in einigen Kommunen. Genaue Zahlen über den Umfang der Probleme liefert der Städtetag aber nicht. Im Einzelfall erregen die Probleme Aufsehen: Wenn eine Schuldirektorin plötzlich eine Handvoll Kinder integrieren muss, die womöglich eine Schule noch nie von innen gesehen haben. Solche Probleme müssen gelöst werden - vor allem im Sinne der Kinder. Aber von einer flächendeckenden Gefahr kann nicht ernsthaft gesprochen werden.

Ohne Zuwanderung geht es Deutschland schlecht

Ein Skandal, der in der Debatte völlig zu kurz kommt, ist die Ausbeutung hochqualifizierter rumänischer und bulgarischer Arbeitnehmer durch deutsche Arbeitgeber. Die zahlen den Zuzüglern gerne mal ihren Lohn nicht aus - oder sie zahlen weit weniger als ihre deutschen Kollegen für die gleiche Arbeit bekommen. Übrigens auch ein Grund, der manche in Hartz-IV treibt.

Zuletzt: Ohne Zuwanderung geht es Deutschland schlecht. Das Land braucht dringend Fachkräfte in fast allen Bereichen. Ohne die Hilfe von Rumänen und Bulgaren würde manch deutscher Unternehmer seine Aufträge nicht abarbeiten können. Das verdient Dank, Anerkennung und zumindest gerechte Bezahlung. Aber keine Herabwürdigung durch Debatten über eine angeblich grassierende Armutszuwanderung.