Zum Tod von Putin-Kritiker Nemzow Einer von zu vielen

Trauer in Moskau: Der Putin-Kritiker Boris Nemzow wurde erschossen.

(Foto: AFP)

Der russische Oppositionelle Boris Nemzow wurde in Moskau unweit des Kreml erschossen. Kurz vor seinem Tod hat er in einem Interview das Ende des Ukraine-Kriegs gefordert. Er ist einer von vielen Putin-Kritikern, die ihr Engagement mit dem Leben bezahlen.

Von Hannah Beitzer

2006: Anna Politkowskaja. 2009: Sergej Magnitski. Natalja Estemirowa. Stanislaw Markelow. Anastassija Baburowa. Und nun, 2015: Boris Nemzow. Sie alle waren Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Journalisten, Oppositionspolitiker, Anwälte. Sie alle sind tot, ermordet in Russland. Und sie sind nur die bekanntesten Namen in einer langen, traurigen Liste.

Nemzow wurde 55 Jahre alt. Sein Tod ist das jüngste Beispiel, dass in Russland gefährlich lebt, wer die Regierung kritisiert. Freitagabend erschossen ihn Unbekannte auf der Straße, unweit des Kreml, mitten in Moskau. Kurz vor seinem Tod hat er dem kremlkritischen Radiosender Echo Moskau noch ein Interview gegeben, in dem er unter anderem den Krieg Putins in der Ukraine scharf kritisierte.

Nemzow rief darin zu einem "Anti-Krisen-Marsch" am Sonntag auf, forderte Veränderungen in Russland. Er verurteilte die "verrückte, aggressive und tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine", die seiner Meinung für die schwere Wirtschaftskrise verantwortlich ist, unter der Russland gerade leidet. "Wenn sich die Macht in den Händen einer Person konzentriert, dann führt das in die Katastrophe", sagte er.

Nemzow galt als möglicher Nachfolger Jelzins

Der 1959 in Sotschi geborene Nemzow gehört zu den bekanntesten Oppositionellen Russlands, in die Politik kam er über die russische Umweltbewegung der Achtzigerjahre, die sich nach der Katastrophe von Tschernobyl formiert hatte. Er wurde Anfang der Neunzigerjahre Gouverneur der Provinz Nischni Nowgorod, trieb dort marktwirtschaftliche Reformen voran und unterstützte den Privatisierungs-Kurs des damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Er stieg so bis zum Vize-Premier Russlands auf, galt mit nicht einmal 40 Jahren schon als potenzieller Nachfolger des Präsidenten, trat jedoch 1998 nach dramatischen Kurseinbrüchen an der Moskauer Börse zurück. Dennoch schaffte er es mit einer neu gegründeten liberalen Partei in die Staatsduma, das russische Parlament. Nemzow wurde einer der stellvertretenden Sprecher der Duma.

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Zehntausende wollen für Boris Nemzow auf die Straße gehen, in Moskau ist eine Trauerkundgebung für den getöteten Kremlkritiker genehmigt worden. Das russische Fernsehen zeigt ein Überwachungsvideo vom Tatort.

Er geriet dann aber schnell in Opposition zu Wladimir Putin, der 2000 das Präsidentenamt von Jelzin übernahm. Nemzow kritisierte unter anderem dessen Vorgehen nach dem Untergang des U-Bootes Kursk im Jahr 2000. Er warnte vor den autoritären Tendenzen Putins, die schnell offenbar wurden. 2003 verlor er sein Mandat in der Duma, 2004 unterstützte er die Orangene Revolution in der Ukraine. "Das System Putin ist ein riesiger, mit einer hauchdünnen Schicht Blattgold überzogener Haufen Scheiße", sagte er einmal in einem Interview.

Nemzow engagierte sich die ganzen Nullerjahre über in diversen liberalen Oppositionsbewegungen, die jedoch wenig politischen Erfolg hatten. Sein Ansehen in der russischen Bevölkerung war gering, Negativ-Kampagnen der staatstreuen Medien taten ihr übriges. Viele Russen stehen den ehemaligen Weggefährten Boris Jelzins kritisch gegenüber, sie machen sie für den ungezügelten Raubtier-Kapitalismus und die Krisen der Neunzigerjahre verantwortlich, in denen einige wenige Russen zu spektakulärem Reichtum kamen, während die Bevölkerung litt.

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Kaltblütig, niederträchtig und abscheulich: Weltweit reagieren Politiker bestürzt über die Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow. US-Präsident Obama und Kanzlerin Merkel fordern eine lückenlose Aufklärung der Tat. Gorbatschow warnt vor einer Destabilisierung Russlands.

An die Spitze der russischen Opposition setzten sich deswegen bald jüngere Putin-Kritiker, die von den Wirrungen der Neunzigerjahre unbelastet waren. Zum Gesicht der Proteste gegen Wladimir Putins erneute Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2012 wurde der Anti-Korruptions-Blogger Alexej Nawalny. Er ist 2013 und 2014 in umstrittenen Prozessen verurteilt worden und büßt derzeit eine Bewährungsstrafe ab.

Der Anti-Krisen-Marsch wird zum Trauermarsch

Doch obwohl Nemzow seine einstige Bedeutung eingebüßt hatte, sitzt der Schock über seine Ermordung tief in Russlands Opposition. "Anstelle eines Maidan in Moskau haben wir nun Donezk", schreibt etwa die oppositionelle russische Zeitung Nowaja Gaseta über Nemzows Tod - in Anspielung auf die harsche Kritik an Russlands Ukraine-Krieg, die Nemzow zuletzt übte.

Bereits nachts legten Menschen Blumen nieder an der Stelle, an der Nemzow erschossen wurde. "Wir haben ihn geliebt", schreibt etwa Kremlkritiker Michail Chodorkowski auf Twitter. "Er war ein verwegener, aber sehr guter Kerl." Eine der bekanntesten russischen Menschenrechtlerinnen, die 87-jährige Ludmila Alexejewa sagte der Nowaja Gaseta: "Er hat sich still und aufrichtig den Glauben an sich selbst und an die eigenen Überzeugungen bewahrt."

Präsident Wladimir Putin sprach der Familie Nemzows sein Beileid aus und bezeichnete die Tat als "ungeheure Provokation" - eine Äußerung, die in der Opposition viel Unmut hervorrief. Für viele deutet sie in die Richtung, dass die russische Regierung anti-russische Kräfte für die Tat verantwortlich machen wird, die Russland destabilisieren wollen. Dabei sitzen die Verantwortlichen nach Meinung der Anhänger Nemzows im Kreml.

Der Anti-Krisen-Marsch am morgigen Sonntag, zu dem Nemzow kurz vor seinem Tod aufrief, soll nun zu einem Trauermarsch für den ermordeten Oppositionellen werden. Zu einem Trauermarsch für einen von vielen, denen in Russland ihre abweichende politsche Meinung zum Verhängnis wurde.