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Zoom:Hörig

Durch sein Kuschen gegenüber dem Regime in China zeigt der Dienst, wie wenig vertrauenswürdig er ist.

Von Christoph Giesen

Mehrere Wochen lang war die Konferenz-Plattform Zoom ein Fenster zum unzensierten, freien Internet jenseits der Großen Firewall, die Chinas Apparat errichtet hat. Man konnte an Diskussionen teilnehmen und auf einmal dabei zuhören, was die Welt bespricht. Nun schließt sich diese Luke wieder. Zoom ist eingeknickt vor den Behörden und hat Konten von Regimekritikern sperren lassen, die an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 31 Jahren erinnerten. Offizieller Grund: Verstoß gegen lokale Bestimmungen. Es gibt jedoch kein Gesetz, das das Tiananmen-Gedenken unter Strafe stellt. "Untergrabung der Staatsmacht" heißt es in China meist weit gefasst, um sich möglicher Proteste zu entledigen. Ein US-Internetanbieter sollte da nicht mitmachen.

Hofften die Gründer von Zoom etwa auf das große Geld in China? Hunderttausende Firmen, die künftig per Zoom digital konferieren? Millionen Studenten, die bald Vorlesungen und Seminaren lauschen? Das wäre naiv. Wie so oft in China spielen die sonst überall bekannten Online-Dienste keine Rolle. Statt Google nutzen die Chinesen Baidu, statt Twitter Weibo und Wechat anstelle von Facebook. Für Zoom gibt es gleich zwei Alternativen: beide garantiert zensiert und staatlich überwacht.

Die Lehre daraus lautet: Eine Firma, die so schnell kuscht und ihre Nutzer preisgibt, sollte vielleicht überhaupt nicht bei Besprechungen zum Einsatz kommen. Weder in China noch in Deutschland.

© SZ vom 13.06.2020
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