Zukunft des Christentums Die Kirche muss die Kraft der Minderheit entdecken

Mit mehr als 20 Millionen Mitgliedern werden die Kirchen auch 2060 wohl die größten Institutionen jenseits des Staates sein - aber deutlich kleiner als jetzt.

(Foto: dpa)

Die Christen in Deutschland werden bis 2060 um die Hälfte weniger. Das bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes - aber der Umbauprozess wird schmerzhaft.

Kommentar von Matthias Drobinski

Bloß keine Panik. Die Parole hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx angesichts der Studie ausgegeben, die den Kirchen in Deutschland prophezeit, dass sie in 40 Jahren nur noch halb so viele Mitglieder wie heute haben werden, bei halbierter Finanzkraft. Da hat er zunächst einmal recht: Mit mehr als 20 Millionen Mitgliedern werden die Kirchen auch 2060 wohl die größten Institutionen jenseits des Staates sein, und wenn das Land auch nur einigermaßen so reich und wohlgeordnet bleibt wie jetzt, dann werden auch die Kirchen reich und wohlgeordnet bleiben.

Die Christen in Deutschland werden aber zur Minderheit werden. Sie werden nicht mehr die selbstverständliche institutionell verankerte politische und gesellschaftliche Gestaltungsmacht haben, die sie jetzt noch besitzen; auf die Frage: "Bist du Christ?" wird zunehmend die Antwort kommen: "Nee, ich bin normal." Viele Menschen werden nicht mehr wissen, ob sie sieben oder zehn Gebote für unerheblich halten und was es mit Hase und Ei zu Ostern auf sich hat. Christliche Denk- und Argumentationsweisen werden ihnen erst einmal fremd sein.

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Auch das bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Es bedeutet zum Glück das weitgehende Ende eines Konventionschristentums, dessen Kirchenmitgliedschaft auf der Angst vor Nachteilen durch den Austritt beruht. Es bedeutet, dass die Christen auf die Kraft ihrer Argumente und ihres gelebten Beispiels werden bauen müssen, nicht mehr auf die Macht der Institution. Sie können aber die Kraft der Minderheit entdecken, die über die Mitgliederzahl hinausstrahlt, die kulturelles Gedächtnis wie soziales Gewissen ist und die von einem Jesus erzählt, dessen Botschaft vielleicht nie eine Sache für die Mehrheit war.

Der Umbauprozess zu einer solchen Minderheit mit Zukunft ist schmerzhaft, für die Kirchen, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Es wird nicht mehr in jedem Dorf Gottesdienst gefeiert werden können und keine Flächenversorgung mit Pfarrerinnen, Pfarrern, Kirchenpersonal geben. Es werden viele Kirchen umgewidmet oder abgerissen werden, und nicht erst die Erschütterung über den Brand von Notre-Dame hat gezeigt, was den Menschen fehlt, wenn solche Orte fehlen. Es werden Caritas und Diakonie nicht mehr so starke Sozialträger sein können wie heute; an ihre Stelle werden vor allem der Staat und private Unternehmer treten. Die Ersetzung des Zivilgesellschaftlichen und Subsidiären durch Staat und Wirtschaft - wer das gut findet, darf sich über die Entwicklung freuen.

Die Kirchen haben es selber in der Hand, ob sie als Minderheit bedeutungslos werden oder attraktiv bleiben für Glaubende und Suchende, die mal vorbeischauen und wieder gehen; ob ihre Kraft über die Zahl der Mitglieder hinausreichen wird. Das wird vom Mut dieser Kirchen abhängen, fröhlich loszulassen, was ihnen zu groß geworden ist, und das Besitzstandsdenken zu überwinden. Es wird von der Glaubwürdigkeit der Menschen abhängen, die auch ohne Quasiverbeamtung von einem Gott erzählen, dem die Liebe stärker ist als der Hass und Gerechtigkeit wichtiger als die Macht.

Es wird vom Vertrauen abhängen, das Menschen in die Kirchen setzen. Die aber haben gerade erst durch die sexuelle Gewalt in ihren Reihen fundamental Vertrauen zerstört. So gesehen wäre durchaus Panik angebracht.

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