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Zum Tod von Otto von Habsburg:Herrschergestalt in einem diffusen Europa

Der Austrofaschismus ging großzügiger als die Republik mit dem Hause Habsburg um: Man setzte die Habsburgergesetze aus, erstattete privates Vermögen zurück und erwog zeitweilig sogar die Einführung einer konstitutionellen Monarchie unter Ottos Krone, um erbitterte innergesellschaftliche Feindschaften in Österreichs Gesellschaft auszugleichen.

Unmittelbar bevor 1938 Österreichs Klerikalfaschisten vor dem Drittem Reich einknickten, gab es von anderer Seite den Plan, Otto von Habsburg zum Bundeskanzler in Wien zu machen. Hintergrund war die Hoffnung, der Diktator Adolf Hitler werde sich aus Respekt vor der Dynastie vom Einmarsch abbringen lassen. Doch die Ereignisse überstürzten sich. Habsburg, der die meiste Zeit in der Schweiz lebte und in anderen europäischen Ländern rastlos unterwegs war, ging in die USA. Bis zuletzt nahm er für sich in Anspruch, dass es seinem persönlichen Einfluss in Washington zu danken sei, dass Österreich bei den Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs durch alliierte Verbände weit glimpflicher davongekommen ist als Deutschland.

Otto, der sich bis zum Ende seiner Tage gerne als "Kaiserliche Hoheit" titulieren ließ, bezeichnete sich selbst wegen der ursprünglichen Abkunft der Habsburger aus dem Aargau halbironisch als "Auslandschweizer". Noch 2008 sorgte er bei den Feierlichkeiten aus Anlass von 70 Jahren Okkupation durch Nazideutschland für einen veritablen Skandal, als er Österreichs alte Ausrede als "erstes Opfer Hitlers" neu vertrat, ohne dass ihm jemand aus der ihm huldigenden Österreichischen Volkspartei widersprochen hätte.

So engagiert Habsburg im Europaparlament war, so deutlich ließ er ein Leben lang spüren, dass er sich niemals zum waschechten Demokraten gewandelt hat. Auch konnte er einen gewissen tradierten Gefühlsrassismus nicht wirklich verbergen. So beschrieb er zu seinem 90. Geburtstag in einem Interview mit der rechtsradikalen Wochenschrift Zur Zeit die US-amerikanische Administration so: Es gebe zu wenig weiße Protestanten, das Verteidigungsministerium in Washington, das seien "die Juden", und das Außenministerium "die Schwarzen".

Habsburgs vehementes Eintreten für verfolgte Bürger Mittel- und Osteuropas unter dem Sowjetimperium war nicht nur seinem erbitterten Antikommunismus, sondern auch humanistischen Grundüberzeugungen geschuldet. Seine Paneuropa-Union hatte schon lange als eher harmlos erscheinende Institution Fäden in den Sowjetblock gesponnen und manchen Dissidenten und Verfolgten helfen können. Das berühmte "Paneuropäische Picknick", das 1989 zur ersten Massenflucht von DDR-Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze führte, war von der Paneuropa-Union angeregt worden, allerdings ohne seine direkte Beteiligung.

Otto von Habsburg, der als Kind noch im Rahmen des spanischen Hofzeremoniells zu "seiner apostolischen Majestät", also einer dezidiert katholischen Herrschergestalt, erzogen werden sollte, hinterlässt sieben Kinder, 22 Enkel und zwei Urenkel. Im Grunde hat er sich bis zuletzt als Thronprätendenten eines diffusen Europa begriffen, das mit einem Erb- oder Wahlkaiser an der Spitze vor den Bürgern besser dastünde als mit seinen jetzigen Institutionen.

© sueddeutsche.de/hai

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