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Zugriffsorder für Bin Laden:Wie Obama Osama bezwang

Osama bin Laden konnte nur zur Ikone des Terrors werden, weil die USA ihn dazu stilisiert haben. Jetzt ist er in einem Showdown mit dem Feind gestorben - doch irrt, wer davon träumt, dass mit ihm al-Qaidas Terror stirbt. Amerika muss endlich die Fixierung aufs Martialische überwinden, sonst wird es den Konflikt nie wirklich lösen.

Stefan Kornelius

Osama, der "junge Löwe" (so im Arabischen), wurde 54 Jahre alt, ehe er eines Todes starb, den er immer vorhergesagt hatte: im Gefecht mit amerikanischen Soldaten. Es waren Soldaten jener Nation, der er 15 Jahre zuvor das erste Mal schriftlich den Krieg erklärt hatte, damals aus einem Lager in Afghanistan. Es folgten Anschläge, Tote, Verletzte auf vielen Kontinenten. Und es folgte der 11.September 2001, der die Welt lähmte und alle Leichtigkeit der Zeit nach dem Kalten Krieg, alle Dotcom-Euphorie und jeden Glauben an die postideologische Zeit zerstörte.

Crowds gather at Ground Zero

Jubelnde New Yorker an Ground Zero (nach Todesnachricht von Osama bin Laden): Die Tötung verdichtet auf ein 1:0 - als wäre es ein Sportereignis

(Foto: dpa)

Für Osama bin Laden und seine Islamisten waren die USA der Feind. Amerika stand im Zenit seiner Macht, ein Jahrhundert wurde nach der Nation benannt. Amerika hatte den Faschismus besiegt und den Kommunismus niedergerungen. Amerika war reich und mächtig - und es war unsensibel genug, nicht zu spüren, wie diese Stärke von vielen als Provokation empfunden wurde. Das amerikanische System war das Modell für den Rest der Welt - vermeintlich.

Aber Osama bin Laden träumte von einem panislamistischen Gottesstaat, einem Kalifat. Seine Theokratie sollte den Muslimen ihren Stolz zurückgeben und ihre Sicherheit, die Amerika zu nehmen im Begriff war. Bin Laden musste dieses Amerika angreifen, um seiner Bewegung Größe zu geben. Er musste die USA bis aufs Blut reizen.

Der 11.September 2001 veränderte Amerika wie kein zweites Ereignis vielleicht seit dem Bürgerkrieg. Oft wurde der Vergleich zu Pearl Harbor gezogen, zum Angriff Japans 1941, der die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten ließ. Der Vergleich aber taugt nur begrenzt. Der 11. September bezog seine Einmaligkeit aus der brutalen Wirkung der Bilder. Und vor allem gab es kein zweites Ereignis, das die Natur des Terrors härter hätte spüren lassen: hier das wütende, zornige, überraschte, willkürlich gewählte Opfer - dort der unsichtbare und ungreifbare Feind. Der 11.September brachte die Angst nach Amerika. Und während Pearl Harbor das Land groß machte und als Weltmacht entließ, steht der 11. September für den Beginn des Niedergangs der Vereinigten Staaten.

Die USA sind mit den Terroranschlägen eine andere Nation geworden. Präsident George W. Bush wertete sie als Kriegserklärung und nahm das Land in die Pflicht zur Selbstverteidigung und zum Angriff. Zwei Kriege begann dieser Präsident binnen anderthalb Jahren: einen aus Notwehr, den anderen aus Zorn. In Afghanistan vertrieben die US-Truppen al-Qaida und verspielten anschließend acht Jahre lang die Chance, das Land zu verstehen und ihm eine Ordnung zu geben. Im Irak entlud sich 17 Monate später das ungestillte Rachebedürfnis ein zweites Mal - auch verknüpft mit der Hoffnung, die arabische Welt politisch nach eigenen Vorstellungen ordnen zu können. Bush hatte aber nie verstanden, dass die Befreiung von den arabischen Potentaten gerade wegen der Präsenz seines Landes nicht gelingen konnte. Amerikas Dominanz war mächtiger als jeder innere Feind. Erst mit der politischen Selbstbescheidung der USA unter Barack Obama entstand der Spielraum, der den neuen Demokratiebewegungen ihre eigene Legitimation verschaffte.

Weil die USA und vor allem die Regierung Bush den Terror personalisierten, wurde aus Osama bin Laden eine Ikone. Natürlich war bin Ladens Ruf auch zuvor schon mythenbeladen. Er war es schließlich, der das mächtige Amerika herausgefordert hatte. Aber das Böse braucht auch in den USA ein Gesicht, weshalb die Jagd nach Osama stärker symbolische als tatsächliche Bedeutung erhielt. Die Tötung des Mannes wird nun in Washington und in New York wie eine Befreiung und vor allem wie ein Sieg empfunden. Beides sind trügerische Gefühle: Der Terror ist nicht besiegt, und der Tod mag Genugtuung verschaffen, gar etwas Erleichterung. Ein düsteres Kapitel in der nationalen Geschichte ist damit zu Ende gegangen.

Aber: Befreit ist Amerika nicht. Die USA müssen in kritischer Selbstprüfung klären, ob die Fixierung auf den Terror und die Kriege im Inneren wie im Äußeren die Nation nicht eher gelähmt und in ihrer Entwicklung gehemmt haben. Amerika hat sich in den zehn Jahren mit Schutzwällen umgeben - physischen wie mentalen Barrieren. Den Preis für die vermeintlich errungene Sicherheit zahlte The Land of the Free in der ihm wichtigsten Währung: Offenheit und Freiheit.

Osama bin Laden steht militärisch für den Beginn einer gewaltigen Rüstungsanstrengung und politisch für eine manchmal irrsinnig anmutende Orientierungslosigkeit. Auch wenn bin Laden sein eigentliches Ziel verfehlte und das Kalifat nie entstehen wird, so warf er die Weltmacht USA aus der Bahn und leitete ihren Machtverlust ein.

Barack Obama, der Nachfolger Bushs, war es, der diesen verhängnisvollen Zusammenhang erkannte und dem Land eine Politik der internationalen Selbstbescheidung verordnete. Dies wird eines Tages möglicherweise als wichtigste außenpolitische Tat des amtierenden Präsidenten erkannt werden. Amerika taugt immer weniger als Reibungsfläche für den Terrorismus - und kann deshalb wieder seine eigentlichen Stärken entfalten. Obama und Osama - der Terror hat seinen Meister gefunden.

© SZ vom 03.05.2011/blg

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