Zschäpe-Aussage:Auf kurzes Entsetzen folgt das Vergessen - und der Terror geht weiter

Es muss die Angehörigen der Opfer sehr schmerzen, wenn so über ihre getöteten Söhne, Väter und Ehemänner gesprochen wird. Dass Beate Zschäpe glaubhaft Reue zeigen würde, hatten allerdings ohnehin die wenigsten erwartet. Umso wichtiger ist es, dass sie Vertrauen in die Justiz und in den Staat zurückgewinnen und die Gesellschaft die richtigen Lehren aus dem NSU-Fall zieht.

Es reicht nicht, mit dem Finger auf die Angeklagten und die toten Täter zu zeigen. Die braune Kameradschaft in Thüringen, in der die Terroristen groß wurden, ist unter der Führung von V-Leuten des Verfassungsschutzes gewachsen. Der Staat hat unfassbar viel falsch gemacht, als es darum ging, das Trio zu finden und die Mordserie aufzuklären. Immer noch plagen sich mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse damit, das ganze Ausmaß des Versagens zu vermessen.

Es ist leicht, den Kopf über eine Frau zu schütteln, die mit rechten Terroristen zusammenlebte. Über eine Frau, die behauptet, sie selbst habe das Morden nicht gewollt, es aber leider nicht geschafft, ihre Freunde davon abzubringen. Ob es so war, mag man bezweifeln. Erschreckend ist allerdings, dass die Geschichte des Verdrängens und Resignierens, die Zschäpe präsentiert hat, ein bisschen auch daran erinnert, wie die Gesellschaft auf rassistische Gewalt reagiert.

Diese Gewalt war und ist Alltag in Deutschland. Hier ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim, dort eine Hetzjagd auf Ausländer; man beginnt schnell, sich daran zu gewöhnen. Auf kurzes Entsetzen folgt das Vergessen - und der Terror geht weiter.

Wenn ein Mensch eng mit zwei Mördern zusammenlebt, ist das natürlich nicht das Gleiche wie das lose Miteinander der Bürger in einem Land, in dem auch Neonazis zu Hause sind. Dennoch sollte Zschäpes hohle Entschuldigung ein Anlass sein, darüber nachzudenken, warum die Gesellschaft im Kampf gegen den rechten Hass so schwach wirkt. Der NSU-Prozess ist auch deshalb so wichtig, weil er dem Land einen Spiegel vorhält. Er zeigt die Kinder der Wendezeit, die in großer Zahl in die rechte Szene abgeglitten sind, und er zeigt ignorante Beamte, die sich auf dubiose Spitzel verlassen haben. Seltsame Auftritte und Ausreden hat es in diesem Prozess schon viele gegeben. Zschäpe hat sich nur eingereiht.

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