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Zitat über alte Menschen:Palmer fühlt sich missverstanden

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat sich gegen den Vorwurf gewandt, er habe das Lebensrecht alter Menschen in der Corona-Krise infrage gestellt. In einem Interview des Magazins Cicero sagte Palmer am Mittwoch, das fragliche Zitat aus einem Interview des Sat.1-Frühstücksmagazins sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er habe auf das "moralische Dilemma" hinweisen wollen, dass eine Verabsolutierung des Schutzes von Menschenleben hierzulande durch den Lockdown zu einer Wirtschaftskrise im globalen Süden führe, was dort wiederum die Kindersterblichkeit drastisch erhöhen werde. Palmer hatte in dem Sat.1-Interview seine Forderung nach Lockerungen im öffentlichen Leben bekräftigt und das weltweite Herunterfahren der Wirtschaft als großen Fehler bezeichnet. "Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen." Der Armutsschock, der durch den Lockdown und die weltweite Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben. Im Internet und in anderen Medien hatte Palmer mit dem Satz über alte Menschen einen "Shitstorm" provoziert. Kritiker warfen ihm vor, er bediene damit die rechte Ideologie, dass nur Starke und Gesunde überleben dürften. Palmer wies diesen Vorwurf von sich. Sein Satz sei eine Antwort auf Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gewesen, der in einem Interview des Tagesspiegel gesagt hatte, der Staat könne nicht jedes Leben retten.

© SZ vom 30.04.2020 / kna
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