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Zum Tod von Otto von Habsburg:Seine kaiserliche Hoheit Otto, der Letzte

Ganze Kohorten von Monarchisten und Adelsfanatikern hingen ihm bis zum Ende an: Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, ist gestorben. Er galt als leidenschaftler Europäer, trat vehement für verfolgte Bürger Mittel- und Osteuropas unter dem Sowjetimperium ein - doch zum waschechten Demokraten hat er sich nie gewandelt.

Michael Frank

Otto von Habsburg war schon eine ganze Zeit, lange bevor er am Montag im Alter von 98 Jahren in Pöcking am Starnberger See "friedlich eingeschlafen" ist, der verkörperte Nachhall einer ganz anderen Welt. Mit dem alten Aristokraten, so wird es manch Nachruf intonieren, gehe eine Epoche endgültig zu Ende. Das ist falsch: Die Epochen, die Habsburg, der älteste Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, repräsentierte, sind schon lange Geschichte.

Otto von Habsburg tot

Otto von Habsburg in seinem Haus im oberbayerischen Pöcking: Der älteste Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, ist tot.

(Foto: dpa)

Er, der weltläufige Spross des Hauses Habsburg-Lothringen, dem ganze Kohorten von Monarchisten und Adelsfanatikern in gerührter Ergebenheit bis zum Ende anhingen, hat alles, für das er stand, weit überlebt. Mit einer Ausnahme: das vereinte Europa. Das war die glänzende Obsession des Erben der jahrhundertelang mächtigsten Dynastie des Kontinents. Zwar stellte er sich das anders vor als die Staatengemeinschaft der Europäischen Union. Aber entmutigen ließ er sich nie bei dem Gedanken, dass seine Vorstellungen vom Selbstbestimmungsrecht der Völker sich in einem geeinten Kontinent am besten sichern ließe. Auch nicht Probleme und verbreiteter Defätismus der letzten Jahre dem Europagedanken gegenüber konnten ihn beirren.

Otto von Habsburg wurde 1912 in Reichenau an der Rax geboren. Von vornherein unterlag er den strengen Riten, die ihn zum dereinstigen Thronerben machen sollten. Der Urgroßonkel Franz Josef I. hatte ja seinen Sohn Rudolf durch Suizid und seinen Neffen, Thronfolger Franz Ferdinand, durch das Attentat von Sarajewo verloren. So lief die Erbfolge über Franz Josefs Großneffen Karl von Habsburg-Lothringen direkt auf Otto zu. Er selbst beschrieb als prägende frühkindliche Erinnerung den funebren Pomp beim Staatsbegräbnis für den alten Kaiser Franz Josef im Jahr 1916.

Vater Karl I., als Frömmler verschrien und indessen von Rom seliggesprochen, regierte nur zwei Jahre. Nach dem Ende des verlorenen Ersten Weltkrieges, nach dem Untergang des Imperiums und dem Exil des Vaters wurde Otto zwangsläufig ein polyglotter Mensch: Die Habsburgergesetze verboten es der engeren Familie, nach Österreich zurückzukehren oder nur einzureisen, sofern sie nicht auf den Thron und auf alle Ansprüche an Macht und Besitz feierlich verzichteten. Habsburg fand sich dazu gleichsam als Thronprätendent erst 1961 bereit, was ihm endlich die Rückkehr nach Österreich erlaubte. Dem waren wilde Auseinandersetzungen innerhalb der österreichischen Parteienlandschaft vorausgegangen. Habsburg selbst tendierte immer zum Lager der Christsozialen.

Dass Otto von Habsburg - anders als sein eigenen Söhne Karl und Georg - bis zum Ende seiner Tage ein "von" tragen konnte, lag an einem für manche Österreicher und Monarchisten unverzeihlichen Schritt: Er wurde deutscher Staatsbürger, wo Adelsattribute in den bürgerlichen Namen übernommen wurden, während sie in Österreich von der Republik verboten worden sind.

Habsburg saß Jahrzehnte für die bayerische CSU im Europaparlament. Man hielt ihn für prädestiniert, da er schon als junger Mann in den zwanziger Jahren am Aufbau der Paneuropa-Union beteiligt war, deren Ehrenpräsident er bis zu seinem Tode blieb. Habsburg hing der Obsession an, die alte Donaumonarchie sei Vorbild und Modellfall für die Europäische Union gewesen. Eine in Österreich heute noch verbreitete Ansicht, die verdrängt, dass die anderen Völker das Imperium eher als Kolonialstaat empfanden, nur dass der Herr nicht in Übersee, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft saß.

Herrschergestalt in einem diffusen Europa

Der Austrofaschismus ging großzügiger als die Republik mit dem Hause Habsburg um: Man setzte die Habsburgergesetze aus, erstattete privates Vermögen zurück und erwog zeitweilig sogar die Einführung einer konstitutionellen Monarchie unter Ottos Krone, um erbitterte innergesellschaftliche Feindschaften in Österreichs Gesellschaft auszugleichen.

Unmittelbar bevor 1938 Österreichs Klerikalfaschisten vor dem Drittem Reich einknickten, gab es von anderer Seite den Plan, Otto von Habsburg zum Bundeskanzler in Wien zu machen. Hintergrund war die Hoffnung, der Diktator Adolf Hitler werde sich aus Respekt vor der Dynastie vom Einmarsch abbringen lassen. Doch die Ereignisse überstürzten sich. Habsburg, der die meiste Zeit in der Schweiz lebte und in anderen europäischen Ländern rastlos unterwegs war, ging in die USA. Bis zuletzt nahm er für sich in Anspruch, dass es seinem persönlichen Einfluss in Washington zu danken sei, dass Österreich bei den Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs durch alliierte Verbände weit glimpflicher davongekommen ist als Deutschland.

Otto, der sich bis zum Ende seiner Tage gerne als "Kaiserliche Hoheit" titulieren ließ, bezeichnete sich selbst wegen der ursprünglichen Abkunft der Habsburger aus dem Aargau halbironisch als "Auslandschweizer". Noch 2008 sorgte er bei den Feierlichkeiten aus Anlass von 70 Jahren Okkupation durch Nazideutschland für einen veritablen Skandal, als er Österreichs alte Ausrede als "erstes Opfer Hitlers" neu vertrat, ohne dass ihm jemand aus der ihm huldigenden Österreichischen Volkspartei widersprochen hätte.

So engagiert Habsburg im Europaparlament war, so deutlich ließ er ein Leben lang spüren, dass er sich niemals zum waschechten Demokraten gewandelt hat. Auch konnte er einen gewissen tradierten Gefühlsrassismus nicht wirklich verbergen. So beschrieb er zu seinem 90. Geburtstag in einem Interview mit der rechtsradikalen Wochenschrift Zur Zeit die US-amerikanische Administration so: Es gebe zu wenig weiße Protestanten, das Verteidigungsministerium in Washington, das seien "die Juden", und das Außenministerium "die Schwarzen".

Habsburgs vehementes Eintreten für verfolgte Bürger Mittel- und Osteuropas unter dem Sowjetimperium war nicht nur seinem erbitterten Antikommunismus, sondern auch humanistischen Grundüberzeugungen geschuldet. Seine Paneuropa-Union hatte schon lange als eher harmlos erscheinende Institution Fäden in den Sowjetblock gesponnen und manchen Dissidenten und Verfolgten helfen können. Das berühmte "Paneuropäische Picknick", das 1989 zur ersten Massenflucht von DDR-Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze führte, war von der Paneuropa-Union angeregt worden, allerdings ohne seine direkte Beteiligung.

Otto von Habsburg, der als Kind noch im Rahmen des spanischen Hofzeremoniells zu "seiner apostolischen Majestät", also einer dezidiert katholischen Herrschergestalt, erzogen werden sollte, hinterlässt sieben Kinder, 22 Enkel und zwei Urenkel. Im Grunde hat er sich bis zuletzt als Thronprätendenten eines diffusen Europa begriffen, das mit einem Erb- oder Wahlkaiser an der Spitze vor den Bürgern besser dastünde als mit seinen jetzigen Institutionen.

© sueddeutsche.de/hai

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