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Zuflucht für Edward Snowden:Gemeinsam gegen den großen Gringo

Evo Morales, Nicolas Maduro, Rafael Correa

Den USA eins auswischen: Boliviens Präsident Evo Morales (in der Mitte), Venezuelas Präsident Nicolás (links) und Ecuadors Präsident Rafael Correa (rechts).

(Foto: AFP)

Erst gar kein Zufluchtsort - und dann gleich vier lateinamerikanische Länder: Ecuador, Venezuela, Bolivien und Nicaragua wollen Edward Snowden aufnehmen. Doch warum können sich gerade diese Länder den "Luxus erlauben", den USA derart eins auszuwischen? Und warum hält sich Kuba so zurück?

Eine Analyse von Sebastian Schoepp

Ecuador, Venezuela, Bolivien, Nicaragua - wer kriegt den Zuschlag? Nach einigen Tagen der Funkstille haben sich gerade vier lateinamerikanische Länder schier mit mehr oder weniger konkreten Einladungen an den Whistleblower überboten. Es ist kein Zufall, dass dies gerade die Länder sind, die sich in der linksgerichteten Allianz Alba (Morgenröte) zusammengeschlossen haben. Die hatte einst Venezuelas Präsident Hugo Chávez 2005 als Gegengewicht zu George W. Bushs Plänen implementiert, ganz Amerika zu einer großen Freihandelszone unter der Ägide Washingtons zu machen.

Die Alba-Länder haben die Gegnerschaft zu den USA sozusagen zum Gemeinschaftsprinzip erklärt, es ist aus ihrer Sicht die Reaktion auf zwei Jahrhunderte Bevormundung und Gängelung durch die Macht im Norden. Ecuador, Venezuela, Bolivien und Nicaragua lassen daher nur ungern eine Gelegenheit aus, dem Gringo eins auszuwischen - vor allem, wenn sie sich des Beifalls des ziemlich großen Teils der Welt sicher sein können, der die US-Spähangriffe und die Jagd auf den Aufdecker Snowden als skandalös empfindet.

Tatsächlich können sich die Länder ein derart forsches Auftreten erstmals in ihrer Geschichte leisten. China hat die USA als wichtigsten Handelspartner Lateinamerikas abgehängt. Öl fließt zwar noch in großen Mengen aus Ecuador und Venezuela in die USA, doch das würde wahrscheinlich selbst nach einem Asyl für Snowden so bleiben. Auch die schärfste Rhetorik eines Hugo Chávez, der George W. Bush seinerzeit einen Trunkenbold, Lügner und Teufel hieß, hatte diese für beide Seiten lebenswichtige Ader nie abgeklemmt.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit sinkt

Indirekt hat das der Verband nicaraguanischer Geschäftsleute bestätigt. Sie kritisieren, dass Präsident Daniel Ortega sich in die Reihe der Asyl-Angebotsländer einreihte. Venezuela und Bolivien könnten sich "diesen Luxus erlauben", weil ihre Wirtschaft nicht so stark von den USA abhänge. Die Bedeutung der USA für Nicaraguas Wirtschaft und soziale Entwicklung hingegen sei "enorm, wir reden hier von Exporten, ausländischen Investitionen, Hilfslieferungen", so der Industrieverband. Nicaragua hat Erfahrungen mit US-Blockaden, in den 1980er Jahren, während Ortegas erster Präsidentschaft, brachte eine solche - und ständige Angriffe von US-finanzierten Contras - das Land an den Rand des Kollaps.

Ortega tat sich nun allerdings leicht mit großen Worten, weil er genau wusste, dass Snowden sich für ein anderes Land entscheiden würde - der Einfachheit halber womöglich für Venezuela, weil das von Moskau aus noch am wenigsten kompliziert zu erreichen ist. Ein russischer Abgeordneter hatte zunächst erklärt, Snowden habe das Asylangebot Venezuelas angenommen, zog diese Aussage jedoch später zurück.* Präsident Nicolás Maduro erhält durch die Snowden-Affäre endlich Gelegenheit, sich als Wortführer von Alba und damit als würdiger Nachfolger des verstorbenen Hugo Chávez zu profilieren. "Was hätte sein Ziehvater Chávez getan?" - diese Überlegung habe bei Maduros Entscheidung eine große Rolle gespielt, mutmaßt die spanische Zeitung El País.

Letzter Auslöser für die Asyl-Offensive war die Luftraumsperrung in Europa für den bolivianischen Kollegen Evo Morales. Damit haben die USA nicht nur gezeigt, dass sie gewillt sind, jedes Flugzeug vom Himmel zu holen, in dem Snowden sitzen könnte; sie haben unfreiwillig die "bolivarische Allianz", die nach dem Tod von Chávez zu zerfasern begann, neu zusammengeschweißt. Und nicht nur die.

Warum Kuba sich zurückhält

Auch andere Länder haben scharf protestiert, so die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), sonst eher Washington-hörig, und die südamerikanische Staatengemeinschaft Unasur. Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff sagte nach Berichten über eine US-Spionagebasis in ihrem Land, wenn diese zutreffen, "würde dies sicherlich eine Verletzung der Souveränität und der Menschenrechte darstellen".

Auffällig zurückhaltend benommen hat sich bisher nur einer, der aber eine Schlüsselrolle innehält: Raúl Castro, Präsident Kubas. In Havanna müsste Snowden auf dem Weg von Moskau nach Caracas zwischenlanden. Das kommt ausgerechnet in einem Moment, in dem Kuba durch vielfältige Neuerungen bei der Reisefreiheit und im Wirtschaftsaustausch mit den USA bemüht ist, das Verhältnis nach 50 Jahren Isolation behutsam zu normalisieren.

Keine Frage: Snowden käme Kuba ungelegen in einem Moment der Reformen und des Umbruchs. Erstmalig und sehr spät hat gerade Castro den möglichen Aufnahmeländern am Montag seine Unterstützung zugesichert. Lateinamerika als Region habe "das Recht Asyl zu gewähren", das beruhe auf einer großen Tradition.

In der Tat waren die Staaten Lateinamerikas stets ein wichtiges Fluchtziel für Verfolgte und Gesuchte aller Couleur. Argentiniens Präsident Domingo Sarmiento regierte im 19. Jahrhundert nach dem Prinzip "Regieren heißt Bevölkern". Das Land nahm bis zum Ersten Weltkrieg im Grunde jeden auf, der kommen wollte. Die politische Überzeugung spielte dabei keine Rolle.

Erst in den 1930er Jahren begannen sich die autoritären Regime, die in Argentinien oder Brasilien an die Macht gekommen waren, ambivalent zu verhalten: Sie kooperierten mehr oder minder offen mit den Nazis, ließen aber gleichzeitig antifaschistische Immigranten aus Europa ins Land. Zwischen 1933 und 1945 kamen fast 100.000 jüdische Flüchtlinge und andere von den Nazis Verfolgte an lateinamerikanischen Gestaden an. Der deutsche Emigrant Peter Lilienthal beschrieb später seine Ankunft in Uruguay so: "Wir dachten, das liegt im Urwald, tatsächlich aber fanden wir eine offene, liberale, europäisch geprägte und kosmopolitische Atmosphäre vor."

Asyl für Verfolgte jeglicher Coleur

Der jüdisch-deutsche Exilant Stefan Zweig schrieb zum Dank für seine freundliche Aufnahme in Brasilien ein stark idealisiertes Buch über sein Gastland, das er als "eines der vorbildlichsten und liebenswertesten Länder der Welt" lobte, das "den Krieg hasst" und das "friedliche Zusammenleben der Menschen trotz aller disparaten Rassen, Klassen, Farben, Religionen und Überzeugungen in glücklicher und vorbildlicher Weise" gelöst habe. In Mexiko beflügelte die Aufnahme Tausender spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge in den 1930er Jahren Wirtschafts- und Geistesleben.

Nach der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg erwies sich Lateinamerika ebenfalls als sehr aufnahmefreundlich für die andere Seite - für Altnazis. Das peronistische Argentinien ließ Kriegsverbrecher wie den früheren SS-Offizier Erich Priebke ins Land. Auch Adolf Eichmann lebte in Buenos Aires. Der Gestapo-Folterer Klaus Barbie fand in Bolivien Unterschlupf. Das führte dazu, dass Juden und ihre früheren Verfolger sich in vielen lateinamerikanischen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg täglich auf der Straße begegneten - man habe die Straßenseite dann in der Regel gewechselt, berichtete der Emigrant Lilienthal.

Während der Militärdiktaturen der 1970er Jahre war es innerhalb Lateinamerikas üblich, geflohene Regimegegner zu verhaften und über die Grenzen hinaus auszuliefern. Auch die USA hatten zu dieser Zeit meist direkten Zugriff. Den früheren Diktator Panamas, Manuel Noriega, den Washington zuerst gepäppelt und dann als Drogenhändler verfolgt hatte, holte das US-Militär 1990 einfach selbst aus seinem Versteck in Panama-Stadt.

Eine derartige Aktion wäre angesichts der aktuellen politischen Konstellation in Lateinamerika kaum noch denkbar. Doch auf legalem Wege ist Washington der Zugriff versperrt - jedenfalls, solange Maduro regiert. Das Auslieferungsersuchen, das die USA schon mal vorsorglich für den Whistleblower gestellt haben, sei für ihn nur ein "windiges Papierchen", sagt Maduro.

*Text am 9. Juli, 23 Uhr aktualisiert

© Süddeutsche.de/beitz/lala
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