Bildung:Vor allem bei jüngeren Kindern wird zu Hause wenig Deutsch gesprochen

Gemeinsames Homeschooling und Vor-Ort-Beschulung am Isar Gymnasium München, 2020

Am privaten Isar-Gymnasium aus dem Schulverbund München werden Homeschooling und Vor-Ort-Beschulung zusammengeführt.

(Foto: Florian Peljak)

Eine neue Studie zeigt: Fast jeder fünfte unter 18-Jährige wächst in einer fremdsprachigen Familie auf. Viele von ihnen tun sich in der Schule schwer - der Grund dafür liegt aber nicht so sehr in der Sprache.

Von Bernd Kramer, Hamburg

Gut 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wachsen in Familien auf, in denen Deutsch im Alltag nicht die Hauptsprache zur Verständigung ist. Damit leben rund 2,4 Millionen Minderjährige in fremdsprachigen Haushalten - was mitunter frühe Förderangebote und Unterstützung in der Schule nötig macht, damit ihnen kein Bildungsnachteil aus fehlenden Sprachkenntnissen erwächst. Diese Zahlen gehen aus einer Untersuchung des arbeitgeberfinanzierten Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt.

Grundlage der Berechnung ist der sogenannte Mikrozensus aus dem Jahr 2017, eine Art kleine Volkszählung, bei der rund ein Prozent der Bevölkerung befragt werden. Da die Teilnahme am Mikrozensus verpflichtend ist, sind die Daten besonders verlässlich. Fremdsprachigkeit kann dabei bedeuten, dass die Familie sich gar nicht oder kaum auf Deutsch verständigen kann; erfasst sind aber auch Fälle, in denen die Familien zwar gut Deutsch können, sich zu Hause aber vor allem in Arabisch, Polnisch, Englisch oder einer anderen Sprache unterhalten.

Bemerkenswert ist vor allem, dass es gerade jüngere Kinder sind, die häufig in ihrer Familie fremdsprachig aufwachsen. Von den 12- bis 17-Jährigen, der Gruppe im schulpflichtigen Alter also, lebten 15 Prozent in fremdsprachigen Haushalten. Bei den Kindern unter sechs Jahren, die noch nicht die Schule besuchen, waren es dagegen 20 Prozent, insgesamt gut 893 000 Jungen und Mädchen. Das legt den Schluss nahe, dass auf die Schule große Aufgaben bei der Integration zukommen, weil mehr und mehr Kinder in die Klassen wechseln, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Es hat auch Vorteile, zweisprachig aufzuwachsen

Bei einem Großteil dieser kleineren Kinder sind die Eltern selbst noch nicht lange im Land. Die meisten sind erst nach 2007 nach Deutschland gekommen. "Wer in ein fremdes Land einwandert, tut das häufig vor der Familiengründung", sagt Wido Geis-Thöne, Autor der IW-Studie. Dass gerade bei jüngeren Kindern seltener zu Hause Deutsch gesprochen werde, sei daher zunächst nicht überraschend; oft wechselten die Familie aber mit der Zeit stärker ins Deutsche. Das zeigt sich daran, dass ein Migrationshintergrund allein noch nicht bedeutet, dass zu Hause kein Deutsch gesprochen würde: Bei der Hälfte aller Minderjährigen mit Zuwanderungsgeschichte ist Deutsch die Hauptverständigungssprache innerhalb ihrer Familie.

"Wer zu Hause viel in einer Fremdsprache spricht, muss nicht per se deswegen einen Bildungsnachteil haben", sagt Geis-Thöne. Kinder können sogar Vorteile davon haben, zweisprachig aufzuwachsen. Schwierig werde die Situation vielmehr dadurch, dass ihre Mütter und Väter oft eher niedrige Bildungsabschlüsse haben. Bei gut 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus fremdsprachigen Haushalten haben die Eltern keinen Berufsabschluss. Bei Kindern und Jugendlichen ohne jeden Migrationshintergrund sind es dagegen nur 6 Prozent.

Das erklärt auch, warum so viele sich in der Schule schwertun und viel seltener den direkten Weg zum Abitur einschlagen. Gerade einmal 23 Prozent der Kinder aus fremdsprachigen Haushalten gehen aufs Gymnasium, aber 38 Prozent ihrer deutschstämmigen Altersgenossen - ein Unterschied von rund 15 Prozentpunkten. Vergleicht man allerdings nur Kinder miteinander, deren Eltern ähnliche Bildungsabschlüsse haben, schrumpft die Kluft auf nur noch 4,4 Prozentpunkte zusammen. Nicht die Sprache, die zu Hause am meisten gesprochen wird, ist also das Hindernis - sondern vor allem, dass die Mütter und Väter ihren Nachwuchs oft nicht gut genug beim Lernen unterstützen können. Für IW-Forscher Geis-Thöne folgt daraus, dass man gerade bei dieser Gruppe noch mehr für frühe Förderangebote werben muss. "Da sollten die Jugendämter gezielt auf die Familien zugehen und ihnen vermitteln, wie wichtig es ist, dass ihr Kind zum Beispiel in die Kita oder den Kindergarten geht", sagt er. "Wer bei der Einschulung noch nicht richtig Deutsch kann, ist leider sehr schnell abgehängt."

© SZ
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