Es war schon hell, als sich Brahim B. am Neujahrsmorgen in Magdeburg auf den Nachhauseweg machte. Er hatte als DJ in einem Club und in einem Restaurant aufgelegt, so erzählt es der 31-Jährige zwei Tage später. An der Straßenbahnstation Neustadt habe sich ihm dann eine Gruppe – sechs Männer, eine Frau – genähert. Sie hätten ihn beleidigt, er solle zurück in seine Heimat. Einer der Männer habe ihn an der Jacke gepackt, ihm ins Gesicht gespuckt und zugeschlagen. Brahim B. sagt, er habe sich gewehrt und es sei zu einer Schlägerei gekommen. Er sei hingefallen, die Angreifer hätten weiter auf ihn eingeschlagen und getreten, bis er sich übergeben habe.
Der SZ liegen Fotos vor, die die Verletzungen zeigen sollen, eine Bescheinigung zur Anzeigenerstattung und der Entlassungsbrief aus dem Krankenhaus. Dort verbrachte Brahim B. eine Nacht. Diagnose: offene Wunden, Prellungen, Gehirnerschütterung.
War der Attentäter womöglich nicht schuldfähig? Das soll ein Gutachten klären
Brahim B. ist nur ein Fall unter vielen. Die Polizei in Magdeburg bestätigt eine Zunahme rassistisch motivierter Gewalt, seitdem am 20. Dezember ein Mann aus Saudi-Arabien in einem Auto über den Weihnachtsmarkt der Stadt gerast war, der offenbar islamfeindlich motiviert war.
Am Montag stieg auch die Zahl der Opfer des Attentats: Eine 52-jährige Frau erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Damit erhöht sich die Zahl der Todesopfer auf sechs. Rund 300 Menschen wurden verletzt. Bei den Ermittlungen rückt nun die Frage der Schuldfähigkeit des mutmaßlichen Täters ins Zentrum. Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg teilte mit, es werde ein Gutachten über eine mögliche psychische Erkrankung des Mannes erstellt.
Erste Polizeiberichte über offenbar rassistisch motivierte Taten gingen bereits Stunden nach dem Attentat ein. Seitdem folgen Meldungen über weitere Vorfälle im Tagesrhythmus: Beleidigungen, Körperverletzungen, Drohungen. Nach einem Bericht der taz soll eine Krankenschwester, die sich im Uniklinikum um die Verletzten des Attentats gekümmert hatte, an Heiligabend nach Schichtende auf der Straße rassistisch beleidigt und geschlagen worden sein. Das Klinikum und die Polizei Magdeburg bestätigen den Vorfall. Bis Jahresende seien außerdem drei weitere Körperverletzungen gegenüber „migrantisch wahrgenommenen Personen“ angezeigt worden, heißt es von der Polizei.
„Die Menschen mit Migrationsgeschichte müssen als Sündenbock herhalten.“
Die Mobile Opferberatung, eine Fachberatungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, hat im Jahr 2023 durchschnittlich eine rassistische oder rechte Gewalttat pro Woche in Magdeburg gezählt. Seit dem Anschlag vom 20. Dezember waren es bis Jahresende zehn, also statistisch eine am Tag. Der erste Vorfall wurde noch am Abend des Anschlags gemeldet: Ein 13-jähriger Junge mit syrischer Familiengeschichte sei von einem Nachbarn im Fahrstuhl rassistisch beleidigt, am Aussteigen gehindert und gewürgt worden. Eine Sprecherin der Opferberatungsstelle spricht von einem „Klima der Ohnmacht und Angst“ unter Menschen mit Migrationshintergrund.
Auch das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt berichtet von zwölf Fällen. „Es wurden vermehrt Anfeindungen, körperliche und verbale Angriffe sowie Sachbeschädigungen gemeldet, die zu großer Verunsicherung geführt haben“, sagt ein Sprecher. Hilfsorganisationen und Opferverbände gehen von einer hohen Dunkelziffer aus – also von Vorfällen, die nicht gemeldet oder zur Anzeige gebracht würden.
Drei Tage nach dem Anschlag war Alice Weidel zu einer Kundgebung nach Magdeburg gereist. Die AfD-Vorsitzende sprach von einem „Islamisten voller Hass“, als bereits klar war, dass der aus Saudi-Arabien stammende mutmaßliche Täter ein Islamkritiker ist. „Abschieben“, riefen Menschen in der Menge von 3500 Zuhörern.
Krzysztof Blau, der Migrationsbeauftragte Magdeburgs, bestätigt die wachsende Aggression in der Stadt. „Die Menschen mit Migrationsgeschichte müssen als Sündenbock dafür herhalten, dass ein Irrer so etwas tut“, sagt er. Vier der sieben Stadtratsfraktionen haben sich am Freitag in einer Erklärung besorgt über die Übergriffe gezeigt. „Magdeburg darf jetzt nicht gespalten werden“, heißt es darin von CDU, SPD, Grünen und der Linken. „Solche Übergriffe sind abscheulich und widersprechen allem, wofür unsere Stadt steht (…). Magdeburg darf nicht von Angst und Hass beherrscht werden.“
„Scheiß Ausländer“, hätten sie geschrien, berichtet Abdallah A.
Von der ausländerfeindlichen Stimmung berichtet auch Abdallah A., der seit zehn Jahren in Magdeburg lebt und heute 18 Jahre alt ist. Er studiert Bauingenieurswesen, nennt die Stadt seine Heimat. Er habe nie Rassismus erlebt. Am 20. Dezember aber, keine vier Stunden nachdem der mutmaßliche Täter in den Weihnachtsmarkt gerast war, widerfuhr Abdallah A. unweit des Tatorts auf dem Weg nach Hause seinen Angaben nach blanke Gewalt. „Da kommen mir sechs Typen entgegen und sagen: ‚Scheiß Ausländer, ihr gehört abgeschoben, wir bringen euch alle um‘“, sagt er. Einer habe ihn geschlagen. A. habe den Angreifer festgehalten, bis die Polizei da war. Im Krankenhaus wurde eine Platzwunde genäht.
Am 28. Dezember wurde eine 41-jährige aus Iran stammende Frau in der Unterführung des Magdeburger Hauptbahnhofs von einem Mann angespuckt und rassistisch beschimpft. Sie hat Anzeige erstattet, ihr Mann und andere Zeugen waren dabei, es gebe Aufnahmen von Überwachungskameras, sagt sie. Die Bundespolizei bestätigte die Schilderung. Trotzdem habe der Fremde gegenüber der Polizei behauptet, sie habe ihn angegriffen.
Unterdessen sind neue Zahlen über rechtsextreme Straftaten in ganz Deutschland aus dem vergangenen Jahr bekannt geworden. Allein bis Ende November verzeichnete die Polizei bundesweit 33 963 Delikte im Bereich „politisch motivierte Kriminalität – rechts“, etwa 5000 mehr als im Vorjahr und damit ein neuer Höchststand. Die Zahlen gehen aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Darüber berichtete zuerst das Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Bei den registrierten Straftaten handelt es sich laut der Nachrichtenagentur epd um 1136 Gewaltdelikte. Den größten Anteil der Straftaten machten Propagandadelikte (21 311) und Volksverhetzungen (5097) aus. Die Polizei verzeichnete außerdem 1942 Sachbeschädigungen. Bei den rechtsextrem motivierten Gewalttaten verzeichnete die Polizei bis Ende November fünf versuchte Tötungsdelikte – eines mehr als im Gesamtjahr 2023. Registriert wurden zudem fast 1000 Körperverletzungen und 17 Brandstiftungen.

