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Zum Tod von Roman Herzog:Mahner mit Humor

Roman Herzog legte eine außergewöhnliche Mehrfach-Karriere hin. Er war Wissenschaftler, Politiker, Verfassungsgerichtspräsident, europäischer Staatsmann - und Erfinder der "Geißeltierchen-Methode".

Er werde spätestens zum Ende seiner Sechzigerjahre an einem Gehirnschlag sterben - das hatte Gerichtspräsident, Professor und Politiker Roman Herzog immer wieder beiläufig gesagt. Und fast hätte sich diese persönliche Prophezeiung erfüllt. Nur knapp überlebte der Altbundespräsident im Juni 2000 einen Herzinfarkt - kurz nach dem Tod seiner Jugendliebe und langjährigen Ehefrau Christiane, die von 1994 bis 1999 als First Lady an der Seite des siebten Bundespräsidenten stand.

Doch es kam anders. Der in Landshut geborene Niederbayer gab sich gewissermaßen das, was er im Juli 1997 in seiner berühmtesten Rede dem deutschen Volk verordnet hatte: einen Ruck. Herzog begann ein neues Leben mit der langjährigen Freundin seiner Frau, der gleichfalls verwitweten Alexandra von Berlichingen. Das Paar heiratete im Juni 2001, Herzog folgte ihr auf das Schloss Götzenburg im baden-württembergischen Jagsthausen und korrigierte seinen Lebensstil. Der bis dahin eher korpulente, an seiner Erscheinung wenig interessierte Herzog achtete als infarktgeschädigter Schlossherr auf Gewicht und Ernährung, Bewegung und Entspannung.

Mahner mit Humor

Und Herzog mischte sich auch im Ruhestand gewohnt meinungsstark in das politische Leben ein. Er warnte 2008 vor einer "Rentnerdemokratie", in der die Alten über das Schicksal der Jungen bestimmen; er kritisierte eine regulierungswütige und zerfallende Europäische Union sowie deren Gerichtshof in Luxemburg; er unterschrieb nach der Krim-Krise im Jahr 2014 mit 60 anderen Prominenten den Appell "Wieder Krieg in Europa?"; und er machte 2016 den herrschenden Politikstil für Politikverdrossenheit verantwortlich.

Wer sich an der Liste von Herzogs Warnungen und Mahnungen orientiert, mag einen grimmigen Mann vor sich sehen. Nichts falscher als das: Herzog war für seinen trockenen Humor in fast jeder Lebenslage berühmt. Kaum eine Rede, kaum eine Gerichtsverhandlung ging ohne Heiterkeit zu Ende.

Bei einer Feier des Verfassungsgerichts zu seinem 80. Geburtstag im Oktober 2014 löste Herzog auch das mit ihm stets verbundene Rätsel, ob seine viel gerühmte Gelassenheit und Offenheit mehr auf bajuwarischer Liberalität oder auf Desinteresse an bestimmten Themen beruhe. Er habe ja auch zwei, drei Preise für Toleranz bekommen, sagte Herzog. Er wisse aber gar nicht, ob er diese verdient habe, denn die Wahrheit sei: "Das meiste ist mir egal!". Aber natürlich war ihm vieles nicht "wurscht" (eines seiner Lieblingswörter), sonst hätte er nicht eine Mehrfach-Karriere als Politiker, Wissenschaftler, Verfassungsrichter und Autor hingelegt.

Karriere mit der "Geißeltierchen-Methode"

Der Sohn eines Archivars hatte sich nach dem Studium in München mit Anfang 30 einen Namen in der Wissenschaft gemacht, als dritter Mann des Standardkommentars zum Grundgesetz, des "Maunz/Dürig". Als junger Professor ging er zunächst nach Berlin, wechselte dann aber an die Verwaltungshochschule Speyer. Seine zupackende, lässige und stets unausgelastete Intelligenz machte ihn offen für gestaltende Aufgaben außerhalb der Hochschule. Herzog trat 1970 in die CDU ein und folgte fortan der von ihm erfundenen "Geißeltierchen-Methode": Warten wie ein Geißeltierchen im Wasser, bis etwas Passendes vorbeischwimmt.

Solche Gelegenheiten boten sich reichlich. Der junge Helmut Kohl, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, entdeckte Herzog im Jahr 1973 für die Politik und schickte ihn als Staatssekretär nach Bonn. Im Mai 1978 wurde er Kultusminister in Baden-Württemberg, zwei Jahre später Innenminister. Es folgte die Wahl zum Bundesverfassungsrichter. 1987 wurde Herzog dann Präsident des höchsten deutschen Gerichts. In diesem Amt, in dem Herzog als Repräsentant, Moderator und liberaler Richter brillierte, wollte er die letzten acht Jahre seines aktiven Berufslebens verbringen.

Herzog war gerade 60, als seine "Geißeltierchen-Methode" eine völlig neue Option eröffnete: Nach dem Scheitern eines von der Union zunächst favorisierten Politikers galt plötzlich Herzog als Kandidat für die Nachfolge von Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er sagte zu und gewann am 23. Mai 1994 im dritten Wahlgang (gegen seinen Nachfolger Johannes Rau von der SPD). In einer spontanen Dankesrede sprach Herzog davon, er wolle ein "unverkrampftes" Deutschland repräsentieren. Unverkrampft? Wollte da einer, raunten manche, die nationalsozialistischen Gräueljahre kleinreden?

Blick in eine europäische Zukunft

Nichts lag dem geschichtsbewussten Herzog ferner. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt sorgte er für fast ähnliches Aufsehen wie Willy Brandt im Jahr 1972 mit seinem legendären Kniefall. Herzog bat beim Gedenken am Mahnmal des Warschauer Aufstands im Jahr 1944 um "Vergebung". Auch in Auschwitz entschied er sich für ein dem Ort adäquates Auftreten eines Bundespräsidenten - er schwieg. Später machte er den Tag der Befreiung von Auschwitz, den 27. Januar, zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Bei weiteren Gedenktagen zum 50 Jahre zurückliegenden Kriegsende gelang es Herzog, den beschämten Blick in die Vergangenheit mit dem in eine europäische Zukunft zu verbinden. Dieses Ineinander von geschichtlicher Tiefe und visionärer Utopie erwies sich als ein Kennzeichen von Herzogs Zeit unter den Großen der Welt.

Das Thema Europa blieb auch immer wieder Gegenstand seiner lebensbegleitenden Leidenschaft für das Schreiben. In zwei Werken schrieb Herzog sogar über sich: in seinen Memoiren (2007) und im Grundgesetz-Kommentar "Maunz/Dürig" - über die Rolle des Bundespräsidenten.