Zum TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten "Obama muss aus seiner Defensivhaltung herauskommen"

Mal ehrlich, Frau Wehling: Ist das nicht frustrierend, dass Argumente und Fakten kaum eine Rolle in der Politik spielen?

Ich habe zunächst auch so gedacht, aber die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bedeuten nicht, dass man in der Politik auf Fakten verzichten soll. Es geht darum, dass politische oder wirtschaftliche Fakten nie ohne Interpretation diskutiert werden. Es ist unrealistisch, politische Sprache komplett frei von Wertemustern zu halten. Wie wollen Sie Mitbürger überzeugen, wenn sie diesen nicht klar machen, auf welcher Wertehaltung Ihre Überzeugung basiert? Ich finde es unaufrichtig und undemokratisch, wenn Politiker keine ehrliche und klare Sprache für ihre Werte nutzen, denn die Wähler sollen ja wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Wenn Sie Obama drei Tipps für die beiden TV-Debatten geben könnten, welche wären dies?

Obama muss aus seiner Defensivhaltung herauskommen. Das ist eine Grundwahrheit der politischen Kommunikation: Wer den Gegner bestimmen lässt, was debattiert wird und dann innerhalb des vom Gegner gesetzten Deutungsrahmen argumentiert, kommt nie gegen dessen Weltsicht an. Außerdem muss Obama seine Werte klarer benennen. Bevor er also über Steuern und Krankenfürsorge spricht, muss er sagen, was die Funktion von Steuern in diesem Land ist und weshalb sich die Amerikaner gemeinschaftlich organisieren sollten, bevor er die richtigen und wichtigen Fakten nennt. Als dritten Punkt würde ich nennen: Er muss sich wieder als Führungsfigur etablieren.

Die Rolle hat ihm Mitt Romney in Denver streitig gemacht.

Das stimmt. Jim Lehrer hat als Moderator die Kontrolle abgegeben und Romney hat sie übernommen. Der Republikaner hat nicht nur Inhalte debattiert, sondern hat auf der Meta-Ebene entschieden, worüber geredet wurde und bestimmt, wer wie lang spricht. Romney hat in einer Situation der Unsicherheit die Führung übernommen, während Obama sehr schwach wirkte. Er hat sich als Staatsmann und Präsident der Vereinigten Staaten nicht bewiesen.

Linktipp: Im Little Blue Blog gibt es weitere Informationen über die Forschung von Elisabeth Wehling und George Lakoff sowie aktuelle Kommentare zum Präsidentschaftswahlkampf 2012.