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Zuwanderung:Fachkräfte und Eisenbieger

Fachkräfteanwerbung der Deutschen in Belgrad, Serbien

Pflegekräfte aus Serbien beim Deutschkurs.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Der Zuzug von Arbeitskräften aus dem Westbalkan soll sinken - daran gibt es Kritik.

Von Nina von Hardenberg

Die Entscheidung des Bundeskabinetts, den Zuzug von Arbeitskräften vom westlichen Balkan einzuschränken, ist bei Opposition und Wissenschaft auf Kritik gestoßen. Die Integration der über die sogenannte Westbalkanregelung gekommenen Personen sei "eine der großen Erfolgsgeschichten, die wir bei der Arbeitsmarktintegration von Migranten und Migrantinnen beobachten können", sagte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der den Zuzug aus dem Westbalkan in einer Studie untersucht hat. 55,8 Prozent der Arbeitskräfte seien auf dem Niveau von Fachkräften oder höher beschäftigt - und das obwohl ihre Einreise nicht an ein bestimmtes Qualifikationsniveau gebunden sei. "Die von Hubertus Heil beabsichtigte zahlenmäßige Begrenzung ist völlig ohne Sinn und schadet unseren wirtschaftlichen Interessen immens", sagte auch der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, Pascal Kober. Es wäre ein herber Rückschlag für die Pflege, das Baugewerbe und die Gastronomie.

Das Bundeskabinett hatte am Mittwoch entschieden, die sogenannte Westbalkanregelung um drei Jahre zu verlängern. Über sie können auch ungelernte Menschen aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien einreisen, wenn sie hierzulande einen Job nachweisen können. Dieses Schlupfloch in den deutschen Arbeitsmarkt war eingeführt worden, nachdem die Union die sechs Länder der Region als "sichere Herkunftsstaaten" einstufen wollte, um die Asyl-Zuwanderung zu reduzieren. Im Gegenzug setzte die SPD den legalen Zuwanderungsweg durch, über den 2019 etwa 27 000 Arbeitskräfte kamen.

Künftig sollen es nach dem Willen der Koalition allerdings nur noch höchstens 25 000 Menschen sein. Darauf hatte angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit vor allem die Union bestanden. Migrations-Experte Brücker sieht das kritisch: Die Arbeitsverhältnisse der Migranten seien extrem stabil. Im Vergleich zu Einwanderungsgruppen etwa aus den ost- und mitteleuropäischen EU-Staaten seien sie seltener arbeitslos und auf Sozialtransfers angewiesen, was auch daran liegen dürfte, dass ihre Visa an den Job geknüpft sind.

Vertreter der Wirtschaft zeigten sich erleichtert, dass dieser unbürokratische Weg überhaupt erhalten bleiben soll. "Die Verlängerung der Westbalkanregelung ist ein wichtiges Signal für die Bauunternehmen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Felix Pakleppa. Die Branche sei auf diese Arbeitskräfte, die keine Chance auf ein Fachkräftevisum haben, angewiesen. Sie übernähmen einfache Tätigkeiten wie das Eisenbiegen, die von Deutschen kaum noch ausgeführt würden. Ähnlich sieht das selbst das Corona-gebeutelte Gastrogewerbe. Zwar seien derzeit Hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet und man werde sich daher wohl kaum um Zuwanderung bemühen. Das ändere aber nichts daran, dass die Regel, über die viele dringend gesuchte Mitarbeiter kamen, "richtig und für die Branche mittelfristig auch wichtig sei", sagte Sandra Warden vom Dehoga Bundesverband.

© SZ vom 28.08.2020
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