Zum Tod von Margaret Thatcher:Ansichten mit paranoiden Zügen

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Am Ende sollte die Eiserne Lady den längeren Atem haben: Wegen der hohen Kosten mussten die Bergarbeiter den Streik im März 1985 ergebnislos abbrechen, der Einfluss der Gewerkschaften in Großbritannien ist bis heute geschwächt.

Reformen waren im Großbritannien dieser Zeit zweifellos nötig. Das einst so stolze Land, das den Verlust des Empires noch nicht verschmerzt hatte, sah sich plötzlich auf dem Niveau eines Entwicklungslandes - mit Inflationsraten von bis zu 25 Prozent. Thatchers Reformen hatten eine Wirkung, die weit über Großbritannien hinaus ging. Gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan, mit dem sie eine tiefe Freundschaft verband, setzte Thatcher eine konservative Revolution durch. Auch ist Thatcher die einzige britische Premierministerin, mit deren Name ein -ismus verbunden ist: Der Thatcherismus ist eine Mischung aus nationalistischen und radikalliberalen Elementen.

Dennoch: Eindrücke, wie kalt die Stimmung im Land zu Thatchers Zeit war, gibt die Autorin Caryl Churchill in ihrem Drama Top Girls aus dem Jahr 1982. Es ist das Porträt einer individualistischen Gesellschaft, in der wenige auf Kosten von vielen Erfolg haben. Marlene, eine der Protagonistinnen, wird nicht müde zu betonen: "Jeder kann alles schaffen, vorausgesetzt er oder sie hat das Zeug dazu". Das hätte Thatcher selbst nicht besser formulieren können. Im Umkehrschluss heißt der Satz aber auch: Wer nicht das Zeug dazu hat, den lässt diese Gesellschaft gnadenlos fallen.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet der Labour-Mann Tony Blair war, der Thatchers Politik fortführte. Den Tories selbst war Thatcher lange Zeit peinlich, inzwischen sehen sie ihre Politik so: Bis Ende 1979 sei das Land in der Hand selbstsüchtiger Gewerkschaften gewesen, der Müll habe sich auf den Straßen getürmt. "Wir haben England von einer industriellen Lachnummer in eine moderne Wirtschaft verwandelt. Ich bin stolz, in ihrer Regierung gewesen zu sein", sagt rückblickend ihr damaliger Minister Kenneth Clarke.

Es gehört auch zur Ironie der Geschichte, dass die erste Frau an der Spitze einer westlichen Demokratie eine Konservative war. Keine, die der modernen Frauenbewegung nahe stand. Margaret Thatcher war keine Feministin. Ihre marktradikalen Einstellungen waren geschlechtsspezifisch neutral. Die Autorin Linda Grant etwa schreibt in einem Beitrag im Guardian, Thatcher hätte sogar im Privaten die Mühen des Kinderkriegens rationalisiert - indem sie, statt zwei Kinder nacheinander auszutragen, einfach Zwillinge bekommen hätte. Es sei Thatcher nie darum gegangen, Frauen zu fördern. Und dennoch sei Thatcher eine Pionierin gewesen.

Eine Pionierin, die stets Angriffsfläche gab. Thatcher fühlte sich stets im Recht und manche ihrer Ansichten nahmen geradezu paranoide Züge an. Zum Beispiel ihre erbitterte Gegnerschaft der Wiedervereinigung und ihre Beschwörungen des Feindbilds des bösen Deutschen - inzwischen freigegebene Akten bestätigen, wie erbittert Thatcher gegen die Einheit agitierte. Doch was Pragmatismus, Arbeitseinsatz und Durchsetzungsfähigkeit anbelangte, um ihr geliebtes Land vor dem Niedergang zu retten, war Margaret Thatcher einzigartig im Europa der Nachkriegszeit.

Ausgerechnet das Jahr 1990, welches das Ende des Kommunismus markiert, den sie zusammen mit US-Präsident Reagan so hartnäckig bekämpft hatte, mündete schließlich auch in Thatchers eigenem Sturz. Wegen ihres schrillen Anti-Europa-Kurses isolierte sie sich in ihrer Partei zunehmend selbst. Im November 1990 musste Thatcher die Downing Street 10 verlassen - elfeinhalb Jahre war die Eiserne Lady im Amt, so lange wie bislang kein anderer Premier.

An dem Tag bot sich ein seltenes Bild: Thatchers sonst so perfektes Make-Up war verlaufen, über die Wangen zogen sich dunkle Schlieren, hastig wischte sie die Spuren von Tränen beiseite. Zusammen mit ihrem Pressesprecher David Ingham ging sie die Stufen von der schwarzen Tür herab. "This is it", soll er ihr zugeflüstert haben. "Das war's."

Margaret Thatcher starb am Montag im Alter von 87 Jahren.

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