Zum Tod von Hermann Scheer Das Vermächtnis des Sonnengotts

Hermann Scheer war ein rastloser Kämpfer für erneuerbare Energien. Am Montag wollte er sein neues Buch vorstellen, eine Abrechnung mit der Energiepolitik der Regierung Merkel - doch dazu sollte er nicht mehr kommen.

Von W. Jaschensky und H. Beitzer

Das Schlüsselwort ist Beschleunigung. Es ist das letzte Wort in dem Buch, es ist das Wort um das sich alles dreht, auch im Leben von Herrmann Scheer. Bis zu seinem Tod am Donnerstag war Scheer ein Rastloser, getrieben von der Vision, die Energie für Deutschland und die ganze Welt durch die Kraft des Windes, des Wassers und vor allem der Sonne zu gewinnen.

"Sonnenkönig" Hermann Scheer widmete sein Leben den erneuerbaren Energien.

(Foto: dpa)

Das war nicht immer leicht, nicht umsonst stellt er seinem Buch "Der energethische Imperativ" - ein Wortspiel aus "energetisch" und "ethisch" - in der Einleitung ein Zitat von Mahatma Gandhi voran: "First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win." Am Montag wollte er sein viertes und letztes Werk vorstellen, nach seinem überraschenden Tod wird es zu seinem Vermächtnis. Die ersten Phasen - das Ingnorieren, das Auslachen - hat Scheer bereits hinter sich, schreibt er wenig später.

Denn Hermann Scheer hat viel erreicht. Er ist der Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, Gründer der International Renewable Energy Agency und war bis zu seinem Tod Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien, er hat am Atomausstieg mitgewirkt und wurde für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet. 1998 erhielt er den Weltsolarpreis, 1999 den Alternativen Nobelpreis. Das amerikanische Time Magazine ehrte ihn mit dem Titel "Hero for the Green Century" und manche nannten ihn ehrfurchtsvoll "Sonnengott".

Scheer sei oft selbst überrascht gewesen, wie schnell regenerative Energien in Deutschland ausgebaut wurden, sagt ein enger Vertrauter. Auch in seinem Buch beschreibt Scheer, wie abwegig seine Ideen noch vor einem Jahrzehnt waren. In der Einleitung von "Der energethische Imperativ" spürt man ein gewisses Triumphgefühl, das die Befürworter der erneuerbaren Energien - vor gar nicht allzu langer Zeit noch als Öko-Spinner verspottet - angesichts der allgemeinen Zustimmung zu erneuerbaren Energien in der Gesellschaft empfinden.

Doch Scheer wollte mehr und das schneller.

So ist sein Buch auch seine letzte Abrechnung mit Atomkraft und fossilen Brennstoffen. Scheer schreibt über die Begrenztheit der Ressourcen, die leicht zu weltweiten Konflikten führen könne und die Gefahren des Klimawandels. Und natürlich über das Sicherheitsproblem von Kernkraftwerken. Die ungelöste Frage: Wohin mit dem Atommüll.

Scheer erkennt die Fortschritte an, doch bis zur tatsächlichen Energiewende sei es noch ein weiter Weg. Zwar rede die Welt "neuerdings von erneuerbaren Energien mit Sympathien wie für schönes Wetter". Doch vor allem in Politik und Wirtschaft sieht Scheer noch ein "Weltbild einer Energieversorgung, die von fossilen Energien und der Atomenergie geprägt ist". "Vollmundige Bekenntnisse von Regierungen und Energiekonzernen, in denen der Eindruck vollen Engagements für erneuerbare Energien erweckt wird, trüben den Blick für die praktischen Prioritäten".

Bestes Beispiel: Die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke. Im Kapitel "Methoden und Psychologie der Verlangsamung" rechnet Hermann Scheer mit der Energiepolitik der deutschen Regierung ab - und mit den Stromkonzernen. Die etablierte Energiewirtschaft verbreite "gezielt Desinformationen", warum erneuerbare Energien keine Alternative sein können - und umgarne mit ihrer vermeintlichen Förderung von erneuerbaren Energien sogar die Befürworter der Energiewende.

All jene, die die konventionelle Energiegewinnung - also etwa die Atomkraft - als "Brückentechnologie" rühmen, bezeichnet Scheer als "Allianz der Aufschieber". Er setzt sich in den folgenden Kapiteln mit den Hauptargumenten seiner Kontrahenten auseinander, beleuchtet Projekte und den Stand der Forschung. Er konstatiert, dass "weltweit für eine Renaissance der Atomenergie getrommelt werde" - auch unter dem Vorwand des Klimaschutzes.

Für Hermann Scheer hingegen gilt: Die Umstellung auf erneuerbare Energien ist nicht mehr aufzuhalten - die Frage sei eher das "Wann und Wie" als das "Ob". Für den SPD-Politiker stellt sich eine drängende Frage: "Kann der historisch fällige, vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien so rechtzeitig realisiert werden, dass wir den von der konventionellen Energieversorgung verursachten Tragödien entkommen können?

Die Antwort wird er selbst nicht mehr erfahren. Doch wenn es einmal so weit ist, dann werden sich die Menschen an ihn als einen der Vordenker einer neuen Wirklichkeit erinnern. Seine Enkelin Lilli etwa, der er "Der energethische Imperativ" gewidmet hat. Neben ihr hinterlässt er eine Tochter, Lillis Mutter Nina, und seine Frau Irm.

Demo gegen Atomkraft

100.000 gegen die Kernenergie