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Zukunftssorgen bei der Bundeswehr:Verteidigungsministerium plant Werbefeldzug bei Bild

Der Doktortitel ist weg, nun widmet sich Guttenberg seinem bevorzugten Thema: der Bundeswehrreform. In seinem Ministerium denkt man offenbar schon weiter: Die Truppe will Anzeigen in Springer-Medien schalten.

Der Doktortitel ist weg, jetzt wendet sich der Verteidigungsminister im Bundestag anderen Themen zu: Einen Tag nach der Aberkennung des Doktorgrads wirbt Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für die Aussetzung der Wehrpflicht. "Die Verpflichtung zum Grundwehrdienst ist heute sicherheitspolitisch nicht mehr begründbar", sagte Guttenberg. Er sei persönlich lange ein Anhänger der Wehrpflicht gewesen, habe aber umdenken müssen.

Bundeswehr steht offenbar vor Personalengpass

Die Bundeswehr sorgt sich um die Nachwuchs - nun will die Truppe offenbar in Springer-Medien um Rekruten werben.

(Foto: dapd)

Guttenbergs Ministerium denkt schon weiter - und zwar an die Zeit nach Aussetzung der Wehrpflicht. Man befürchtet, dass die Rekruten knapp werden könnten. Von März an will das Ministerium in einer breit angelegten Medienkampagne für den Dienst in der Bundeswehr werben. Die Werbeaktion wird nach Angaben des Verteidigungsministeriums bis Dezember in Fernsehen, Radio und Printmedien laufen. Voraussichtlich im April liege der Schwerpunkt bei Bild, Bild am Sonntag und Bild.de, gab das Ministerium bekannt und bestätigte damit einen Bericht der Financial Times Deutschland.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hielt Guttenberg im Bundestag einen "schmutzigen Deal" mit den Springer-Medien vor. Er monierte, dass der Minister für die Werbekampagne im Zusammenhang mit der Bundeswehrreform zunächst nur Medien dieses Konzern nutzen wolle. Gleichzeitig sei es eine "Konstante" im politischen Wirken Guttenbergs, dass er immer darauf geachtet habe, von diesen Medien unterstützt zu werden. "Eine Bundeswehrreform, die auf einem schmutzigen Deal mit der Springer-Presse beruht, eine solche Bundeswehrreform wird und kann nicht gelingen", sagte Trittin.

Der Sprecher des Medienkonzerns Axel Springer, Tobias Fröhlich, wies die Vorwürfe strikt zurück: "Die Redaktion hat erst heute aus den Medien von der Anzeigenkampagne erfahren." Anzeigenbereich und Redaktion arbeiteten bei dem Konzern streng getrennt. "Einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Berichterstattung über Minister zu Guttenberg und den Werbemaßnahmen der Bundeswehr herzustellen ist absurd und lächerlich." Die von der Bundeswehr beauftragte Agentur sei bereits Ende vergangenen Jahres mit dem Vermarktungsbereich von Axel Springer in Kontakt getreten, sagte Fröhlich.

Der Bundestag beriet an diesem Donnerstag in erster Lesung über die Reform der Wehrpflicht. Dem Gesetzentwurf zufolge wird die Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 ausgesetzt, damit verbunden ist das Ziel einer Reduzierung der Truppenstärke auf 185.000 Soldaten. Zugleich soll ein freiwilliger Wehrdienst geschaffen werden. Ab dem 1. März 2011 wird niemand mehr gegen seinen Willen einberufen. Geplant ist zudem ein neuer Bundesfreiwilligendienstes als Ersatz für den bisherigen Zivildienst.

Vor wenigen Tagen hatte ein Bericht der Financial Times Deutschland für Wirbel gesorgt, wonach die Bundeswehr verstärkt auch junge Menschen mit unterdurchschnittlicher schulischer Bildung oder ohne Schulabschluss anwerben wolle, um auch danach genügend Soldaten für Mannschaftsdienstgrade zur Verfügung zu haben. Ohne Wehrpflicht müsse die Truppe stärker auf Personal aus sozial schwachen Schichten und ohne andere berufliche Perspektive zurückgreifen, hatte das Blatt unter Berufung auf das "Maßnahmenpaket zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr", das im Verteidigungsministerium intern beraten wurde, berichtet.

© sueddeutsche.de/hai/woja
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