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Zum TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten:Warum Konservative den strengen Vater mögen

Sie argumentieren viel mit Erkenntnissen der Neurowissenschaft. Wie hoch ist der Anteil in unserem Denken, der durch die Ratio überhaupt gesteuert wird?

Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling forscht als Linguistin an der University of California, Berkeley, über die Bedeutung von Sprache in politischen Debatten. Mit dem Kognitionswissenschaftler George Lakoff hat sie 2012 das "Little Blue Book. The Essential Guide to Thinking and Talking Democratic" veröffentlicht,

(Foto: oH)

Derzeit geht man davon aus, dass 98 Prozent unseres Denkens unbewusst passiert. Mit "unbewusst" ist nicht der Begriff aus der Tiefenpsychologie von Sigmund Freud gemeint, es handelt sich schlicht um neuronale Prozesse. Wann immer eine Person einen Begriff hört oder etwas sieht, läuft eine Vielzahl an neuronalen Prozessen ab, die niemand überschauen kann. Wenn Sie das Wort "Katze" hören, dann fallen Ihnen rational Dinge ein wie "Haustier", "nett" oder "kann man streicheln". Kaum jemand ist sich aber bewusst, dass im Gehirn eine ganze Reihe motorischer Planungen abläuft - da werden prototypische Arm- oder Handbewegungen simuliert. Deswegen ist es insbesondere für Politiker so wichtig, sich darüber bewusst zu sein, was man mit Worten auslöst.

Von außen wirken die USA wie ein extrem polarisiertes Land mit sehr festgefahrenen Meinungen. Lassen sich Amerikaner überhaupt noch überzeugen?

Es stimmt, in den USA gibt es ein ganz konservatives Lager und ein sehr liberales Lager. Und in der Mitte stehen die Wechselwähler. Je nachdem, welcher Kandidat deren Werte stärker anspricht, werden diese entweder nach links oder nach rechts wandern. Es geht darum, in den Köpfen diejenigen Gedankenmuster aufzurufen, die sie mit einem Kandidaten teilen. Wir wissen mittlerweile, dass Eigeninteresse und Fakten weniger Einfluss auf die politischen Entscheidungen haben als bisher angenommen. Es sind die Werte und die eigene Identität, die das Grundgerüst bei der Stimmabgabe bilden.

Welche Rolle spielen Erziehung und Familienbild auf die Weltsicht der Menschen?

Da gibt es bisher vor allem Forschungsergebnisse zur Situation in den USA. Die Konservativen beziehen sich sehr stark auf eine idealisierte Familie mit einem strengen Vater, der klare Regeln setzt. Es ist eine Familie, in der Kinder sich zu guten Menschen entwickeln, weil man es ihnen nicht leicht macht - und weil Bestrafung wichtiger ist als Belohnung. Der Vater hat vor allem die Rolle, seine Familie vor dem Bösen in der Welt zu schützen.

Kommt daher auch das Argument der Republikaner, der Staat dürfe keine Schulden machen, weil eine gute Familie auch nicht über ihre Verhältnisse lebe?

Genau. Im linkspolitischen Spektrum sehen wir dagegen, dass hier Werte einer idealisierten fürsorglichen Familie angenommen werden. Hier reden wir über eine Familie, die durch Empathie und Kooperation gesteuert ist, in der es einen offenen Dialog gibt und Eltern und Kinder einander mit Respekt begegnen. Beide Familienmodelle werden - oft unbewusst - auf die Politik übertragen und strukturieren die allgemeine Wertehaltungen.

Wie lange dauert es, neue Begriffe im öffentlichen Diskurs zu verankern?

Neue Denkformen in eine Debatte einzuführen, ist ein langer Prozess, der nicht über Nacht gelingt. Die Sprache, die in der Öffentlichkeit benutzt wird, beeinflusst, was für den Amerikaner als normal gilt. Allerdings zeigt der erste Wahlkampf von Barack Obama, dass es nicht Jahre dauern muss, etwas zu ändern. Obama hat es 2008 in kurzer Zeit geschafft, den Bürgern nahe zu bringen, auf Basis des Ein- und Mitfühlens zu handeln. Viele Amerikaner leben in ihrem Dorf, in ihrer Kirchengemeinde oder ihrem Stadtviertel im Sinne progressive Werte, doch es wurde ihnen selten angeboten, diese Werte auf die Nation zu übertragen. Obama hat das gemacht und konnte den Wählern so relativ schnell deutlich machen, wo er moralisch herkommt und was er vorhat.

Lässt sich mit der Moral erklären, weshalb Romneys Bemerkung, 47 Prozent der Amerikaner würden sich als Opfer sehen, kaum Änderung in den Umfragen gebracht hat?

Als das Video veröffentlicht wurde, hat es auch in den US-Medien einen kurzen Aufschrei der Empörung gegeben. Ich habe es stets für eine Fehleinschätzung gehalten, als Experten sagten, nun hätten die Demokraten den Wahlsieg in der Tasche. In der Politik funktioniert eines besonders gut und das ist Authentizität. Wenn jemand als Volksvertreter antritt und besonders authentisch wirkt, dann kann der Wähler davon ausgehen, dass die Werte, über die er spricht, auch sein Handeln prägen werden. Romney, der als Flip-flopper gilt, hat sich also einen großen Authentizitätsbonus erkauft, denn die Programme, die er vorschlägt, sind nicht weit entfernt von dem, was er hinter verschlossenen Türen gesagt hat .

US-Wahlkampf

Wenn Schweißperlen die Wahl entscheiden

Aber mit seiner Aussage hat er doch fast jeden zweiten Mitbürger beleidigt.

Das sehen die Europäer so. Die Äußerungen gefallen aber vielen Amerikanern, die genauso denken wie Romney. Leute aus jeder Bildungs- und Einkommensschicht sind überzeugt, dass jeder Amerikaner für sich selbst verantwortlich ist und die Faulen nicht genug Anreiz haben, Stärke zu entwickeln. Sie denken, dass sich die Regierung den Faulen mit Sozialprogrammen in den Weg stellt und sie so schwach hält. Die Idee von der Regierung als Feind des Individuums ist sehr verbreitet. Viele ärmere Leute stimmen für die Republikaner, weil sie deren Moral teilen, dabei würden sie womöglich von höheren Steuersätzen für Reiche profitieren. Ich glaube, dass Romneys 47-Prozent-Aussage ihm mehr Wähler zuspielt als dass sie potentielle Wähler abschreckt.