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Zuflucht für Edward Snowden:Warum Kuba sich zurückhält

Auch andere Länder haben scharf protestiert, so die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), sonst eher Washington-hörig, und die südamerikanische Staatengemeinschaft Unasur. Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff sagte nach Berichten über eine US-Spionagebasis in ihrem Land, wenn diese zutreffen, "würde dies sicherlich eine Verletzung der Souveränität und der Menschenrechte darstellen".

Auffällig zurückhaltend benommen hat sich bisher nur einer, der aber eine Schlüsselrolle innehält: Raúl Castro, Präsident Kubas. In Havanna müsste Snowden auf dem Weg von Moskau nach Caracas zwischenlanden. Das kommt ausgerechnet in einem Moment, in dem Kuba durch vielfältige Neuerungen bei der Reisefreiheit und im Wirtschaftsaustausch mit den USA bemüht ist, das Verhältnis nach 50 Jahren Isolation behutsam zu normalisieren.

Keine Frage: Snowden käme Kuba ungelegen in einem Moment der Reformen und des Umbruchs. Erstmalig und sehr spät hat gerade Castro den möglichen Aufnahmeländern am Montag seine Unterstützung zugesichert. Lateinamerika als Region habe "das Recht Asyl zu gewähren", das beruhe auf einer großen Tradition.

In der Tat waren die Staaten Lateinamerikas stets ein wichtiges Fluchtziel für Verfolgte und Gesuchte aller Couleur. Argentiniens Präsident Domingo Sarmiento regierte im 19. Jahrhundert nach dem Prinzip "Regieren heißt Bevölkern". Das Land nahm bis zum Ersten Weltkrieg im Grunde jeden auf, der kommen wollte. Die politische Überzeugung spielte dabei keine Rolle.

Erst in den 1930er Jahren begannen sich die autoritären Regime, die in Argentinien oder Brasilien an die Macht gekommen waren, ambivalent zu verhalten: Sie kooperierten mehr oder minder offen mit den Nazis, ließen aber gleichzeitig antifaschistische Immigranten aus Europa ins Land. Zwischen 1933 und 1945 kamen fast 100.000 jüdische Flüchtlinge und andere von den Nazis Verfolgte an lateinamerikanischen Gestaden an. Der deutsche Emigrant Peter Lilienthal beschrieb später seine Ankunft in Uruguay so: "Wir dachten, das liegt im Urwald, tatsächlich aber fanden wir eine offene, liberale, europäisch geprägte und kosmopolitische Atmosphäre vor."

Asyl für Verfolgte jeglicher Coleur

Der jüdisch-deutsche Exilant Stefan Zweig schrieb zum Dank für seine freundliche Aufnahme in Brasilien ein stark idealisiertes Buch über sein Gastland, das er als "eines der vorbildlichsten und liebenswertesten Länder der Welt" lobte, das "den Krieg hasst" und das "friedliche Zusammenleben der Menschen trotz aller disparaten Rassen, Klassen, Farben, Religionen und Überzeugungen in glücklicher und vorbildlicher Weise" gelöst habe. In Mexiko beflügelte die Aufnahme Tausender spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge in den 1930er Jahren Wirtschafts- und Geistesleben.

Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg erwies sich Lateinamerika ebenfalls als sehr aufnahmefreundlich für die andere Seite - für Altnazis. Das peronistische Argentinien ließ Kriegsverbrecher wie den früheren SS-Offizier Erich Priebke ins Land. Auch Adolf Eichmann lebte in Buenos Aires. Der Gestapo-Folterer Klaus Barbie fand in Bolivien Unterschlupf. Das führte dazu, dass Juden und ihre früheren Verfolger sich in vielen lateinamerikanischen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg täglich auf der Straße begegneten - man habe die Straßenseite dann in der Regel gewechselt, berichtete der Emigrant Lilienthal.

Während der Militärdiktaturen der 1970er Jahre war es innerhalb Lateinamerikas üblich, geflohene Regimegegner zu verhaften und über die Grenzen hinaus auszuliefern. Auch die USA hatten zu dieser Zeit meist direkten Zugriff. Den früheren Diktator Panamas, Manuel Noriega, den Washington zuerst gepäppelt und dann als Drogenhändler verfolgt hatte, holte das US-Militär 1990 einfach selbst aus seinem Versteck in Panama-Stadt.

Eine derartige Aktion wäre angesichts der aktuellen politischen Konstellation in Lateinamerika kaum noch denkbar. Doch auf legalem Wege ist Washington der Zugriff versperrt - jedenfalls, solange Maduro regiert. Das Auslieferungsersuchen, das die USA schon mal vorsorglich für den Whistleblower gestellt haben, sei für ihn nur ein "windiges Papierchen", sagt Maduro.

*Text am 9. Juli, 23 Uhr aktualisiert

© Süddeutsche.de/beitz/lala
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