Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher:Der ewige Außenminister

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Hans-Dietrich Genscher war Innenminister und FDP-Chef, und wird doch als Außenminister in Erinnerung bleiben - auch wegen des berühmtesten unvollendeten Satzes der deutschen Zeitgeschichte.

Nachruf von Susanne Höll

Unlängst sinnierte Hans-Dietrich Genscher über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Anlass war der Jahrestag der Ausreise der DDR-Flüchtlinge am 30. September 1989 aus der Prager Botschaft, verkündet von ihm, dem damaligen Außenminister, mit dem berühmtesten unvollendeten Satz der deutschen Zeitgeschichte: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise. . .'' 25 Jahre später, das Gesicht schmaler, das Haar schütterer, zog er Bilanz. Die Lehre jener Balkonszene laute, dass "schwierigste Fragen zu lösen seien, wenn man sich intensiv bemühe, Konfrontationen abzubauen".

Genscher, obgleich auch Innenminister und FDP-Chef, ist als Außenminister in Erinnerung. 18 Jahre lang war er ab 1974 auf diesem Posten, länger als jeder seiner Vorgänger und seiner bisherigen Nachfolger auch. Wer in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gerade erwachsen wurde, glaubte manchmal, der Mann mit dem gelben Pullover und den stattlichen Ohren sei seit Ewigkeiten in seinem Job.

In der Kleinstadt Reideburg vor den Toren Halles wird Genscher am 21. März 1927 geboren. Die Familie allesamt Bauern, allein der Vater Jurist. Dieser stirbt früh, der Junge ist neun Jahre alt. Danach wird es nicht besser. Erst Flakhelfer im Krieg, dann Soldat. Als Heranwachsender liegt er, wie so viele seiner Generation, im Dreck, schießt, wird beschossen. "Die Schrecken des Kriegs haben mich für den Rest meines Lebens geprägt", schreibt er in seinen Memoiren.

Rabiate Friedenssehnsucht

Genscher bleibt sein Leben lang ein überzeugter Pazifist. Waffen, Militär, Bellizisten - kaum etwas ist ihm mehr zuwider. Seine fast rabiate Friedenssehnsucht bringt ihm Ruhm und Respekt, aber auch Kritik.

1952, nach dem Jura-Studium und nach seiner Flucht in den Westen, findet er den Weg in die FDP. Sie verhilft ihm später zu erstaunlicher Popularität. Und er ihr zwischenzeitlich zu beachtlicher Bedeutung. "Genscher-Partei" ist im ausgehenden 20. Jahrhundert ein Synonym für die Liberalen.

In seinen guten Zeiten gibt es keinen Politiker in der Bundesrepublik, der beliebter ist als Genscher. Die Leute mögen den Mann mit dem Watschelgang und der weichen, näselnden Stimme, der fast nie seinen sächselnden Akzent verliert. Er strahlt Bonhomie aus und Erdverbundenheit, ist kein aus dem Ei gepellter Diplomat, Äußerlichkeiten kümmern ihn kaum.

Hinter verschlossenen Türen aber zeigt Genscher andere Seiten. Wenn er sich ärgert, schmeißt er im Auswärtigen Amt in Bonn die Türen so heftig zu, dass Bilder von der Wand fallen. Da muss dann jemand wieder irgendwelche "Granatenscheiße" angerichtet haben, im Amt, in der Partei, in der Regierung oder irgendwo im Ausland.

Genscher gilt zeitweise aber auch als Trickser, als Unzuverlässiger und Unberechenbarer, als prinzipienloser Geselle und egomanischer Selbstvermarkter. So sehen ihn seine Gegner und Kritiker - und einst auch viele Bürger. Als die Liberalen auf Betreiben ihres Vorsitzenden die sozialliberale Koalition aufkündigen, ist Genscher so beliebt wie verregnete Sommerferien. "Der taktiert doch noch im Schlaf", soll der damalige Kanzler Helmut Schmidt über ihn gesagt haben.

Als Außenminister streitet er mit aller Kraft für ein friedfertiges Europa, in dem es nie wieder Krieg geben sollte. Reden, reden, reden und nochmals reden, Genscher fliegt zu jedem, der irgendwo auf der Welt etwas zu sagen hat, und redet mit ihm. Früh erkennt er die Bedeutung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow, mahnt schon 1987, den Mann aus Moskau ernst zu nehmen. Das Wunder der deutschen Einheit wird gern Helmut Kohl zugerechnet. Ohne Genscher hätte es nicht stattgefunden.

Pensionist wird Genscher nie. Er schreibt über die internationale Politik, hält Vorträge, trifft Freunde aus aller Welt, und von denen hat er viele. Dass seine Partei im Niedergang ist, muss ihn in den vergangenen Jahren sehr geschmerzt haben.

Hans-Dietrich Genscher, Patriot und Hallenser, der nach 1989 alle Welt in seine alte Heimat an der Saale brachte, starb am Donnerstag in seinem Haus bei Bonn.

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