Zivile Opfer des Irak-Kriegs 600 Tote pro Tag

Im Irak sind seit 2003 mehr als 650.000 Menschen ums Leben gekommen - sagt ein Team der amerikanischen Johns Hopkins School of Medicine. Doch ihre Berechnungsmethode ist umstritten.

Von Werner Bartens

Die Zahl getöteter Zivilisten im Irak könnte weit höher sein als bisher angenommen. Ein Team um Gilbert Burnham von der Johns Hopkins School of Medicine im amerikanischen Baltimore hat errechnet, dass zwischen März 2003 und Sommer 2006 im Irak 654965 Menschen an Kriegsfolgen ums Leben kamen. Das wären etwa 600 Todesopfer an jedem Tag.

Diese aus Umfragen und Hochrechnungen ermittelte Zahl würde bedeuten, dass 2,5 Prozent der Bevölkerung seit Kriegsbeginn gestorben sind. Die US-Regierung spricht hingegen von 30.000 toten Zivilisten, Menschenrechtsgruppen von 60.000.

Im Fachblatt Lancet von diesem Freitag diskutieren Forscher, wie verlässlich die neuen Zahlen sind.

Das Team um Burnham, zu dem auch der Mediziner Riyadh Lafta von der Universität Bagdad gehört, verteidigt seine Methode. Die Forscher hatten in den 16 Regierungsbezirken des Irak 50 Regionen zufällig ausgewählt und dort die Zahl der gewaltsamen Todesfälle erhoben. Dazu wurden fast 13.000 Menschen befragt, ob Familienmitglieder umgekommen seien, und Totenscheine eingesehen.

Die regionalen Erhebungen wurden auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet. Demnach sind 601.027 Menschen durch direkte Gewalt gestorben; die meisten wurden erschossen. Zu Anfang des Krieges waren Folgen von Luftangriffen die zweithäufigste Todesursache, mittlerweile sind es Autobomben.

Andere Forscher kritisieren, dass in manchen Regionen nur 81 Prozent der Todesfälle durch Totenscheine belegt seien. Zudem seien 50 untersuchte Regionen, auch wenn sie repräsentativ ausgewählt wurden, zu wenig, um auf die Opferzahlen im ganzen Land zu schließen.

Der Krieg im Irak sei ja auch dadurch gekennzeichnet, dass die Gewalt an einzelnen Orten teilweise mehrere hundert Opfer fordere und nicht gleichmäßig über das Land verteilt sei.

Burnham und sein Team können die Kritik widerlegen. Mit ähnlichen Analysen seien auch Opferzahlen für den Kongo und Darfur ermittelt worden.

Die Herausgeber des Lancet vermuten in einem Kommentar, warum die Kritik an der Berechnung von Burnham so vehement ausfällt: ,,Verständlicherweise will niemand glauben, dass 2,5 Prozent der Iraker dem Krieg zum Opfer gefallen sind'', schreiben sie. ,,Wäre die Berechnung falsch, sähe es im Irak nicht ganz so schlimm aus.''