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Zum 90. Geburtstag:Reizvolle Verbindungen

Der Politikwissenschaftler und CSU-Politiker Hans Maier hat einen zuversichtlichen Blick auf Deutschland.

Von Florian Keisinger

85. Geburtstag von Hans Maier

Der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier (CSU) im Jahr 2016.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Anlässlich seines 80. Geburtstages 2011 veröffentliche der Politikwissenschaftler und langjährige bayerische Kultusminister (1970-1986) sowie CSU-Landtagsabgeordnete (1978-1987) Hans Maier unter dem Titel "Böse Jahre, gute Jahre" seine Autobiografie. In ihr schildert er die äußeren Stationen seines vielseitigen Lebens: als Wissenschaftler, Politiker, Musiker und nicht zuletzt auch als Katholik, der etliche Jahre das Amt des Präsidenten des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken innehatte - und dabei aufgrund seines (auch herkunftsbedingten) badischen Liberalismus mehr als einmal den geistlichen Obrigkeiten ins Gehege gekommen war. Sogar als CDU/CSU-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten war Maier zeitweise im Gespräch, ein Posten, den er sich zutraute und gerne bekommen hätte. Von Franz Josef Strauß, mit dem Maier ein eher schwieriges Verhältnis verband, stammt die schöne Formulierung, dass die CSU ohne "Leute wie Maier" Gefahr laufe, wieder zu einer "Bierdimpfel-Partei" zu werden.

Zehn Jahre nach dem Lebensbericht und kurz vor seinem 90. Geburtstag ist nun ein neues Buch von Maier erschienen, eine Aufsatzsammlung mit der schlichten Bezeichnung "Deutschland" und dem durchaus doppeldeutig zu verstehenden Untertitel "Wegmarken seiner Geschichte". Denn die Ereignisse und Entwicklungen aus gut 500 Jahren deutscher Historie, die Maier hier nachzeichnet, skizzieren nicht nur zentrale Wegmarken des Landes, sondern entfalten zugleich eine Gesamtschau seines eigenen intellektuellen Schaffens, Rückschlüsse auf sein politisches Wirken inbegriffen. Zusammen mit der Autobiografie eröffnen die Texte aufschlussreiche Einblicke in die für Maiers Leben charakteristische Verflechtung von vita activa und vita contemplativa, wie man sie unter Politikern und Intellektuellen hierzulande selten vorfindet.

Acht Aufsätze aus den Jahren 1966 bis 2019

Aus den insgesamt acht Aufsätzen, die zeitlich wie thematisch ein breites Spektrum abdecken, lassen sich drei große Entwicklungslinien deutscher Geschichte seit der Frühen Neuzeit herauskristallisieren: (1) die Säkularisation und der Übergang vom Deutschen Reich zum Deutschen Bund; (2) die deutsche Gewaltgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die anschließende Integration in die westliche Staaten- und Wertegemeinschaft; (3) das Zusammenleben in religiöser und kultureller Vielfalt. Der älteste Beitrag, eine Darlegung der Genese des deutschen Staatsrechtsdenkens seit dem 17. Jahrhundert, stammt aus dem Jahr 1966, es handelt sich um die Antrittsvorlesung des 35-jährigen Politikprofessors am sechs Jahre zuvor aus der Taufe gehobenen "Geschwister-Scholl Institut" der Universität München; die jüngsten Texte, beide von 2019, beleuchten Hitler und den Nationalsozialismus sowie die Bedeutung des (kirchlichen) Widerstandes gegen das NS-Regime.

Hans Maier: Deutschland. Wegmarken seiner Geschichte. Verlag C.H. Beck, München 2021. 206 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

Obwohl zeitlich getrennt voneinander entstanden, sind die Querverbindungen zwischen den Beiträgen reizvoll, insbesondere da, wo Kultur-, Ideen- und Politikgeschichte ineinanderfließen. Wenn etwa im Beitrag zum "Faust" das "Drama der Deutschen" dahingehend interpretiert wird, dass sich die Schuldfrage des Goethe'schen Faust mit der deutschen Schuld 1945 verknüpfen lässt; mit dem verbindenden Element, dass beide Seiten am Ende Vergebung fanden, was sowohl literaturhistorisch - verglichen mit anderen Faust-Darstellungen, beispielsweise bei Thomas Mann - als auch politisch-historisch mit Blick auf die vorangegangenen deutschen Untaten alles andere als selbstverständlich war. Oder wenn Maier in einem Text über "Literatur und Konfessionen" nachweist, wie als Folge der Säkularisierung protestantische Autoren und Narrative die Diskurse im 19. Jahrhundert prägten, was mit der Schaffung des preußisch dominierten kleindeutschen Nationalstaats korrelierte und diesen intellektuell zu unterfüttern vermochte. Dies änderte sich erst während und nach dem Ersten Weltkrieg, als mit dem Expressionismus vermehrt auch katholische Autorinnen und Autoren - gleiches galt für die bildenden Künste - Zuspruch beim Publikum fanden; bis schließlich in den zwei Jahrzehnten nach 1945 das katholische Element (vorübergehend) sogar die Überhand in literarisch-künstlerischen Deutungsfragen zu erringen vermochte. Die historische Einordnung hierfür wiederum liefert der Beitrag "Das Dritte Reich im Visier seiner Gegner", der den kirchlichen Widerstand auf das couragierte Agieren Einzelner beschränkt, wobei sich das protestantische Milieu als deutlich NS-affiner herausstellte als die katholische Seite.

Plädoyer für den "schonenden Ausgleich"

Wie zeitgemäß die historischen Linien sind, die Maier zieht, lässt sich auch daran ablesen, dass seine Einsichten zur Säkularisation nahtlos an den Beitrag zum "Zusammenleben der Religionen" im Hier und Jetzt anknüpfen, der den Band chronologisch abschließt. Der "schonende Ausgleich", der Maier im Verhältnis von Staat und Kirche als Voraussetzung für ein funktionierendes multireligiöses Miteinander vorschwebt, sei nur möglich, wenn beide Seiten miteinander interagieren; je säkularer das Staatswesen, desto geringer diese Fähigkeit. Die Folge sei eine erzwungene Sprachlosigkeit, die der Verständigung im Wege stehe.

Anders als jene zeitgenössischen Beobachter, die sich derzeit beim Blick auf Deutschland und den Westen mit Niedergangszenarien überschlagen, blickt Hans Maier mit Zuversicht in die Zukunft. Trotz mancher Krise habe sich die Bundesrepublik in den vergangenen gut 70 Jahren bewährt; sie verdiene auch weiterhin unsere "bürgerliche Loyalität", die Voraussetzung für ihren demokratischen Bestand sei.

Florian Keisinger ist Historiker.

© SZ vom 22.03.2021
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