Zum Tod von Uri Avnery Wanderer zwischen den Welten

Uri Avnery 2002 in Oldenburg.

(Foto: dpa)

Uri Avnery hat die Grenzen überschritten vom Beobachter zum Aktivisten, vom Journalisten zum Politiker. Nun ist der israelische Träger des Alternativen Nobelpreises im Alter von 94 Jahren gestorben.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Wer ihn besuchte, dem fiel sofort ein riesiger Blumenstrauß auf mitten in seiner Wohnung in der Ruppinstraße in Tel Aviv. Und gleich daneben, an das Buchregal gelehnt, ein Porträtfoto seiner 2011 verstorbenen Frau Rachel. Dass er ihr in den 58 Jahren des gemeinsamen Lebens zu selten Blumen geschenkt hat, das hat er bedauert. "Sonst eigentlich nichts", sagte Avnery mit seinem unverwechselbaren Lachen, das mehr einem Kichern glich.

Uri Avnery hat wenig ausgelassen in seinem Leben, hat die Grenzen überschritten vom Beobachter zum Aktivisten, vom Journalisten zum Politiker. Er war zehn Jahre alt und hieß Helmut Ostermann, als seine Eltern 1933 mit ihm aus Hannover nach Palästina flohen. Als 15-Jähriger schloss er sich der Untergrundorganisation Irgun an, die hinter dem Anschlag auf die britische Mandatsmacht im Jerusalemer King-David-Hotel steckte, und nahm mit 19 den Namen Uri Avnery an.

Avnery sei von "ziemlich weit rechts nach ziemlich weit links" gewandert

Im Krieg, dem die Staatsgründung Israels 1948 folgte, kämpfte er in der Armee, er wurde schwer verwundet. Sein Kriegstagebuch "In den Feldern der Philister" wurde sein erster Bestseller und Avnery vollzog das, was er lachend "Wandlung vom Saulus zum Paulus" nannte.

Der überzeugte Zionist, der für einen eigenen Staat auch Attentate für gerechtfertigt hielt, wurde zum Advokaten einer Zweistaatenlösung mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt. Er sei von "ziemlich weit rechts nach ziemlich weit links" gewandert, beschrieb er seinen Wandlungsprozess. Mehr als 40 Jahre lang war er der Chefredakteur des legendären liberalen Wochenmagazins HaOlam HaZeh mit dem Slogan "Ohne Angst, ohne Vorurteil".

Avnery war ein Wanderer zwischen den Welten. Zwischen 1965 und 1981 saß er drei Legislaturperioden in der Knesset als Abgeordneter kleiner, nicht mehr existierender linker Parteien. Seine Website ziert ein Foto, das ihn im Gespräch mit Jassir Arafat zeigt. Im Juli 1982 überquerte er mitten im Libanonkrieg die Front und traf sich als erster Israeli mit Arafat in Beirut. Schon 1974 hatte er erste, geheime Kontakte zur PLO-Führung.

Für viele Israelis war er ein Verräter und Feind Israels

Sein Vertrauen in Arafat, der für viele Israelis vor allem ein Terrorist und kein Friedensaktivist gewesen ist, wurde ihm oft vorgeworfen. Seine Antwort: "Es ist nur eine Frage der Perspektive, ob man jemanden als Freiheitskämpfer oder als Terrorist sieht." Während der zweiten Intifada 2003 stellte sich im Präsidentenpalast in Ramallah der Israeli Avnery für den Palästinenser Arafat als menschliches Schutzschild zur Verfügung, um ihn vor israelischen Angriffen zu schützen. Er selbst wurde mehrfach bei tätlichen Angriffen auf ihn verletzt, für viele Israelis war er ein Verräter und Feind Israels. Er selbst bezeichnete es als antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden darf.

"Kritik-Verbot an Israel ist antisemitisch"

Der israelische Autor Uri Avnery nimmt Günter Grass in Schutz: Es sei antisemitisch darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden dürfe. Das Einreiseverbot für Grass in Israel empört derweil viele deutsche Politiker - dennoch will die SPD künftig auf seine Hilfe im Wahlkampf verzichten. mehr ...

Avnery bezog seine vielen Perspektivwechsel ein in sein Wirken als Publizist und Aktivist. Anfang der neunziger Jahre gründete er die Friedensinitiative Gush Schalom (Friedensblock), weil der damalige Ministerpräsident Jitzhak Rabin seiner Ansicht nach zu wenig Anstrengungen für eine Friedenslösung mit den Palästinensern unternahm. Wie so oft bei Ereignissen, die sich später als historisch herausgestellt haben, war er dabei, als Rabin 1995 ermordet wurde.

Er war auch 1961 in all den Wochen beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem als Beobachter anwesend wie Hannah Arendt. "Es war kein Eichmann-Prozess, es war ein Holocaust-Prozess. Israel hat das inszeniert, um das Publikum in Israel aufzuklären, was Staat für Staat, Land für Land passiert ist."

Avnery war auch mit 94 Jahren noch bis ins Detail über politische Vorgänge informiert

Die Stimmung im Lande habe sich verschoben: "Das gilt bis heute: Der Holocaust ist der Kern des israelischen Bewusstseins und hat Einfluss auf das, was Israel tut. Mich hat immer interessiert, wie ist Hitler an die Macht gekommen. Kann es überall passieren? Auch bei uns in Israel? Wenn die Umstände ähnlich sind, kann es überall passieren."

Avnery, und das ist sehr typisch für ihn, konnte Brücken von der Vergangenheit zur Gegenwart schlagen. Er war selbst mit 94 Jahren noch bis ins kleinste Detail über alle politischen Vorgänge informiert. Über die jüngsten Entscheidungen der neuen italienischen Regierung wusste er genauso Bescheid wie über Donald Trump. Dass es in Israel fast keine Kritik am Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem gab, erklärte er so: "Es war eine emotionale Begeisterung wie beim Einmarsch der Deutschen ins Sudentenland während des Dritten Reichs. Das ist auch ein Ergebnis der Gehirnwäsche in Israel."