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Zivilschutz:Deutschlands Bunker werden "eingemottet"

Der Kalte Krieg ist vorbei und die Angst vor Terrorismus ist größer als vor Bombenanschlägen. Die 2000 Bunker werden also nicht mehr gebraucht - findet zumindest das Innenministerium.

Knatternd und knarzend dröhnt die Stimme aus dem Lautsprecher im Raum des Bunkerwarts: "Hier ist das Warnamt 1, Atombombenangriff auf Hamburg-Mitte, Windrichtung Nord."

Bunker

Ein Hochbunker in der Bramfelder Straße in Hamburg

(Foto: Foto: dpa)

Sirenen heulen. Männer, Frauen und Kinder rennen angsterfüllt zum Hochbunker in der Bramfelder Straße 96, laufen an der Schwelle über die Zählmatte. Genau 1633 Menschen dürfen rein. Dann schließt sich die schwere Eisentür automatisch.

Ein Horror-Szenario aus scheinbar weit zurückliegender Zeit: Längst hat sich die Weltlage verändert, nun drohen Terroranschläge statt Atombomben. Geblieben sind jedoch die rund 2000 beton- und stahlbewährten Bunker und Schutzräume in Deutschland.

Seit Ende des Kalten Krieges fristen sie ein Schattendasein. Doch nun kommt endgültig das Aus. Alle 2000 für den Bevölkerungsschutz noch bereit gehaltenen "Unterkünfte" werden laut einem Erlass des Bundesinnenministeriums "eingemottet" oder verkauft.

Kein ewiger Friede

Der Zivilschutzexperte Peter Mohr hält dies für bedenklich. "Der 11. September hat gezeigt, wie schnell sich Gefahrenlagen ändern könnten. Nach dem Ende des Kalten Krieges dachten viele Politiker, jetzt ist der ewige Frieden ausgebrochen."

In den 90er Jahren seien überall die Sirenen von den Dächern abmontiert worden. "Anschließend zeigten Gutachten, dass sie der wirksamste Schutz zur schnellen Warnung der Zivilbevölkerung sind", erklärt Mohr, warum er auch den "Bunkerausstieg" für voreilig hält. "Vielleicht wäre es sinnvoller, die 2000 Bunker und Schutzräume für den Ernstfall vorzuhalten."

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Mohr als Referent für Zivilschutz in der Hamburger Innenbehörde. Mit 78 Bunkern für etwa 80 000 Menschen hat die Hansestadt eine der höchsten "Bunkerdichten" in Deutschland.

Museum statt Schutzraum

In dem 1941 gebauten Hochbunker in der Bramfelder Straße 96 in Hamburg-Barmbek richtet der 65-Jährige zusammen mit einigen Kollegen derzeit ein Zivilschutz-Museum ein. Es ist nach seinen Angaben das einzige in Europa, das sich in einem noch aktiv für den Zivilschutz genutzten Bunker befindet.

Das Wummern der Lüftung ist in dem siebenstöckigen Betonklotz ein ständiger Begleiter. Der Bunker ist eine andere Welt - die Welt des nach der Kuba-Krise für realistisch gehaltenen Dritten Weltkriegs.

In einem Raum hängt ein Plakat mit einem riesigen Atombombenpilz über einer Stadt. Mit einer Aktentasche vor dem Kopf wirft sich ein Mann hinter einen Baum. "So bist du besser geschützt", steht darunter.

Eingesperrt mit Blechspiegeln und Wochenbettsets

Jeweils 70 silberfarbene Pritschen befinden sich in den Schlafräumen, für alle Menschen gibt es in der wenige Quadratmeter großen Küche gerade mal vier elektrische Herdplatten. In den Gängen des Bunkers befinden sich lange Klappsitzreihen. Die Spiegel auf den Toiletten sind aus Blech.

"Wenn 1633 Leute hier eingesperrt sind, kann schnell mal einer durchdrehen und sich mit den Scherben eines Glasspiegels umbringen", erklärt Mohr. Im Materialraum lagern nach wie vor hunderte "Sabrina-Wochenbett-Sets", Binden und Windeln. Im Maschinenraum werden hunderte Liter Diesel für das Notstromaggregat gehortet.

Mohr hofft, dass der Förderverein Historischer Zivil- und Bevölkerungsschutz den Hochbunker trotz des Aufgabebeschlusses weiter als Museum nutzen kann - und sich nicht nur bereits "mit den Hufen scharrende" Architekten selbst verwirklichen dürfen.

Schließlich gebe es andernorts ebenfalls Pläne für Bunkermuseen. So wird auch der für den Fall eines Atombombenangriffs gedachte frühere Ausweichsitz der Bundesregierung in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) noch dieses Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wohl im Oktober öffnet in einem Teil des 30 Kilometer von Bonn entfernt gelegenen "Regierungsbunkers" eine Dokumentationsstätte zum Kalten Krieg.

© dpa