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Zukunftswaffen:Zwischen Warnschrei und Schuss

Vor wenigen Wochen veröffentlichte der amerikanische Luftwaffenoffizier Doug Beason sein Buch "The E-Bomb" auch in Europa (Perseus Press, London). Beason ist Associate Director des staatlichen Los Alamos National Laboratory. Einer der Bilder und Plots erdenkt, eher ein Gestalter, als ein Krieger. Beason hat in einer Parallel-Karriere viele Romane produziert, Science Fiction.

Das ist in den USA nicht unüblich: Die Fantasy-Bestseller-Autorin Janet Morris leitet die Forschungsabteilung am "Global Security Council", einer CIA-nahen Einrichtung. Tom Clancy, der auflagenstärkste Militärromancier der Welt, arbeitet als Promoter für das Joint Non-Lethal Weapons Directorate (JNLWD), jenes Institut im amerikanischen Verteidigungsapparat, das dem Einsatz von Zukunftstechnologien gewidmet ist.

In seinem überaus bilderreichen Sach-buch lobt Beason den bald im Irak laufenden ADS-Strahler als "Maxwellschen Teufel", offenbar eine sehr freie Interpretation des Gedankenexperimentes von James Clerk Maxwell aus dem 19. Jahrhundert. Doch anders als "Maxwells Dämon" trennt ADS keine Moleküle, sondern böse von guten Demonstranten. Die laut Beason "selektive Waffe" kann "Unschuld von feindlicher Intention unterscheiden". Ist sie endlich erfunden, die mitdenkende, mitfühlende Maschine?

Zeus' Kollege, der Maxwellsche Teufel, straft mit dem Strahl des Lichts. Ein bisschen schmelzen kann er auch, zum Beispiel Kontaktlinsen in den Augen. Erst nach zwölf Jahren Entwicklung und etwa 50 Millionen Dollar Forschungsgeld stellte sich bei einem Test im vergangenen Jahr heraus, dass das aufgeheizte Kleingeld in den Taschen der Probanten weiter brennt, wenn der Strahl der modulierten Wellen längst versiegt ist.

Dennoch werden solche Szenen bald Realität auf unseren Straßen sein: "Eine der gemieteten Testpersonen hebt den Arm zum Stein-Wurf. Ein Soldat - er steht hinter dem ,Aktiven Vertreibungssystem", einer Art elektrischem Gewehr, das aussieht wie eine Satellitenschüssel - visiert den sich auffällig gebärdenden Unruhestifter an. Er zieht den Abzug und setzt einen lautlosen Energiestrahl frei." So beschreibt der Historiker Steven Mihm Videoausschnitte von ADS-Testläufen mit Menschen, die ihm das Pentagon vor zwei Jahren vorführte.

Und weiter: "Nach Bruchteilen einer Sekunde jault der Zivilist auf und hoppelt über das Feld, während er mit einer Hand offenbar versucht, sein Hinterteil zu kühlen. Andere Demonstranten kläffen wie Hunde und rasen in Panik umher, als würde man sie mit unsichtbaren Flammenstößen attackieren. Während sie flüchtend übereinander purzeln, drehen sich Teile der Horde immer wieder herum, grölen und schwenken die Fäuste wie ein Stamm aus der Steinzeit, der zum ersten Mal einer wirklich modernen Waffe begegnet."

Vierzehn vierrädrige "Teufel" zum Preis von 10,5 Millionen Dollar sollen noch vor Jahresschluss gegen gewaltbereite Irakis eingesetzt werden, meldet der Hersteller Raytheon, eine führende amerikanische Rüstungsfirma. Ihr Name bedeutet zu deutsch "Gott der Strahlen". Mit 80.000 Angestellten erzielt sie etwa 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz. In der Zeitschrift New Scientist steht das ADS auf Platz 5 der "Hitliste angesagter Zukunftswaffen".

Sado-Maso-Gesellschaft

Brett Wagner vom California Center for Strategic Studies hingegen Mitte Juli eine Petition eingereicht, um "Rumsfelds ray gun", Rumsfelds Strahlenkanone, zu stoppen. Die Strahler sieht er nicht nur als fundamentalen Eingriff in die Rechte der freien Meinungsäußerung. Da sie Schmerz in ungeheuerlichem Umfang und damit bleibende Traumata erzeugen können, kategorisiert er sie als Folterinstrumente, möglicherweise mit Todesfolge. Die Genfer Konvention verbietet Waffen, deren einziges Ziel die Erzeugung von Schmerz ist. Die Demokratie ist nach Wagners Meinung in Gefahr.

Für das Jahr 2006 diagnostiziert selbst die Schutzkommission beim deutschen Bundesminister des Innern in ihrem "Dritten Gefahrenbericht" vermehrt "E-Gefahren" für die Zivilbevölkerung. Diese ergänzen die bekannten ABC-Gefahren um den "elektromagnetischen Impuls". Doch die Befürworter erpressen die Öffentlichkeit mit Notstandsargumenten und Terrorgefahr. Elektroimpulsgeräte werden im aktuellen bayrischen Polizeigesetz bereits als erlaubte Hilfsmittel der körperlichen Gewalt aufgeführt.

Und vor dem Unterausschuss für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag stellt der Herold der nicht-tödlichen Wirkmittel, John B. Alexander, die Zuhörer vor die Alternative: mehr Schmerzen oder mehr Tote. Wir befinden uns auf dem Weg in eine sadomasochistische Gesellschaft.

Der Autor ist Medienkünstler und lebt in Berlin. Er ist Mitglied der Gruppe BBM (www.bbm.de). Zu diesem Thema erschien von ihm zuletzt das Buch "Demonen. Zur Mythologie der Inneren Sicherheit" (Edition Nautilus, 2005).

© SZ vom 30. August 2006
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